Der letzte linke Kleingärtner, Teil 41
: Stickstoff und Auferstehung

Nein, der letzte linke Kleingärtner widmet sich in seiner aktuellen Kolumne nicht dem Für und Wider gegen Russland gerichteter Sanktionspolitik. Aber immerhin geht es um Nitratdünger auf Erdölbasis und wie man ihn ersetzen kann.

Fruchthülsen statt Worthülsen: Wenn es um ein wichtiges Thema geht, und das ist bei ihm immer der Fall, dringt unser linker Kleingärtner ohne Umschweife zum Kern der Sache vor. (Foto: Rajesh Balouria/Pixabay)

Es ist wieder soweit. Das Fest der Auferstehung naht, auch Ostern genannt. Deshalb hat die woxx-Redaktion mich ebenso schüchtern wie liebevoll gebeten, mich dieses epischen Themas aus Kleingärtnersicht anzunehmen. Gesagt, getan. Natürlich kann ich das, ich bin ja Experte für solche dem Leben zugewandte Fragen.

Als Kleingärtner habe ich es während der Gartensaison fast täglich mit Auferstehungen und Kreuzigungen aller Art zu tun, zumindest im übertragenen Sinn. Das ausgebrachte Saatgut, Überbleibsel eines früheren Lebenszyklus, geht mal auf, mal auch nicht. Auch wenn es tatsächlich aufersteht, also aus dem Boden bricht und sich der Sonne entgegenstreckt, bedeutet das längst nicht, dass es durchhält bis zum Schluss. Entweder wird es vorher „gekreuzigt“, von Schnecken, Engerlingen, Vögeln und anderen Mitbewerbern um etwas Essbares. Oder ich leite final zwecks Nahrungszubereitung die Kreuzigung ein. Im Garten herrscht ein ständiges Kommen und Gehen.

Es gibt Milchbauern, die aus der Verfütterung von Sojaeiweiß nach und nach aussteigen und stattdessen erfolgreich Futtererbsen und Ackerbohnen einsetzen.

Im Gebiet der Auferstehung sind auch andere, mir nicht immer sympathische Gestalten, unterwegs. Der Kapitalismus und seine Kameraden feilen permanent an der Auferstehung von alten Marken und Warenlinien. Designs kommen und gehen und schlussendlich heißt es wieder „Reset“ und der Auferstehungszirkus beginnt wieder von vorne. Diese Permanenz der Auferstehung zeigt, wie die christliche Erzählung Einzug in unser Leben gehalten hat, ob wir es wollen oder nicht.

Zurück in den Garten. Die Pflanzen, die Zuckererbsen sowie dicke Bohnen sind gelegt und stehen kurz davor, das Licht der Welt zu erblicken. Zuckererbsen mag ich am liebsten. Mark- und Schalerbsen sind zwar nicht zu verachten, bereiten aber ein bisschen mehr Mühe bei der Verarbeitung. Zuckererbsen kann man mit der Schale essen, wahlweise direkt in der Pfanne anbraten oder mit der Schale einfrieren. Zusätzlich haben Erbsen- wie Bohnenpflanzen den Vorteil, dass sie die Bodenfruchtbarkeit verbessern. Sie reichern an ihren Wurzeln den in der Luft reichlich vorhandenen Stickstoff an.

Im Grunde genommen gibt es Stickstoff, der für das Wachstum der Pflanzen von zentraler Bedeutung ist, im Überfluss. Das Knifflige ist nur, wie er zu den Pflanzen beziehungsweise vorher in den Boden kommt. Die einfachste Variante ist auch die ökologischste: durch Leguminosen, also Pflanzen, die Stickstoff an ihren Wurzeln anreichern und ihn damit der nächsten Pflanzengeneration zur Verfügung stellen. Die komplizierteste, teuerste und energieintensivste ist hingegen auch die am weitesten verbreitete Methode: künstliche Stickstoffherstellung auf Erdölbasis.

Dieser künstliche Stickstoff wird als Nitratdünger ausgebracht. Der Nachteil: Durch die Überdüngung, an der auch die zu intensive Ausbringung von Gülle ihren Anteil hat, können die Pflanzen nicht allen Stickstoff aufnehmen. Nitrat wandert ins Grundwasser und verwandelt sich in das giftige Nitrit, dessen Beseitigung hohe Kosten bei der Trinkwasseraufbereitung verursacht.

Würden die Gesellschaft im Allgemeinen und die Landwirtschaft im Besonderen auf uns Kleingärtner hören und einheimische Eiweißträger wie Futtererbsen und Ackerbohnen statt Soja aus Übersee verwenden, ergäbe sich eine Win-win-Situation: sauberes Trinkwasser, weniger Kosten bei der Wasseraufbereitung, weniger Landraub in den Ländern des globalen Südens, um gigantische Sojafelder anzulegen. Das wäre praktizierte Agrarökologie.

Kapiert? Man sieht, nur wir Kleingärtner – okay, das mit dem „*innen“ nehmen wir gleich ins Programm auf – können dank unserer Gartenbrille auf eine ökologisch und nachhaltig gestaltete Welt von morgen blicken. Es gibt im übrigen Milchbauern in Europa, die aus der Verfütterung von Sojaeiweiß nach und nach aussteigen und stattdessen erfolgreich Futtererbsen und Ackerbohnen einsetzen. Zwar liefern die Kühe dann nicht denselben Riesenertrag an Milch, wie er aus der Verwendung von Hochleistungsfutter resultiert, aber die Kühe sind gesünder. Die Ausfallzeiten, Tierarztkosten und die Futtermittelkosten reduzieren sich ebenfalls deutlich, was den geringeren Ertrag an Milch ausgleicht.

Allerdings müssen Bauern, die Eiweißpflanzen anbauen möchten, einen hohen logistischen und zeitlichen Aufwand betreiben für die Beschaffung des passenden Saatguts. Die Saatgutforschung ist meist privatisiert, so dass nicht das Saatgut gezüchtet wird, das aus ökologischer und ernährungspolitischer Sicht wünschenswert ist, sondern dasjenige, das als betriebswirtschaftlich effizient nachgefragt wird. Ein Grund mehr, für eine staatliche Saatgutzüchtung zu plädieren. Dank uns Kleingärtner*innen blicken Gesellschaft und Landwirtschaft nach vorne. So muss es sein. Wir schaffen das. Es lebe die Auferstehung.

Drei Praxistipps:



  1. Mit Stickstoff aus der Luft entmachtest du die Erdölkonzerne. Versprochen.

  2. Kluge Bauern denken nach und käuen nicht alles wieder wie ihre Kühe.

  3. Der Kleingärtner ist Experte für Auferstehungen und Kreuzigungen aller Art.

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