Der letzte linke Kleingärtner, Teil 36: Beton pur – Ekel Natur

von | 11.11.2021

Dieses Mal übt sich der letzte linke Kleingärtner in freier Assoziation. Uns tun sich dadurch einzigartige Einblicke in sein Seelenleben auf.

Beton und Kleingärtner gehören zusammen wie der Sand und das Meer. Sie sind eine innere Einheit voll Stabilität und emotionaler Zuwendung. Und eigentlich ist die kleingärtnerische Symbiose mit Beton der Vorläufer von Punk. Das muss mal gesagt werden. Bevor Punk das Licht der Welt erblickte, arrangierte sich der Kleingärtner schon mit Beton und baute damit fleißig allerhand Wege in seinem Garten.

1980 haute die zunächst eher unbedeutende Düsseldorfer Punk-Combo S.Y.P.H. aus Düsseldorf den Song „Zurück zum Beton“ in die Welt hinaus: „Zurück zum Beton / Zurück zum Beton / Zurück zur U–Bahn Zurück zum Beton / Da ist der Mensch noch Mensch / da gibt‘s noch Liebe und Glück / Zurück zum Beton / Zurück zum Beton / Ekel Ekel Natur Natur / Ich will Beton pur / … Ich will nur im Beton tanzen.“

Und weil der Song den grün-alternativ geschwängerten Zeitgeist auf den Punkt brachte und zugleich persiflierte, war die Band fortan nicht mehr unbedeutend sondern richtungsweisend und stilprägend. Also in etwa so, wie es der letzte linke Kleingärtner heute ist. So was nennt man Vorsehung. Daraus werden die großen religiösen Erzählungen gestrickt.

Ohne sozialarbeiterische Betreuung geht heutzutage niemand mehr zivilgesellschaftlich engagiert auf die Straße.

In einem Garten geht nichts über einen stabilen betonierten Weg – wer sonst sollte unsereinem Stabilität geben? Deshalb wurden ab den 1960er-Jahren in Deutschland vermehrt Betonwege in Gärten gebaut. Letztere gab es damals noch zuhauf. Im ländlichen Raum hatte eigentlich jeder Haushalt einen Gemüsegarten – also nix englischer Rasen mit jährlicher Edeldüngung. Und damit alles im Garten seine Ordnung hatte und man ihn trockenen Fußes betreten und wieder verlassen konnte, gab es eben einen betonierten Weg. Das Glücksgefühl aus einer Mischung von Ordnung und Stabilität stellt sich bei mir heute noch ein, wenn ich auf betonierten Pfaden mein Reich der Ernährung und der ökologischen Glückseligkeit betrete. So integriere ich Ökologie in die harten Fakten des Lebens. Das nützt der Menschheit und mir.

Den Weg habe ich allerdings nicht selbst gebaut, das waren die Vorbesitzer. Aber ich weiß deren Lebenswerk zu schätzen und halte es in Ehren. Nur: Wie wurde das damals eigentlich gemacht? Es gab schließlich noch keine Baumärkte mit Fertigbeton. Kies und Sand ließen sich jedoch organisieren. Entweder regulär oder über gewisse Umwege, bei denen die eine oder andere Kiste Bier als Spende auf einer Baustelle hilfreich war. Die digitale Überwachung der Warenströme war noch Zukunftsmusik. Nur den Zement musste man dann noch im Laden kaufen, doch das hielt sich preislich im Rahmen. Der Rest des baulichen Vorhabens wurde aus den beiden Zutaten „Samstag“ und „Nachbarschaftshilfe“ gemixt und nahm an den trockenen Wochenenden des Jahres nach und nach Gestalt an. War der eine Betonpfad fertig, ging es weiter zum nächsten Nachbarn. Die Zutaten des Cocktails blieben gleich: Kies, Sand, Zement, Bier, Samstag, Nachbarschaftshilfe. Fertig wurde man nie. Solche Bauwerke sind ein menschliches Lebenswerk, das offen ist für jede Form der Perfektionierung, bis in alle Ewigkeit.

Die Nachbarschaftshilfe allerdings kam irgendwann unter die Räder und verschwand umso mehr, desto unerbittlicher die im Neoliberalismus in Deutschland so beliebten Ich-AGs ihren Siegeszeug antraten. Aber siehe da, heute ist die soziologisch hochinteressante Nachbarschaftshilfe wieder en vogue! Es werden jede Menge finanziell gut ausgestattete NGOs dafür gegründet und staatliche Koordinierungsstellen fürs Ehrenamt etabliert. Mit vielen hauptamtlichen pädagogischen Fachkräften. Ohne sozialarbeiterische Betreuung geht heutzutage niemand mehr zivilgesellschaftlich engagiert auf die Straße, geschweige denn in den Garten. Ich bezweifele, dass dies in Luxemburg anders ist. Falls doch, schreiben Sie mir gern und berichten Sie!

Jedenfalls haben meine kleingärtnerischen Ahnen Wege aus Beton für die Ewigkeit geschaffen. Glücklicherweise haben sie keinen Stahlbeton verwendet, dann würden sie nämlich nicht nur ewig halten, sondern sich jedweder Veränderung entziehen. Das aber ist bloß was für den Papst.

Soweit für heute die wahre und ehrliche Geschichte des Betonwegebaus im Gemüsegarten. Und seien wir doch mal ehrlich: Die ganzen ökologischen Tipps von Naturmaterialien für den Wegebau sind doch in etwa so, als würde ich eine Wiese – oder meinetwegen auch einen Rasen – statt mit einem knatternden Zweitakter neuerdings auf den Knien rutschend manuell mit der Schere schneiden. So was bringen nur die Ökos ins Spiel. Über die habe ich aber bereits alles gesagt für dieses Jahr („Mit dem SUV zum Hofladen“; woxx 1640). Man muss sich das Leben nicht unnötig schwer machen, sondern sollte sich mit den Errungenschaften der Wissenschaft und Technik arrangieren. Man muss auch nicht ständig eine Grundsatzdiskussion über „eigentlich und früher“ führen. Solche Komplexe habe ich nicht. Auf keinen Fall.

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