Der letzte linke Kleingärtner, Teil 9: Greta gärtnert

Das musste ja kommen: Kaum entwickelt sich irgendwo Protestpotenzial, wird vom letzten linken Kleingärtner die fehlende „Systemfrage“ kritisiert.

Kompostierbare Demoslogans? Der letzte linke Kleingärtner will die Klimaschutzjugend zur Gartenarbeit verdonnern. (Foto: Wikipedia)

„Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, heißt es in einem Song der in den 1990ern sehr angesagten Band „Tocotronic“. 23 Jahre später gilt dieser Slogan mehr denn je. „Fridays for Future“ ist in aller Munde. Die öko- und sonst wie engagierten Erwachsenen sind mega-begeistert und erleben allerlei innere Frühlingsgefühle. Toll, toll – so lässt es sich gut leben. Gemeinsam mit dem unweigerlich aufkommenden Frühling kehrt ein Hauch von Jugendlichkeit zurück. Man kann sie richtig spüren, die Jugend. Und das ist wichtig, denn ohne Gefühle ist man nur ein undefiniertes Etwas im kosmischen und irdischen Zusammenhang.

Dabei ist ein Großteil der Diskussionen um „Fridays for me“ – als Kleingärtner bin ich ja quasi die personifizierte Zukunft – arg fehlgeleitet. Statt um den langweiligen Ladenhüter „Schulpflicht“ zu streiten, sollte man sich dem Wesentlichen zuwenden: Arbeitspflicht. Ein bisschen Schulschwänzen hat noch niemandem geschadet. Weder einem Schüler noch einer Schule noch einem Lehrer. Ein bisschen abweichendes Verhalten gehört zum Leben wie zu meinem Garten. „Hurra, hurra die Schule brennt“, hat mal die olle Kapelle „Extrabreit“ gesungen. Und ja, die Schule hat es überlebt und ist seit Jahrzehnten Spielfeld für alle möglichen politischen Planscher.

Ein bisschen abweichendes Verhalten gehört zum Leben wie 
zu meinem Garten.

Zu allen nur erdenklichen Politikfeldern werden „Schulprojekte“ aufgelegt. Die garantieren evaluationssichere Teilnehmerzahlen und ein gutes Gefühl. Womit wir wieder bei den Gefühlen wären, im hier und jetzt.

Gefühle sind wichtig, wie bereits gesagt. Doch das Wesentliche wird dabei meist gar nicht erwähnt. Das Klima geht deshalb den Bach runter, weil der Gesamtzusammenhang ein kapitalistischer ist. Und der kümmert sich im Wesentlichen nur um seinen irrationalen Selbstzweck des immerwährenden Profits, der ohne Wachstum nun mal nicht zu haben ist. Damit alles bleibt wie es ist, muss die spannende Frage nach dem Ganzen ausgeklammert werden. Ein bisschen Protestklamauk ist selbstverständlich erlaubt, sogar erwünscht, damit die Illusion bleibt, dass es vorwärts geht, man aus den Fehlern von früher lernt.

Ähnlich laufen die immer gleichen Erinnerungsprojekte an den Nationalsozialismus hier in Deutschland ab. Allerhand Gedenken an die toten Juden. Je toter, umso wertvoller fürs Gedenken. Ausgeklammert wird dabei das Denken an die lebenden Juden und ihren Staat, die man beide – ich formuliere es mal vorsichtig – unterstützen könnte. Dann würde man dem Gedenken an die toten Juden ein bisschen mehr als nur pädagogische Pflichtübungen folgen lassen.

Pflicht? Ach ja, zurück zur Arbeitspflicht: Die gehört in den Mittelpunkt, anstatt der Schulpflicht. Man müsste all das junge Gemüse dazu verpflichten, mir und meinen Kollegen im Garten zu helfen. Sollen die sich mal das Kreuz ruinieren. Es geht schließlich um die Ernährung der Menschheit. Ich würde ihnen den Rücken schon stärken, mit meiner Erfahrung. Genau genommen stelle ich mir das so vor, dass ich ihnen sage, was sie zu tun haben. Ich würde überall Kameras und Lautsprecher aufstellen, damit ich den totalen Überblick über die „Fridays for Dingsbums“-Hüpfer hätte.

Dann hätten wir viele Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Das junge Gemüse könnte weiterhin freitags demonstrieren, wenn auch nur in meinem Garten. Gleichzeitig würden die Racker dann etwas Sinnvolles fürs Klima tun, für sich, für mich, für die Welt. Also für uns alle. Für die Gemeinschaft, die keine Klassen oder sonstiges Trennendes mehr kennt. Und sie würden praktische Erfahrungen sammeln, sich die Hände schmutzig machen. Die Wahrheit ist schließlich immer noch konkret.

Ich würde währenddessen in meinem Kontrollraum sitzen, Anweisungen geben und darauf achten, dass der Arbeitsfluss konstant bleibt. Mein Garten liegt schließlich in Deutschland. Die Maschinen und die Menschen müssen rund um die Uhr laufen. Das hatte Oskar Lafontaine bereits Anfang der 1990er herumposaunt, als der Saarländer noch bei der SPD war und als Sozialdemokrat gar nicht so sehr auf links und auf Sozialismus machte.

Wo war ich? Ach ja, mein Garten: Solange das mit den jungen Helferinnen und Helfern dort nur Zukunftsmusik ist, muss ich halt weiter selbst ran. Zur Not auch freitags.

Das Gehege meiner Hühner habe ich erfolgreich mit spitzen Stangen gegen unerwünschte Greifvogelangriffe gesichert. Seit diesem Mauerbau zum Schutz gegen Eindringlinge ist wieder Ruhe und Zufriedenheit eingekehrt. Die Hühner legen Eier, scharren den Boden frei, fressen Schneckeneier und düngen mit ihren Ausscheidungen meinen leicht sandigen Boden. Auf den Einsatz von Schusswaffen wie Luft- und Schrotgewehren gegen Greifvögel konnte ich verzichten. Dass der eigentliche Grund darin liegt, dass ich weder solche Gewehre besitze noch damit umgehen kann, geschenkt. Für den Verzicht auf Bum Bum im Garten sollte eine Prämie eingeführt werden. Dann hätte ich eine Einkommens-
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