Buch über Migration: Panoptikum der Heimatlosen

In seinem preisgekrönten Buch „Flucht“ entwirft der Historiker Andreas Kossert die Menschheitsgeschichte aus der Perspektive von Flucht und Migration. Bisweilen verliert er dabei ein wenig die Übersicht.

Sein neues Buch „Flucht – eine Menschheitsgeschichte“ könnte als Schlüssel zu mehr Verständnis für Flüchtlinge und Migranten dienen: der Historiker Andreas Kossert. (Foto: © Tobias Hein)

Immer mehr Flüchtlinge versuchen, den Ärmelkanal von Frankreich nach Großbritannien zu überqueren. Dutzende ließen dabei bereits ihr Leben. Ende November ertranken 27 Menschen, als ihr Schlauchboot bei dem Versuch, die dreißig Kilometer lange Strecke zwischen Calais und Dover zu überwinden, mit Wasser vollgelaufen war. Zwischen den Regierungen in Paris und London sorgt die Situation für Streit. Unterdessen treibt der belorussische Präsident Alexander Lukaschenko ein zynisches Spiel mit Flüchtlingen, das Feld dafür hat ihm die Europäische Union bereitet (siehe dazu den Artikel „Arsenal des Zynismus“ in woxx 1659).

Dies sind nur zwei Beispiele aktueller Asyl- und Migrationspolitik und ihrer Auswirkungen, die auch in Andreas Kosserts Buch „Flucht“ vorkommen könnten, für das der in Berlin lebende Historiker im vergangenen Mai den Preis „Das politische Buch“ der Friedrich Ebert-Stiftung erhielt und das für den Deutschen Sachbuchpreis 2021 nominiert war.

Es ist bei weitem nicht das einzige Buch der jüngsten Zeit zu diesem Thema, doch es nimmt zwischen all den Neuerscheinungen eine Sonderstellung ein. Es ist nämlich weder eine reine Darstellung verschiedener Flüchtlingsschicksale noch eine theoretische Abhandlung über Asylpolitik, weder eine journalistische Reportage noch ein politisches Manifest. Auch den Anspruch einer wissenschaftlichen Forschungsarbeit erfüllt es nicht, sondern verbindet vielmehr die vorgenannten Perspektiven: Zugleich versucht sich Kossert an einer historisch ausgreifenden Gesamtdarstellung des Phänomens. Daher ist der Untertitel „Eine Menschheitsgeschichte“ auch nicht zu hoch gegriffen.

Andreas Kossert, der 2008 mit „Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945“ bereits einen Bestseller veröffentlicht hat, schildert Einzelschicksale und stellt die Flüchtlingsbewegungen von heute in einen großen geschichtlichen Zusammenhang. Wie schon in „Kalte Heimat“ beschreibt er die existenziellen Erfahrungen von Entwurzelung und Heimatverlust, von Ablehnung und Anfeindung, die Flüchtlinge machen. Und er zeigt, wie schwer sie es haben, eine neue Heimat zu finden und dort auch wirklich anzukommen. Vor allem gibt er ihnen eine Stimme. Sie sind keine Forschungsobjekte, sondern handelnde Subjekte, Akteure der Weltgeschichte. Sie kommen selbst zu Wort. Kossert rückt auf den 432 Seiten einen erfahrungsgeschichtlichen Ansatz in den Vordergrund. Er hat dafür Briefe und Tagebücher sowie andere Dokumente gesichtet und ausgewertet, aber auch literarische Werke herangezogen. Denn die Literatur ist voller Migrations- und Fluchtgeschichten.

Die Materialfülle ist beeindruckend. Flucht und Vertreibung sind bestimmende Faktoren historischer Entwicklung. Flucht ist die Reaktion auf etwas Negatives: Flucht vor Bedrohung, Gewalt, Todesgefahr, Unterdrückung und Verfolgung. Der Begriff „fluchtartig“ drückt Verzweiflung aus. Die Erinnerungen daran bleiben, sie finden Eingang in Briefe, Lieder und Bücher der Entflohenen.

„In jedem Menschen steckt ein Flüchtling“, wird Rupert Neudeck zitiert, Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur, der im Zweiten Weltkrieg selbst diese Erfahrung machte. Zum Flüchtling kann jede und jeder werden, wie auch die historische Erfahrung zeigt. Kossert greift zurück ins Christentum, angefangen beim biblischen Exil des jüdischen Volkes und dessen Auszug aus Ägypten sowie bei der Geburt Jesu und der Flucht seiner Eltern.

Flucht und Vertreibung sind bestimmende Faktoren historischer Entwicklung.

Allerdings haben weder die biblische Geschichte und das Gebot, „die Fremdlinge zu lieben“ noch eigene Fluchterfahrungen die Menschen in den Gastländern eines Besseren belehrt. Immer wieder kommt es zu Abneigung, Misstrauen oder sogar Hass gegenüber den Neuankömmlingen, genährt aus der Angst vor dem Fremden, vor dem Anderen – oder aus der Abwehr der Angst, selbst einmal von diesem Schicksal betroffen zu sein. Flüchtlinge werden als Bedrohung betrachtet, dabei gehören sie zu den Schwächsten.

Kossert erzählt von dem Hass, der den in Folge des von den Nationalsozialisten entfesselten Krieges aus Osteuropa geflüchteten Deutschen in ihrer „Heimat“ entgegenschlug, von den aus der Türkei vertriebenen Griechen, die in Griechenland beschimpft wurden, der Feindseligkeit gegenüber den Menschen, die in den vergangenen Jahren aus Afghanistan, Eritrea oder Syrien nach Europa kamen.

Nicht erst in diesen Tagen tritt die Flucht vor den Folgen des Klimawandels zu Fluchtgründen wie Krieg und Verfolgung hinzu, so wie einst die Menschen vor Hunger aufgrund von Dürren und Missernten flohen, wie zum Beispiel vor der großen Hungersnot in Irland in den Jahren 1845 bis 1850.

Der in München geborene Historiker Andreas Kossert, der seit 2010 bei der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung (SFVV) in Berlin tätig ist, setzt den Schwerpunkt seiner Betrachtungen auf Europa und den Nahen Osten. Das hat den Vorteil, dass er an seinem Vorgängerwerk über die Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa anknüpfen kann.

Kosserts Buch gibt einen Einblick und einen Überblick, bietet ein Panoptikum eines Menschheitsdramas, flankiert von kurzen Episoden und Zeugnissen, die die Zusammenhänge sowohl verständlicher machen als auch mitfühlen lassen. Das Buch stellt die individuelle Perspektive der Flüchtlinge selbst in den Vordergrund, gleich welchen Geschlechts, Alters oder welcher Herkunft, ob aus Afghanistan, Chile, Schlesien oder Myanmar, ob mit dem Handwagen, im Schlauchboot oder zu Fuß. Es zeigt die einzelnen Abschnitte der Flucht: den Aufbruch, den Weg und die Ankunft. Und es zeigt die Angst, die Hoffnung und die Hoffnungslosigkeit.

Flucht und Vertreibung beinhalten stets auch eine Dimension des Verlusts. Dieser erlittene Verlust ist nicht so sehr der materielle, sondern der Verlust, zuhause zu sein. Selbst an nachfolgende Generationen kann lebenslanges Heimweh weitervererbt werden. Wenn der Umgang mit Geflüchteten ein Indikator für den Grad der Menschlichkeit ist, die in Gesellschaften anzutreffen ist, dann ist es momentan um die Welt schlecht bestellt. In diesem Sinne könnte Kosserts Buch als Schlüssel zu mehr Verständnis für Flüchtlinge und Migranten dienen, als Kompass hin zu mehr Empathie.

Einen Kompass hätte der Autor bisweilen allerdings ebenfalls gebraucht, denn die riesige Materialfülle wirkt nicht selten etwas unstrukturiert aneinandergereiht. Dass unter seinen vielen Beispielen den Schicksalen der deutschen Zwangsumgesiedelten mehr Platz eingeräumt wird, mag auch dem bisherigen Arbeitsschwerpunkt des Historikers geschuldet sein. Dennoch ist es ein Manko, dass beispielsweise Klimaflüchtlinge nicht zum Thema werden, wie dies etwa der indisch-amerikanische Politikwissenschaftler Parag Khanna in seinem Buch „Move – Das Zeitalter der Migration“ (2021) behandelt.

Viele Erfahrungen wie zum Beispiel das Heimweh und das Gefühl von Heimatlosigkeit sind laut Kossert übrigens bei den meisten Migranten festzustellen – ob sie nun Asylsuchende oder Arbeitsmigranten sind. Man kann dem Autor ein selektives Vorgehen vorwerfen, ab und an auch eine gewisse Redundanz. Doch die in seinem Buch versammelten Flucht- und Migrationsgeschichten machen sein Buch trotz der genannten Schwächen lesenswert. So erfährt man etwa die Familiengeschichte des frischgebackenen deutschen Landwirtschaftsministers Cem Özdemir, dessen Vorfahren aus einem tscherkessischen Dorf im Kaukasus stammten und durch ihre Vertreibung später Türken wurden. Im Jahr 1961 wiederum wanderte der Vater des Grünen-Politikers als „Gastarbeiter“ nach Deutschland aus.

Andreas Kossert: 
Flucht. Eine Menschheitsgeschichte. 
Siedler Verlag, 432 Seiten.

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