Der letzte linke Kleingärtner, Teil 13: Habeck, Marx und ich

Nach dem Genörgel der letzten paar Kolumnen stellen wir erstaunt fest: Auch der letzte linke Kleingärtner kann Utopie.

Gockelt nicht nur als Kolumnist, sondern legt gerne auch mal vor Publikum ein Ei: Der letzte linke Kleingärtner bei einer seiner berühmt-berüchtigten Lesungen. (Foto: Aktion 3.Welt Saar e.v./Max Gerlach)

Man gönnt sich ja sonst nichts. Das haben sich die Grünen in Trier gedacht und sich flugs mal eine anspruchsvolle Veranstaltung mit Tiefenwirkung und visionärem Blick geleistet: Eine Lesung mit dem letzten linken Kleingärtner, auf Einladung der grünen Bundestagsabgeordneten Corinna Rüffer höchst selbst.

Der Gast ließ sich nicht lumpen und entwarf Visionen und Bilder einer Welt voller Ausgeglichenheit und Achtsamkeit, von der die Grünen längst aufgehört haben zu träumen. Dem Publikum gefiel es von Beginn an und es bejubelte jeden Kolumnentext mit großem Applaus. Drohte der mal auszubleiben, gab es meinerseits einen kurzen diskreten Wink und schon setzte der Beifall wieder ein. So etwas kennt man sonst von Parteitagen, wenn die Redner das Publikum mit ihrem Politsprech beharken und ihre überbordenden parlamentarischen Visionen verkünden.

Wer glaubhaft Visionen verticken will, sollte sich schon die eine oder andere messianische Tugend aneignen.

Auf meiner Lesung bestand an Empathie kein Mangel: Zwischendurch erhoben sich alle zu einer Schweigeminute für meine Hühner, die wahlweise Opfer des Nachbarhundes oder von widerlichen Greifvögeln geworden sind. So wuchsen Publikum und Kleingärtner zusammen: Aus vielen kleinen bedeutungslosen Ichs wurde ein großes Wir. Und das wollen sie doch, die Grünen, im Großen wie im Kleinen: mit der Nation im Gepäck alle zu einem einzigen Wir formen, das keine Unterschiede mehr kennt. Von Ökonomie ganz zu schweigen. Wir für Nachhaltigkeit, wir für Achtsamkeit, wir fürs Klima, wir für die Welt. Diese Publikumsvisionen gilt es zu bedienen und sich am nationalen Futtertrog zu laben. Warum nicht? Schließlich ist unsereiner auch nur ein Mensch und muss nicht im Abseits stehen.

Ich verstehe die Begeisterung des fachkundigen Publikums. Der Mensch verhält sich wie der Boden im Garten und lebt nach wochenlanger Dürre in wenigen Minuten auf, sobald kluge Sätze dahinplätschern wie Regen. So müssen sich die Besucher bei der Veranstaltung gefühlt haben. Während der Regen ausgedörrten Boden zum Leben erweckt, trifft der Redefluss des Kleingärtners auf deutungshungrigen Intellekt und provoziert das Erblühen hoffnungsfroher Gedanken für ein besseres Morgen.

Als Partei ließen es sich die Trierer Grünen nicht nehmen, die Veranstaltung mit großformatigen Plakaten anzukündigen. Da wäre größenmäßig zwar noch Luft nach oben gewesen – ganze Wände oder Litfaßsäulen  – aber immerhin waren es schon mal große Plakate, was rein optisch die Bedeutung des großen Kleingärtners unterstrich. Groß ist wichtig und Balsam auf die Seele der geschundenen Kreatur.

Auch mit Geschenken trumpften die Grünen auf: Als Verbeugung vor meinem Genius überreichten sie mir eine rote Tasse mit dem Konterfrei vom anderen Chef. Nein, nicht von Richard Graf. Von Karl Marx. Allerdings blieb unklar, ob die Tasse von den Feierlichkeiten in seiner Geburtsstadt im letzten Jahr als Ausschuss übrig geblieben war und man sich lediglich einer roten Altlast entledigen wollte. Oder ob die Grünen tatsächlich mit mir zu neuen Ufern aufbrechen wollen.

Beim zweiten Geschenk wird es kompliziert: Ein Buch von einem Robert Habeck „Wer wagt, gewinnt. Die Politik und ich“. Mal abgesehen davon, dass hier das falsche Ich im Titel auftaucht – denn damit bin dann wohl nicht ich gemeint – was um alles in der Welt hat dieser Knabe schon geleistet, außer in den parlamentarischen Wärmestuben der Republik zu quasseln und ständig in Talkshow herumzusitzen. Das mit dem Habeck ist alles nichts. Während unsereins sich um die Ernährung der Menschheit kümmert, belässt er es beim Reden und macht seinesgleichen damit glücklich. Zwar lebt der neue grüne Heiland im Norden, an der Küste, aber er kann noch nicht mal übers Wasser gehen. Wer glaubhaft Visionen verticken will, sollte sich schon tatsächlich die eine oder andere messianische Tugend aneignen.

Aber vielleicht wollten mir die Grünen mit Habecks Buch nur einen Wink mit dem Zaunpfahl geben: Ich soll mich bereit machen, für den Fall der Fälle, denn wenn es mit ihm nichts wird, dann könnte ich in die Bresche springen. Letztlich ist das wie im Fußballtrainergeschäft: Einer mimt den großen Zampano. Die anderen halten sich im Hintergrund und lauern auf den Stuhl vom Chef. Einverstanden. Sollen die Grünen mich halt rufen, wenn es so weit ist und sie bereit sind, mir zu folgen. Ich würde diese Aufgabe übernehmen. Uneigennützig und für die Sache natürlich, wie alle anderen.

Vielleicht jedoch soll ich mit dieser wohligen grünen Umarmung – Einladung zu einer Lesung, Marxtasse, ein mysteriöses Habeck-Buch – auch bloß auf die Probe gestellt werden. So wird es wohl sein. Ich jedenfalls werde standhaft bleiben und den grünen Verlockungen nicht erliegen. Definitiv bin ich es, der am längeren Hebel sitzt. So viel sie auch mit ihrer nationalen Party unterwegs sein mögen, am Ende des Abends sehe ich sie alle wieder. Hungrig kommen sie zu mir. Die Preise für meine Lebensmittel gehen natürlich am Abend dank der unsichtbaren Hand des Marktes deftig in die Höhe. So finde ich mein Auskommen.


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