Der Anarchist auf Kur

von | 20.02.2018

Ein Comic arbeitet die Tagebücher von Erich Mühsam auf und setzt dem anarchistischen Dichter ein visuelles Denkmal.

Sommer 1910. Erich Mühsam ist in der Schweiz auf Kur. Er muss auf Kaffee, Alkohol und Zigaretten verzichten, außerdem bekommt er täglich einen Einlauf gemacht. Seine Brüder haben ihn, den Dichter, der ständig Geldsorgen hat, nach Château d’Oex geschickt. Dort interessiert sich anfangs niemand für seine künstlerischen Fähigkeiten oder seine politischen Ansichten – nach einigen Tagen lernt er eine Frau kennen, die Chansons bei ihm bestellt, so dass er zumindest wieder über ein Einkommen verfügt und nicht zur Gänze seiner Familie auf der Tasche liegt.

Wir begleiten Mühsam weiter nach Aeschi, wo er einen Freund und Liebhaber besucht, danach nach Luzern, wo er eine politische Rede hält (in der er vor allem gegen die Sozialdemokratie wettert) und später nach München. Dort endet der Comicband, wie er begonnen hat – der Poet ist frustriert: „Dass ich bei meiner Begabung als Dichter nicht die Möglichkeit habe, etwas an einer Stelle zu veröffentlichen, wo es auch gelesen wird“.

Jan Bachmann gelingt es, die authentischen Tagebuchaufzeichnungen mit Bildern zu neuem Leben zu erwecken. Der Zeichenstil ist wild, die Perspektiven sind verzerrt, teilweise wähnt man sich auf einem Drogentrip. Ob der Stil gefällt, ist sicherlich Geschmackssache, aber die Stimmungen, in denen Mühsam die Aufzeichnungen verfasst hat,werden damit sehr gut eingefangen. Der Zeichner hat sich nicht darauf beschränkt, das Tagebuch des Dichters zu illustrieren, sondern hat Dialoge erfunden, die sich – mit kleinen Ausnahmen – sehr gut in das Gesamtwerk einfügen. Gelungen ist auch der Anhang, in dem Mühsams weitere Biografie und seine wichtigsten Weggefährt*innen beschrieben werden.

Erich Mühsam war nicht nur Dichter, sondern auch politischer Aktivist. Acht Jahre nach dem Ende des Comics war er maßgeblich an der Ausrufung der Münchner Räterepublik beteiligt, was er mit fünf Jahren Festungshaft bezahlen musste. Während der Weimarer Republik war er bei der „Roten Hilfe“ aktiv und kämpfte für die Freilassung politischer Gefangener. In der Nacht des Reichtagsbrandes verhafteten ihn die SA, er kam ins KZ Oranienburg, wo er am 10. Juli 1934 von der SS ermordet wurde. Seine Tagebücher wurden von seiner Ehefrau nach Moskau gerettet und wurden bis 1994 unter Verschluss gehalten. Seit 2011 erscheinen beim Verbrecher-Verlag zum ersten Mal seine vollständigen Tagebücher.

Jan Bachmann: Mühsam, Anarchist in Anführungsstrichen
Erscheint am 1. März 2018 bei Edition Moderne.

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