Der letzte linke Kleingärtner, Teil 8: Frühling & Frieden

Rechtzeitig zu Ostern klopft sich unser Kleingärtner wieder ein Ei und denkt dabei über friedenspolitische Maßnahmen nach.

Granatenmäßig scharf, aber ungefährlich: Auch der Peperoni-Anbau kann zur Entmilitarisierung beitragen. (Foto: Pixabay)

Es geht doch nichts über die feine Spürnase eines Kleingärtners. In der letzten Kolumne hatte ich prophezeit, dass man sich von den warmen Tagen im Februar mit knapp 20 Grad nicht in die Irre führen lassen soll. Es werde wieder kühler und der März würde ein paar Regentropfen bringen. So sagte ich es, und so geschah es.

Nun ist es bereits April und ich habe mit meinen Outdoor-Aktivitäten begonnen. Die dicken Bohnen und die Zuckererbsen wandern in die sorgfältig vorbereitete Erde, die ich mit reichlich Kompost verbessert habe. Beide Pflanzen gehören zu den Leguminosen und reichern an ihren Wurzeln den in der Luft „unendlich“ vorhandenen Stickstoff – der Chemiker würde natürlich „N“ sagen – an. Wenn man nach der Ernte im Juni die Wurzeln im Boden lässt, freut sich die nächste Pflanzengeneration über den Stickstoffvorrat. Dicke Bohnen sind übrigens nicht zu verwechseln mit Stangen- oder Buschbohnen, die erst ab Anfang Mai gelegt werden, da sie sehr kälteempfindlich sind.

Als hätten sie es geahnt, dass ihr Herr und Gebieter so langsam in die gärtnerischen Gänge kommt, haben meine vier Hühner ihre winterliche Schläfrigkeit abgelegt und sind seit einigen Wochen wieder am Arbeiten, also am Scharren und Eierlegen.

Den Winter über hatten sie so vor sich hingedümpelt, saßen faul und dumm glotzend auf der Stange im Stall und liefen manchmal orientierungslos in der Gegend herum. Dummerweise verzichteten sie in dieser Phase nicht aufs Essen, was wiederrum schlecht für meine betriebliche Bilanz ist. Denn auch ein Kleingärtner muss bei allem Idealismus auf die Zahlen schauen.

Nur fressen, aber keine Eier legen, das ist schlichtweg Arbeitsverweigerung. Die können von Glück sagen, dass ich kein lupenreines Kind der Arbeiterklasse bin, sonst wären sie ratzfatz im Kochtopf gelandet. Aber meine große Güte gegenüber meinen Hühnern zahlt sich jetzt doch aus. Es funzt wieder und die Eierproduktion läuft rund. Immerhin hatten sich die Viecher im Winter ein dichtes und mehrlagiges Federkleid zugelegt, was den Wärmeverlust reduziert.

Weil man jedoch auch jetzt noch nicht alles frostsicher im Garten unterbringen kann – zumindest nicht ohne Vliesabdeckung oder ohne Gewächshaus – nehme ich die häuslichen Fensterbänke in Beschlag, mit allerhand Blumentöpfen, in denen verschiedene Sämereien an Salaten, Kohlpflanzen, Gurken und Kürbissen ihr vorübergehendes Ruhekissen finden.

Diese Topforgie kann allerdings zu bösen innerfamiliären Schäden und Zerwürfnissen führen. Denn meist rieselt der feine Kompost nicht nur in die freundlichen Blumentöpfe, sondern auf den Boden und sonst wo hin. Wenn man da nicht geschwind alles aufputzt, ist der nächste Eklat abonniert.

Es ist Außenstehenden nicht vermittelbar, was unsereinem als Kleingärtner alles vorgeworfen wird. Völlig überzogen und respektlos. Dabei kümmern wir uns doch um die Ernährung der Menschheit. Da wäre ein bisschen Dank mal angebracht. Deshalb sei es hier nur der Chronistenpflicht halber gesagt. Damit es Eingang in die Archive findet und spätere Generationen anhand der von mir verfassten Originaldokumente erforschen können, welches Leid ich erdulden musste.

Und wo wir nun schon beim Frühling sind: Ich hätte da noch eine Idee für eine große Tat, die Frieden und Nahrung – beides im Überfluss – bringt. An der Grenze zwischen der Türkei und Syrien sollte man mehrere ineinander verwobene Streifen an Kleingärten anlegen. Sozusagen eine teilweise entmilitarisierte Zone. Da man mit AK47 und G3-Gedöns keinen Garten umgraben und instand halten kann, wären Waffen verboten. Entmilitarisiert? Nur teilweise, da man durchaus mit Hake und Spaten effizient aufeinander losgehen kann, was aber hinsichtlich von Obst und Gemüse auf Dauer ertraglos ist.

Die eine Seite des Kleingartenstreifens würde von ehemaligen türkischen Soldaten und Gesandten Allahs gepflegt und der andere Streifen würde von ehemaligen Guerilleros der PKK und YPG gehegt. Da könnten beide Seiten in einen gärtnerischen Wettstreit eintreten und schauen, ob sie die wichtigen Dinge im Leben, wozu zweifellos die Produktion von Nahrungsmitteln gehört, nicht verlernt haben.

Meinetwegen könnten sie die von mir verachteten Wettbewerbe abhalten, wer den größten Kürbis im Garten hat. Wenn es dem Frieden nützt, würde ich auf mein kleingärtnerisches Veto gegen diesen Unfug – ja sie sind groß, aber sie schmecken nicht – verzichten. So ganz nebenbei könnte man überprüfen, ob es die kurdische Seite mit der Gleichberechtigung der Geschlechter ernst meint oder wieder in den alten Trott verfällt und sich von Frauen das Essen bereiten und rund um die Uhr den Tee reichen lässt. In den Guerillaeinheiten sind jede Menge Frauen unterwegs. Aber wie geht das Leben nach dem Ende des „Peng, Peng!“ weiter? Da habe selbst ich als großer visionärer Kleingärtner definitiv einen Schleier vor meiner Optik. Es könnte gut werden, oder es könnte misslingen.


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