Die Autobiografie des Rockmusikers Dave Grohl: Handbuch fürs Überleben

Mit dem Schlagzeuger Taylor Hawkins hat „Foo Fighters“-Mastermind Dave Grohl einmal mehr einen musikalischen Weggefährten verloren. Doch trotz solcher Schicksalsschläge und obwohl er seinen Durchbruch dem schwermütigen Grunge verdankt: Grohl erweist sich in seiner Autobiografie „The Storyteller“ als unerschütterlicher Optimist.

Ein Rockstar, der schon lange weiß, dass er nicht als tragische Figur enden will: Dave Grohl bei einem Konzert der Foo Fighters 2019 in Dublin. (Foto: Raphael Pour-Hashemi/Wikimedia/CC BY 2.0)

Als seine Band Foo Fighters wegen der Corona-Pandemie keine Konzerte spielen konnte, nutzte Gitarrist und Bandleader Dave Grohl die Zeit, um sein Leben Revue passieren zu lassen und arbeitete an einer Autobiografie. Kaum war die Möglichkeit zu Liveshows wieder gegeben, verstarb Ende März Taylor Hawkins, der Schlagzeuger der Gruppe. Wieder einmal muss Grohl den Tod eines Mitmusikers verkraften, der 1994 mit Nirvana schon den Verlust von Sänger und Gitarrist Kurt Cobain zu beklagen hatte. Cobain hatte sich das leben genommen, die Umstände von Hawkins‘ Tod sind noch ungeklärt. Grohl selbst weiß schon lange, dass er nicht zu einer tragischen Figur werden will.

Sein Buch beginnt mit einer Epiphanie: Bei einem Benefizkonzert im Jahr 2012 durfte Dave Grohl seine musikalischen Helden treffen, den „Mount Rushmore des Rock’n’Roll“, wie er es nennt. Paul McCartney war dabei, The Who und die Rolling Stones. Dabei beobachtete er, wie einer seiner Helden, den Grohl vorsichtshalber nicht namentlich nennt, mit Bräunungsspray und Zahnpasta-Lächeln versuchte, ewige Jugend vorzugaukeln, während ein anderer die Spuren, die der Zahn der Zeit hinterlassen hatte, mit Würde und Stolz trug. Grohl wusste ab diesem Zeitpunkt, wie er selbst einmal altern wollte. Man sollte ihm die Jahre ansehen dürfen, die Narben und Schrammen, die guten und weniger guten Tage.

Das war natürlich eine weise Entscheidung. Überhaupt ist Grohl ein lebenskluger Zeitgenosse. Bereits als Jugendlicher erkannte er, dass die Musik seinen Lebensweg bestimmen sollte. Seine Cousine Tracey nahm ihn mit auf das erste Punkkonzert, wo er sich augenblicklich heimisch fühlte – wieder eine Epiphanie –, danach musste ihn sein Zahnarzt ermahnen, besser auf sein Gebiss achtzugeben, weil er vor lauter Eifer mit klappernden Kiefern Tag und Nacht die Drumparts seiner Lieblingssongs probte. Mit 17 schmiss er die Schule, um mit der Punkband „Scream“ durch die Welt zu touren. „Dann musst du aber gut sein“, gab ihm die alleinerziehende Mutter, eine Lehrerin, mit auf den Weg. Sie hielt ihn nicht auf und Grohl dankte es ihr, indem er überlebte.

Er stieg bei Nirvana ein, nachdem die Gruppe sich schon mit ihrem ersten Album „Bleach“ ein gewisses Renommee erspielt hatte. In Seattle lebten die Bandmitglieder Dave Grohl, Kurt Cobain und Krist Novoselic in einer WG, die, wie Grohl schreibt, Whitney Houstons Badezimmer geradezu aufgeräumt aussehen ließ. Dann nahmen sie „Nevermind“ auf und wussten ab da nicht mehr so recht, wie ihnen geschah. „Die größte Band der Welt“ sollte Nirvana werden, so behauptete es jedenfalls Cobain; als sie es dann waren, konnte er mit dem Ruhm nicht umgehen.

Wer sich Hintergrundinformationen über die Zeit erwartet, als Nirvana Musikgeschichte schrieb, wird enttäuscht. Grohl widmet der Band nur wenige Seiten. Kurt Cobain schwebt wie ein schwermütiges Gespenst durch die kurzen Kapitel und verpufft dann in einer Wolke von Verdruss und Verlust. Eindrücklich ist vor allem, wie wenig die drei Nirvana-Mitglieder eigentlich verband. Grohl analysiert das so: Drei vollkommen verschiedene Individuen erschufen diese besondere Musik, weil aus ihren Unterschieden eine einzigartige Dynamik entstand.

Wenn es schon an tiefsinnigen Einblicken fehlt, dann spart Grohl wenigstens nicht mit amüsanten Anekdoten. Sehr ausführlich lässt er sich zum Beispiel über einen Festival-
auftritt mit den Foo Fighters aus, bei dem er sich bei einem kläglichen 
Stagedivingversuch den Fuß brach, und dann sein Set trotzdem zu Ende spielte, während ein zufällig anwesender Arzt auf der Bühne vor ihm kniete und versuchte, sein zersplittertes Gliedmaß zusammenzuhalten.

„The Storyteller“ ist, wie der Titel es schon andeutet, eher eine Sammlung von Schnurren als eine zusammenhängende Lebensgeschichte. Dazu passt, dass Grohl ständig die besonders einprägsamen Stellen in fett gedruckten Großbuchstaben schreibt. Das vermittelt ein wenig den Eindruck, als schreie einem ein netter, betrunkener älterer Herr in einem lauten Lokal Geschichten von früher ins Ohr.

Grohl wusste ab diesem Zeitpunkt, wie er selbst einmal altern wollte: Man sollte ihm die Jahre ansehen dürfen, die Narben und Schrammen, die guten und weniger guten Tage.

Grohl springt in der Chronologie hin und her, doch kehrt er immer wieder zu drei Fixpunkten zurück: der Liebe zu seiner Familie – seiner Mutter, seiner Frau und seinen drei Töchtern; der Musik; und seiner Tendenz, sich diverse Knochenbrüche und offene Wunden zuzufügen. Und doch rappelt Grohl sich immer wieder auf. Die dramatischen Talfahrten, die vermeintlich zu jeder ordentlichen Rockstarbiografie gehören, spart er sich. Auch weil ihm immer bewusst ist, dass er sich in der Musik zwar von Schwermut und Düsternis angezogen fühlt, diese aber im richtigen Leben besser auf Distanz hält. Musik bedeutete für ihn immer „Licht und Leben“.

Manchmal übertreibt er es etwas mit der Heimeligkeit, zum Beispiel als er erzählt, wie sich bei der Geburt seiner Tochter ein Regenbogen über Los Angeles ausgebreitet haben soll. Er entschuldigt sich vorab für seine Vorliebe für alberne Wortspiele und laue Kalauer, lässt sie dann aber auf jeder Seite vom Stapel. Übel kann man es ihm trotzdem nicht nehmen, denn auch wenn man sich mehr Tiefgang gewünscht hätte, so fühlt sich das Buch unglaublich tröstlich an. Es ist eine Erinnerung daran, dass das Leben auch – Achtung, Kalauer – ziemlich viele gute Saiten hat.

Dave Grohl: Der Storyteller. Aus dem Englischen übersetzt von Dieter Fuchs. Ullstein Verlag, 464 Seiten.

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