
(© Kampa Verlag)
Auf einer finnischen Insel soll der Blauwangenspint gesichtet worden sein. Das behauptet Holly, eine ehemalige Schauspielerin, die zurückgezogen an diesem einsamen Ort lebt. Um den seltenen Vogel, der in Finnland eigentlich nicht vorkommt, zu sehen, reist die Journalistin Eva auf die Insel. Und weil das Boot nur einmal pro Woche fährt, sind die beiden Frauen gezwungen, mehrere Tage miteinander zu verbringen. Maisku Myllymäki erzählt in ihrem Debütroman „Holly“ von diesem Aufeinandertreffen und lässt die Leser*innen dabei gekonnt im Ungewissen tappen. Nach und nach werden die Konturen der Figuren deutlicher – wie durch einen sich lichtenden Nebel –, doch ganz greifbar werden sie nie: Holly führte ein aufregendes Leben, spricht viel und handelt impulsiv; Eva ist schweigsam, beobachtend, weiß oft selbst nicht, was sie will und entwickelt eine ungeahnte Faszination für Holly. Diese Begegnung setzt bei beiden Frauen etwas in Bewegung. Die Suche nach dem Vogel entwickelt sich schleichend zu einer Suche nach etwas ganz anderem, einem Zurückgewinnen der eigenen Handlungsmacht. Durch die präzisen Beobachtungen der Autorin und die plastische Beschreibung der Natur entsteht eine besonders dichte Atmosphäre. Dabei blitzt auch immer wieder ein ganz feiner Humor auf, etwa wenn die Figuren sich ganz unerwartet verhalten, ohne dadurch weniger authentisch zu sein. Mit Spannung verfolgt man, was sich in dieser Woche zwischen den beiden Frauen entfaltet, und wird von den Wendungen überrascht, die der Roman nimmt. Ein unkonventioneller, erfrischend anderer Sommerroman.

