Der letzte linke Kleingärtner, Teil 34: Grünkohl und große Gefühle

So heiß war es zwar gar nicht, aber nicht nur unser letzter linker Kleingärtner klingt bei diesem Thema etwas hirnverbrannt: es geht um Klimawandel und Geopolitik.

Kann schon mal vorkommen: der letzte linke Kleingärtner orakelt über das Wetter. (Foto: Internet)

Ein Kleingärtner mag es eigentlich durchweg groß. Denn er kümmert sich ja um die Ernährung der gesamten Menschheit. Drunter macht er es nicht. Was läge da näher, als das eigene gärtnerische Wirken flugs mit dem Schutz des Klimas in Verbindung zu bringen? Ohne uns Kleingärtner keine Ernährung der Welt und ohne uns auch kein Klimaschutz. Eigentlich müsste für Leute wie uns ein EU-Klimaorden geschaffen werden. Erster Preisträger wäre dann natürlich ich. Vielleicht könnte man auch noch die UN einbeziehen. Die ist noch größer als die EU. Ich weiß nur nicht, wie ich das einfädeln soll. Aber mir fällt garantiert etwas ein. Einer wie ich ist ein Meister im Improvisieren. Schließlich geht kein Kleingärtner in den Garten, ohne Seil, Draht und Schere griffbereit zu haben. Die Einbeziehung von UN und EU sind dabei meine geringsten Probleme. Ich habe bereits größeres geleistet in meinem Kleingärtnerleben.

Klimaschutz, so habe ich mir sagen lassen, ist aktuell in aller Munde und eignet sich hervorragend, um sich öffentlich als guter Mensch zu präsentieren. Man muss es den Nachhaltigkeitsfans nur verkaufen. Zum Beispiel unter Verweis auf CO2-Neutralität: Mein guter Boden bindet das böse Kohlendioxid. Möglicherweise ließe sich darüber auch ein Arbeitseinsatz organisieren, eine Win-win-Situation gewissermaßen. Ich helfe, das Klima zu schützen  – das macht ja sonst niemand – und bekomme dafür einige Arbeitskräfte gestellt, an die ich die Gartenarbeit delegiere. Für mich bliebe dann vorwiegend das Organisieren.

Dann wäre ich nur noch dem Namen nach ein Kleingärtner und könnte Führungen durch meinen naturnahen Garten anbieten. Gegen Bares, versteht sich. Die Ökos haben ja reichlich Zaster. Ich würde dann für Selfies mit bildungshungrigen Gören der Ökos nochmal eine Hacke oder einen Spaten in die Hand nehmen und damit vor der Kamera posieren. Das wäre dreifach gut: Für meinen Geldbeutel, für mein Image und ganz bestimmt auch irgendwie fürs Klima.

Wo wir schon beim Klima sind: Das Wetter ist die größte Plage des Kleingärtners. Gefühlt macht es, was es will und wird von geheimen Mächten, die sich meinem Einfluss entziehen, gesteuert. Möglicherweise von der CO2-Lobby, die die Fäden zieht. Nur ganz selten gibt es Regen, Sonnenschein und Trockenheit in der Dosierung, wie es nötig wäre. Dabei ist das Wetter zentral für meine Illusion von einer schönen Zukunft. Ohne passendes Wetter erscheine ich bei meinen Mitmenschen womöglich in einem unpassenden Licht. Das wäre ungünstig.

Die Wetterkapriolen hängen bestimmt mit dem Klimawandel zusammen. Das fühle ich. Und Gefühle sind schließlich wichtig. Zwar werden sie in unserer durchrationalisierten Welt oft geleugnet, aber wir Kleingärtner stehen dazu. Gut, so richtig belegen lässt sich ein unmittelbarer Zusammenhang von Starkregen und Klimawandel natürlich nicht, denn das Wetter und das Klima sind grundverschiedene Dinge. Das eine ist eine kurzfristige Show, das andere erstreckt sich über Jahrzehnte – nichts was man mit bloßem Auge beobachten kann. Macht nichts. Hauptsache, es verschafft ein gutes Gefühl, wenn man das unpassende Wetter mit dem großen Thema Klimaschutz in Verbindung bringen kann.

Aus dem Kleingärtner wird der Stratege für Klimaschutz.

Unsere vermeintlich kleingeistige und kleinräumige Arbeit erhält dadurch eine weltpolitische Bedeutung. Aus dem Kleingärtner wird der Stratege für Klimaschutz. Ohne Kleingärtner droht der ökologische Kollaps. Was dieser Satz bedeutet, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Aber er hört sich bedeutungsschwanger an. Irgendwas wird schon dran sein, glaube ich mal. Und den Glauben muss man den Menschen lassen. Vielleicht ist Mutter Erde ja irgendwann mal bereit, uns Kleingärtnern die Kontrolle über das Wetter zu geben. Den goldenen Wetterknopf sozusagen. Wenn es so weit ist, werden wir endlich das Land haben, in dem rund um die Uhr Milch und Honig fließen.

Zurück in den Garten: Wenn diese Kolumne erscheint, sind die Stangen- und die Buschbohnen überwiegend abgeerntet. Es war dieses Jahr immerhin ein kleines „Bohnenjahr“. Die Bohnen eignen sich zum Einfrieren, aber auch zum Einkochen, was die ökologischste, weil energiesparendste Methode der Haltbarmachung ist. Direkter Verzehr als Salat oder Gemüse ist natürlich auch immer eine gute Idee. Man kann die Hülsenfrüchte auch sauer einlegen, aber das ist ein anderes Kapitel aus einer längst vergangenen Zeit. Ich mache das nicht, weil mir das zu viel Aufwand ist. Na ja, vielleicht fehlen mir auch einfach nur die Kenntnisse.

Der Grünkohl entfaltet in diesem Jahr ein üppiges Blätterwerk. Ich freue mich jetzt schon auf den ersten Grünkohlschmaus. Bei niedrigeren Temperaturen oder bei Frost bildet Grünkohl mehr Zucker aus, was zu einer Reduzierung der Bitterstoffe und zu einem süßeren Geschmack führt. Ernten sollte man die größten Blätter, weil er dann nachwächst. Die meisten Grünkohlpflanzen vertragen Frost bis an die zehn Grad Celsius. Bis in den Februar und März hinein können sie geerntet werden, wenn der Strunk gefroren ist, zur Not auch mit einem kleinen Beil. Ich versuche das allerdings zu vermeiden: das macht meine Hühner nervös.


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