Berthe Lutgen und Misch Da Leiden: Hochsommer der Luxemburger Kunstgeschichte

Die Villa Vauban verspricht mit der Ausstellung „Summer of ´69“ einen Ausflug in die Luxemburger Kunstszene der späten 1960er-Jahre – und dort gibt es einiges zu entdecken.

Die Beinserie von Berthe Lutgen gilt als erstes Zeugnis feministischer Kunst in Luxemburg. (© Berthe Lutgen)

Die Ausstellung „Summer of ´69” in der Villa Vauban führt ihr Publikum entlang eines Zeitstrahls in die künstlerischen Geschehnisse der „Jahre der Revolte“ ein. Bilder und Texte – die Ausstellung und der Katalog werden in drei Sprachen bespielt – kommen aufs Tapet. Oberhalb dieser Achse entlang der Wand befinden sich die internationalen, darunter die nationalen Kunstaktionen, die damals relevant waren. Es gibt zahlreiche Reproduktionen von Ausstellungsplakaten und dokumentierenden Fotografien, sodass einiges zu betrachten ist, bevor man zu den eigentlichen Werken der Ausstellung kommt.

Schwarz-Weiß-Fotos zeugen von einer bunten Zeit, in der die gesellschaftlichen Normen stark überschritten wurden, um Neues einzuleiten. Das globale Feeling der Sixties drückte sich auch in der bildenden Kunst aus. Kunst wurde zur Aktionskunst. Die künstlerische Handlung wurde über das fertige Kunstwerk gestellt. Es galt, sich von der konsumorientierten Ware Kunst zu entfernen und Kunst der Bildungselite zu entreißen. Luxemburg hatte zu dieser Zeit ein engstirniges Kunstverständnis. Die wenigen nationalen Kunstinstitutionen setzten auf die vorherrschende Strömung der École de Paris der Nachkriegszeit. Umso erstaunlicher ist, dass gleich mehrere lose Gruppierungen junger Künstler*innen zwischen 1967 und 1971 im Land aufkamen.

Das wohl erste Happening fand noch im klassischen Rahmen des Salon du Cercle artistique de Luxembourg statt. 1968 lud dieser sechs junge Künstler*innen, darunter auch Berthe Lutgen als einzige Frau, ein, auszustellen. Zur Überraschung und zum Unverständnis des Publikums präsentierten die Kunstschaffenden sich selbst in Badebekleidung unter dem Titel „We call it Arden and we live in it“. Die öffentliche Reaktion darauf in Luxemburg? Inexistent.

Fast alle derartigen Aktionen wurden von der nationalen Presse quasi ignoriert. Für die Ausstellung in der Villa Vauban wurden zwei Zeitungsbeiträge, einer aus dem Trierer Volksfreund und einer aus dem Républicain Lorrain, reproduziert. Letzterer stellte die neue Gruppierung Initiative 69 und einige Aktionen vor und betitelte den Artikel: „Que veulent-ils?“. Die Landart Aktion „ligne brisée“ (Zickzack Linie) bei der mit Kreide am begradigten Petrussufer gemalt wurde, verlegte die Kunst der Initiative vollends in den öffentlichen Raum und – man ahnt es vielleicht – die Polizei wurde von aufgebrachten Passant*innen herbei gerufen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Die Villa Vauban konzentriert sich auf zwei Künstler*innen, die in dieser kurzen, aber intensiven Zeit aktiv waren, und fragt, was von ihrem Engagement geblieben ist. Dafür widmet sie Berthe Lutgen und Misch Da Leiden jeweils ein Stockwerk.

© Misch Da Leiden

Zwei Einzelkämpfer*innen aus einer Gruppenbewegung

Lutgens prägnantestes Werk stammt aus einer Ausstellung der Initiative 69. Ihre Arbeit „Beine statisch, Beine in Bewegung, Beine live“ erstreckt sich über fünf Bildtafeln, die jeweils einen weiblichen Unterleib in Unterwäsche zeigen, im Zentrum einer großflächigen Formation aus knallig roten Resopalplatten, einem Material, das damals viel in Küchen verwendet wurde. Ursprünglich bestand das Werk zudem noch aus einer Performance mit Frauen, die mit verschränkten Armen zwischen den Tafeln standen, einiger Künstlerinnentexte und einer Filmprojektion. Diese Beinserie wird im Ausstellungskatalog von der Kuratorin Gabriele Grawe als „erstes und damit wichtiges Zeugnis der feministischen Kunst in Luxemburg“ bezeichnet. Trotzdem blieb die Resonanz auf diese künstlerischen Inhalte damals gering und die Künstlerin, die unter anderem in der Klasse von Joseph Beuys in Düsseldorf studiert hatte, musste sich dem in Luxemburg vorherrschenden Typus des professeur-artiste anschließen und als Kunsterzieherin arbeiten. Ihre aktivistische Tätigkeit führte sie ab 1971 als Mitbegründerin des Mouvement de la libération de la femme auch außerhalb der Kunst fort. Neben der Beinserie gibt es einige interessante Grafiken und neuere Werke bis hin zu Arbeiten zum ersten Frauenstreik 2020 zu entdecken.

Im ersten Obergeschoss reihen sich mehrere großformatige Bildtafeln an den Wänden. Herrscht bei Lutgen ein Stilpluralismus, so wird bei Misch Da Leiden gezeigt, dass er an seinem seit den 1970ern erarbeiteten Stil festhält. Collage-artig mischt er verschiedene Medien wie Malerei, Fotografie und Druck. Seine dichten Kompositionen sind wie ein Spiegel, der der Gesellschaft vorgehalten wird. Fragmentiert und überlappend entsteht eine Art Overload an Informationen, Konsumgütern und sozialen Problemen. Seine Stilmittel basieren auf der Pop Art und dem für dieses Genre typischen Heranziehen von Werbegrafiken und Fotografien. Inhaltlich drehen sich die Bildelemente mal mehr, mal weniger klar um soziale und politische Themen. Er handelt als Editor, seine Bildebenen besitzen keinen individuellen malerischen Gestus und formen eine flächige Sammlung an Beobachtungen, die sich auch kritisch auf die wiedergebenden Medien selbst beziehen. Im Gegensatz zu Lutgen gab Da Leiden die Luxemburger Kunstszene früh auf und fand seine neue Wahlheimat in Düsseldorf. Ein knapp 30-minütiges Filmporträt lässt den Künstler zu Wort kommen. Leider gibt es an dieser Station keine Sitzgelegenheit und die Besucher*innen müssen den Film mit Hörmuschel in der Hand im Stehen verfolgen.

Der gewählte thematische Fokus auf die revolutionären 1960er als Ausgangspunkt der Schau, bringt die ansonsten räumlich getrennten Protagonist*innen zusammen. Es ist deren erste künstlerische Wiederbegegnung seit dieser Zeit. Es stellt sich jedoch die Frage, ob das kuratorische Konzept vollends gelungen ist: Diese Jahre bieten mehr Stoff und Akteur*innen, wie beispielsweise die, die auf einer Plakat-Reproduktion namentlich auf der Einladung zur Ausstellung erwähnt werden. Der Katalog gibt immerhin an, dass diese Phase nur der Beginn für die Entwicklung der beiden gezeigten Künstler*innen war, und verweist weiterführend auf die kunsthistorischen Publikationen von Edmond Thill. Weder Retrospektive noch durchgehend thematisch orientierte Ausstellung, birgt „Summer of ´69“ trotzdem wertvolle Einblicke in die Entwicklung der Luxemburger Kunst.

Villa Vauban, bis zum 22. Mai 2022.

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