Carole Lorang im Gespräch: „Mir ist es wichtig, engagiertes Theater zu zeigen“

Das Escher Kultkino Ariston wird nächste Woche wachgeküsst: Rundgänge und Aufführungen leiten die Wiedereröffnung als zweite Bühne des Escher Theaters ein. Carole Lorang, Direktorin beider Bühnen, spricht über den Weg zum Ziel, Diversität und Engagement.

Nächste Woche Portes Ouvertes, im Herbst die erste Saison: Das frühere Kino Ariston wird als zweite Bühne des Escher Theaters wieder zum Leben erweckt. (COPYRIGHT: Emile Hengen)

woxx: Lange wurde über die weitere Nutzung des leer stehenden Ariston diskutiert: Die Gemeinde wollte die Räumlichkeiten nicht kaufen; der Denkmalschutz war angedacht. Am Ende schlug die Gemeinde doch zu, das Gebäude gilt inzwischen als Kulturerbe und das Escher Theater erhält eine neue Bühne. Wie haben Sie diesen Prozess erlebt, Frau Lorang?

Carole Lorang: Als ich 2018 beim Escher Theater anfing, hatte ich bereits 2018/2019 – meine erste Saison war die von 2019/2020 – begonnen, ein Programm für Kinder und Jugendliche auszuarbeiten. Zu der Zeit kam auch Francis Schmit ins Haus, der vorher in den Rotondes gearbeitet hatte, und auf ein junges Publikum spezialisiert ist. Wir waren uns sofort einig, ein entsprechendes Programm für das Jahr anpeilen zu wollen. Uns wurde aber schnell bewusst, dass die große Bühne des Escher Theaters nicht ideal ist für Stücke, die intimer sind oder bei denen der Bezug zwischen Bühne und Saal direkt sein muss, sodass wir viele Stücke „scène sur scène“ [An. d. R.: Stücke, bei denen das Publikum auf der Bühne sitzt] gemacht haben. Ich habe mich früh beim Schöffenrat nach der Möglichkeit einer kleinen Black Box erkundigt – ich glaube, das ist mit den Diskussionen um das Ariston zusammengefallen.

Wie ging es weiter?

Der Schöffenrat kam auf mich zu und fragte: „Kannst du dir vorstellen, das im Ariston zu realisieren?“ Wir haben uns schnell geeinigt. Ich war also von Anfang an an den Arbeiten beteiligt und stand in Kontakt mit dem Architekturbüro. Im Sommer 2019 gingen die Arbeiten los. Ich konnte immer wieder auf die Bedürfnisse eines Theaters aufmerksam machen. Irgendwann gab es dann eine Frist: Die Eröffnung des Ariston wurde im Rahmen des Kulturjahres Esch2022 geplant. Wir haben also unter Zeitdruck gearbeitet. Es ist natürlich heftig, wenn man neu mit an Bord ist, eine Baustelle mit zu verwalten, ein Programm aufzustellen, gleichzeitig eine Pandemie herrscht und andere Projekte für Esch 22 laufen – das war sportlich. Ich muss jedoch auch sagen, dass es einmalig ist, mitzuerleben, wie heute eine neue Bühne entsteht. Besonders in Zeiten, in denen diese anderenorts eher schließen müssen.

Das mit der Eröffnung zum Auftakt des Kulturjahres 2022 hat nicht geklappt. Stört Sie das?

Esch2022 war ein Beschleuniger: Die Entscheidungen wurden schnell getroffen und es war von Anfang an klar, dass intensiv gearbeitet wird, damit alles rechtzeitig fertig wird. Anfangs war Ende April als Eröffnungsdatum angedacht. Durch die Pandemie und später den Kriegsausbruch in der Ukraine, war es schwer, Material zu bekommen. Es war also abzusehen, dass das Einhalten dieser Frist schwierig wird. Dass wir nun im Juni öffnen, finde ich nicht schlimm – es hätte noch viel später werden können.

Das Ariston ist zunächst aber nur für ein kleines Festival geöffnet, oder?

Wir organisieren jetzt die Portes Ouvertes, um den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich die Räumlichkeiten anzuschauen und das eine oder andere Stück im Ariston zu erleben – doch es war immer schon mein Plan, das Ariston im Herbst zu eröffnen. Wir hätten ehrlich gesagt auch nicht mehr hingekriegt: Ich musste die Saison 2021/2022 planen und vor einem Jahr war es noch viel zu riskant, ein Programm für das Ariston mitzudenken, das im Mai anläuft.

Wird das Ariston im Herbst noch von dem Medienrummel um Esch2022 profitieren können?

Wir hatten viele Angebote in letzter Zeit und auch in anderen Orten im Süden läuft momentan viel – ehrlich gesagt finde ich es deswegen auch nicht schlimm, dass das Ariston noch nicht eröffnet wurde. Uns bleiben immer noch drei Monate des Kulturjahres, in denen wir Stücke zeigen können – vor allem aber bleiben wir ja, auch nach dem Kulturjahr. Das Wichtigste ist, dass das Ariston jetzt existiert. Als Leiterin einer Kulturinstitution sehe ich eher den langfristigen Nutzen. Wir sind ja nicht auf Events spezialisiert. Ich finde es besser, die Baustelle ordentlich abzuschließen, statt provisorische Lösungen gesucht zu haben.

Das Ariston war ursprünglich als Kinder- und Jugendtheater gedacht. Bei den Portes Ouvertes zeigen Sie nur ein Stück für junges Publikum – ein Zufall oder hat sich Ihr Konzept verändert?

Nein, ich habe mich bewusst dafür entschieden. Mir war es wichtig zu sagen, dass das Ariston ein fester Bestandteil des Escher Theater ist. Ich will keine Zäsur zwischen den beiden Orten. Wir haben jetzt zwei Bühnen und wir können beide bespielen. Wir führen die Stücke dort auf, wo sie am besten hinpassen. Sei das aus technischen oder ästhetischen Gründen, sei das, weil sie einen bestimmten Bezug zwischen Bühne und Saal erfordern. Unsere Tanz- und Zirkusstücke bleiben wahrscheinlich im Escher Theater, weil das Ariston dafür zu klein ist. Und klar, wir haben ein konsequentes Kinder- und Jugendprogramm, in dem oft weniger Menschen auf der Bühne stehen und viele dieser Stücke werden deswegen im Ariston stattfinden. Doch ein Stück wie Dan Tansons „De Kapitän Mullebutz a seng Séisswaassermatrousen“ und andere Stücke für Kinder und Jugendliche, die Tanz und Musik kombinieren, werden weiterhin im Escher Theater gezeigt.

Das Ariston ist gekommen, um zu bleiben

Während der Portes Ouvertes wird unter anderem das Stück „Idiomatic“ aufgeführt, das sprachliche Unsicherheiten und Vorurteile thematisiert. Inwiefern passt das zur Lebensrealität in Esch und in Luxemburg?

Dieses Stück ist ein gutes Beispiel für Produktionen, oder Co-Produktionen in diesem Fall, die ich hier bei uns zeigen will. „Idiomatic“ ist von der belgischen Kompanie „Transquinquennal” und wurde bereits an mehreren Orten gespielt. Es wird immer an jenen Ort angepasst, an dem es aufgeführt wird. Die Kompanie hat viel Recherche gemacht, war im Vorfeld in Luxemburg, um mit Menschen und Organisationen zu sprechen und wirklich zu verstehen, wie komplex die linguistische Situation ist, die wir in Luxemburg haben. Sie hat in dem Sinne die sprachlichen Unsicherheiten aufgegriffen, die hierzulande herrschen: Sei es die der Luxemburger, wenn sie eine Fremdsprache sprechen müssen, sei es die von Menschen, die von woanders herkommen, und sich am Luxemburgischen versuchen.

Die Unsicherheiten bestehen auf beiden Seiten.

So oder so spürt man immer diese Unsicherheit. Die Kompanie hat sich vor allem mit kleinen Ländern auseinandergesetzt, in denen viele Sprachen gesprochen werden – sie kommt selber ja aus Belgien, wo die Situation ähnlich ist wie hier. Man merkt dem Stück an, dass diese Unsicherheiten wirklich Thema sind in Ländern, in denen es oft heißt, „Es ist gut, so nah an der Grenze zu leben und in anderen Kulturen zu Hause zu sein“, und in denen trotzdem Barrieren herrschen.

In „Comme un trio“, einem Tanzstück, das Sie für die Portes Ouvertes ausgewählt haben, wird im Gegenzug gar nicht gesprochen.

Wenn wir Stücke anbieten, in denen wenig gesprochen wird, ist das Publikum diverser. In dem Fall kommen Menschen verschiedener Kulturen, Nationalitäten und Generationen zusammen, die sich sonst nicht hier treffen würden. Das ist wichtig für die Kohäsion. Als Person die aus dem Theater kommt, sind Text und dessen Inszenierung mir wichtig. Wenn wir ein diverses Publikum wollen, dann erreichen wir das aber nicht, indem wir nur Racine zeigen.

(Foto: Patrick Galbats)

Was tun Sie noch, um Ihr Publikum zu erweitern?

Wir haben kürzlich eine Stelle zur Leitung der Öffentlichkeitsarbeit ausgeschrieben. Ich freue mich, dass die Notwendigkeit eines solchen Postens von der Gemeinde erkannt wurde. Diese Person muss schauen: Was ist unser Programm und wer ist unser Zielpublikum? In einem zweiten Schritt soll diese Person auf die Menschen zugehen und sie ansprechen. Wir bedienen bisher die üblichen Kanäle – Broschüren, Internet, Facebook – doch das reicht nicht immer, um das Publikum zu erreichen.

Vom Ariston ins Escher Theater: Im neuen Programm finden sich Stücke wie Larisa Fabers „Good Girls“, wo es um Schwangerschaftsabbruch geht. Wie gesellschaftskritisch wird die neue Saison?

Seit ich hier arbeite, verbinde ich immer soziale und politische Themen mit Theaterstücken. Das ist ein wichtiger Bestandteil unseres Programms. Ich will nebenbei aber auch etwas anderes bieten, weil nicht jede Person sich mit diesen Themen beschäftigen möchte. Ich denke, dass wir ein gutes Gleichgewicht haben.

Wie wichtig ist Ihnen engagiertes Theater?

Ich sage nicht, dass Theater die Welt verändert, aber es ist ein Ort, an dem man zusammenkommen, zusammen etwas anschauen und gemeinsam nachdenken kann. Dadurch, dass die Künstler Recherchearbeit leisten, bevor sie ihr Stück auf die Bühne bringen, werden sie wichtige Zeitzeugen der Gesellschaft. Es ist ihre Arbeit, sich Geschichten anzuhören, sie zu verarbeiten und sie weiterzuerzählen. Das ist ein Anspruch, den man als Künstler haben kann. Ich sage nicht, dass das alle tun müssen, doch es gehört für mich zum Theater dazu. Mir ist es wichtig, engagiertes Theater zu zeigen, und ich unterstützte Menschen, die engagiertes Theater machen. Theater soll Räume öffnen und verschiedene Blickwinkel ermöglichen – ich trete deshalb auch nicht für ein ideologisiertes Theater ein, das nur eine bestimmte Sicht durchsetzen will.

Tage der offenen Tür im Ariston, vom 13. bis zum 19. Juni.theatre.esch.lu/de/event/portes-ouvertes-de-lariston-2/

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