Die Weltmusikmesse WOMEX in Porto: Erfolgreicher Neustart

Die WOMEX, Worldwide Music Expo, die 1994 zum ersten Mal stattfand, ist die weltweit bedeutendste Messe für Weltmusik. Ende Oktober gastierte sie im nordportugiesischen Porto, nachdem sie im letzten Jahr pandemiebedingt in Budapest nur online stattfinden konnte.

Die kurdische Sängerin Aynur erhält den WOMEX Artist Award 2021 (Fotos: Willi Klopottek)

Den rund 2.300 Delegierten und 290 Musiker*innen – nicht viel weniger als vor Corona – war die Erleichterung deutlich anzumerken, dass man sich endlich wieder, unter konsequenter Einhaltung strikter Sanitätsregeln, treffen konnte. Gäst*innen aus anderen Kontinenten waren wegen strenger Einreiseregeln nicht so häufig wie sonst anzutreffen und selbst für Europäer*innen, die aus Nicht-EU-Ländern anreisten, war das Kommen hürdenreich.

Wie der gesamte Kultursektor, hat auch die Weltmusikbranche erheblich unter der Pandemie gelitten. Piranha Arts, die Berliner WOMEX-Mutter, die die Messe in diesem Jahr zusammen mit der Stadt Porto und weiteren portugiesischen Partnern durchführte, war nach dem pandemiebedingten Ausfall im letzten Jahr existenziell bedroht. Wäre die WOMEX gestorben, und damit diese zentrale Plattform der Weltmusikaktivist*innen weggebrochen, hätte das verheerende Folgen für die ganze Szene gehabt. WOMEX hat glücklicherweise die Kurve gekriegt und alle Teilnehmenden konnten aufatmen. Leider haben zahlreiche Akteure die schweren Zeiten nicht überlebt und sich aus der Musikszene verabschieden müssen. Aber auch bei denjenigen, die zur WOMEX kommen konnten, war Sorgenfreiheit selten anzutreffen.

Lama Hazboun, eine Festivalveranstalterin aus Jordanien beklagte, dass in ihrer Heimat viele Veranstaltungsorte schließen mussten und Musiker*innen aufgegeben haben. Zudem seien viele aus der Szene infolge einer Covid-Infektion verstorben. Das Fehlen einer übergreifenden Organisation, die die Aktivitäten von Musiker*innen und Veranstalter*innen bündelt, sowie die staatliche Ignoranz bei der Kulturförderung resultiere in einer ungewissen Zukunft.

Finnland ist in einer deutlich besseren Situation, wie Minna Huuskonen der woxx erläuterte. Sie arbeitet für das übergreifende Netzwerk „Music Finland“, das sowohl innerhalb des Landes tätig ist wie auch den Export finnischer Musik unterstützt. Minna Huuskonen geht davon aus, dass sich die Szene verändern wird, weil auch in Finnland viele kleine Akteure bereits verschwunden sind oder verschwinden werden. Sie erwartet jedoch, dass eine Reihe neuer Musiker*innen und Veranstalter*innen beim Abklingen der Pandemie ihren Platz finden werden.

Der Pressesprecher der WOMEX, Gaurav Narula, schaut angesichts des Erfolges der diesjährigen Messe optimistisch in die Zukunft. Die Weltmusikszene habe den entscheidenden Vorteil, dass sie Underground sei, betrieben von Musikbegeisterten, denen es seit jeher nicht um das große Geld gehe. Allerdings, so merkte er an, sei es notwendig, in Zukunft vermehrt ein jüngeres Publikum zu erreichen. Für Birgit Ellinghaus, die mit ihrer Agentur Alba Kultur seit Jahrzehnten traditionelle Musik aus allen Teilen der Welt vor allem nach Westdeutschland bringt, ist die Pandemie allerdings längst nicht das einzige Problem. Kriegerische Auseinandersetzungen wie in Afghanistan, Umweltkatastrophen wie in Brasilien und Mauritius, massive Unterdrückung wie die der Uiguren Nordwestchinas, Nationalismus und Genderdiskriminierung auch in Europa, wie z.B. in Ungarn, fügen – weitgehend unbeachtet – den dortigen regionalen Musikszenen schweren Schaden zu. Auch nach Abflauen der Pandemie werden diese Übel fortbestehen und somit auch den Musikexport behindern, prognostiziert Birgit Ellinghaus.

Die Welt ist vollgepackt mit ganz vielen unterschiedlichen Musikformen, die – seien sie traditionell oder modern – auf lokalen Wurzeln beruhen und den Gegenpol bilden zu den standardisierten, etablierten Stilen, wie Pop, Rock, Blues, Hip-Hop, aber auch Jazz und Klassik, die fast allesamt aus wenigen Ländern Westeuropas oder aus Nordamerika stammen. Die meisten Europäer*innen werden nicht einmal von Rootsmusik aus ihrem Heimatkontinent erreicht.

Die faszinierende Diversität der Musikformen auf dem Globus bekannter zu machen und zu erhalten, ist Ziel der WOMEX und ihrer Besucher*innen. In Ergänzung zur Messe und zahlreichen Konferenzen am Tag, wurden in vier Nächten rund 60 Kurzkonzerte, Showcases, an sechs verschiedenen Orten angeboten. Stets fanden mindestens zwei gleichzeitig statt und andere überschnitten sich zeitlich. Unmöglich alle zu besuchen. Deshalb hier eine kleine Auswahl aus dem üppigen Programm.

Das Musik-Kollektiv Retimbrar aus Porto hatte sich für die Eröffnung der Womex mit der Poetin und Sängerin Uxía aus dem spanischen Galizien zusammengetan.

Was Portugal angeht, hat immerhin der aus Lissabon und Coimbra stammende Fado einen hohen Bekanntheitsgrad. Das Gastgeberland bot die Möglichkeit, auch die anderen Seiten portugiesischer Musik zu entdecken. So präsentierte bei der Eröffnung das Frauen-Ensemble Sopa de Pedra die Gesangstraditionen aus verschiedenen Regionen Portugals. Die Urgesteine von Galandum Galundaina boten Klänge aus dem Nordosten Portugals dar, bei denen der Dudelsack Gaita und die Drehleier eine wichtige Rolle spielen. Zu ihnen gesellte sich im Laufe ihres Konzerts Pauliteiros de Miranda, eine Gruppe, die Tänze aus ihrer Region vorführte. Die Gruppe Retimbrar, aus Porto selbst, stand mit der galizischen Größe Uxía auf der Bühne und zeigte, wie nah sich die Kulturen Nordportugals und des spanischen Galiziens sind. Das Trio Seiva konzentrierte sich auf die Tradition der Region Beira-Beixia und brachte Pop-Elemente mit ins Spiel. Aber auch Fado war zu erleben, und zwar in der ganz aufregenden, höchst emotionalen Version der Sängerin Lina zusammen mit dem spanischen Pianisten und Elektroniker Raül Refree. Gemeinsam führten sie den Fado auf seinen vokalen Kern zurück – ganz ohne die sonst allgegenwärtige portugiesische Gitarre. Spannend, die Vielfalt und Lebendigkeit der portugiesischen Musik vor Ort, jenseits der bekannten Klischees erleben zu können.

Natürlich war auch der „Rest der Welt“ – trotz aller coronabedingten Einschränkungen – auf der diesjährigen WOMEX vertreten. Von den Kapverden stammt die Sängerin Neuza, die eine moderne Form der dortigen Musik spielt. Ihr Landsmann Miroca Paris, der zur Band der legendären, 2011 verstorbenen Cesaria Evora gehörte, erwies sich zusammen mit seiner Gruppe als ein Meister präziser, mitreißender Grooves. Die franko-marokkanische Band Bab L’Bluz um die Sängerin Yousra Mansour heizte mit einer schwer rockigen Version nordafrikanischer Stile auf, bei der die bassige Gimbri-Laute eine dominante Rolle spielt. Die Band Ayom mit der aus Brasilien stammenden Sängerin Jabu Morales verband mit ordentlichem Drive Brasilianisches und Mediterranes.

Aus Spanien kommt das Frauentrio Tanxugueiras, das mit Tambourinen und Elektronikunterstützung die galizische Tradition auf der Bühne präsentierte, während die vier Frauen von Amak mit dem baskischen Akkordeon Trikitixa den Nordosten der iberischen Halbinsel zum Klingen brachten. Maria Mazzotta war lange Sängerin in der berühmten süditalienischen Gruppe Canzoniere Grecanico Salentino und singt nun solo. Lediglich von einem Akkordeon begleitet begeisterte sie das Publikum mit allen Emotionen, die salentinische Musik zu bieten hat. Aus der gleichen Gegend kommen Antonio Castrignanò & Taranta Sounds, die in großer Besetzung kraftvollen Taranta und Pizzica auf die Bühne brachten.

Die ukrainische Gruppe Hudaki Village Band präsentierte die im Westen unbekannten Melodien ihrer Heimat in akustischer, aber kraftvoller Form. Vor allem die beiden Sängerinnen überzeugten. Die serbische Band Naked verband Balkan mit Funk und Jazz. Die klassische Musik Aserbeidschans konnte man beim Virtuosen der Tar-Laute Sahib Pashazade und seinem Perkussionisten Kamran Kerimov erleben. Pashazade spielte lange Stücke aus dem Mugham Repertoire mit erstaunlichen Melodieentwicklungen. Eine hochinteressante Neuentdeckung ist das junge Frauenquintett Atine mit der Sängerin Aida Nosrat, deren Mitglieder aus Iran, Palästina und Frankreich stammen. Sie reichern iranische Musik mit spanischen und arabischen Elementen an und fügen aus dem Barock die Viola da Gamba hinzu. Aragaki Mutsumi kommt aus dem japanischen Okinawa und trug die außergewöhnliche Musik von den Inseln ihrer Heimat vor. Besonders spannend: die Verbindung ihres Spiels auf der Sanshin-Laute mit Effekten und Videoclips. Süd-Korea war durch das Trio Dongyang Gozupa vertreten, das sich mit Bass, Drums und Yanggeum-Zither bis zur Ekstase steigerte.

In jedem Jahr verleiht die Womex den Artist Award. In diesem Jahr ging er an die kurdische Sängerin Aynur, die die Türkei wegen Anfeindungen vor zehn Jahren verlassen musste. Sie widmete den Preis den kurdischen Müttern, „who could raise their laments, but not their children. And to all women around the world, who are struggling and fighting for peace and for freedom”. Beim Abschlusskonzert zeigte sie, welch großartige Sängerin sie ist. Die Standing Ovations nach dem Konzert galten ihrer Musik und ihrem politischen Engagement.

Den Neustart hat die WOMEX geschafft und es bleibt zu hoffen, dass sich das bald auch im Albummarkt und bei Konzerten widerspiegelt. Im nächsten Jahr geht es dann nach Lissabon. Hoffentlich dann wieder maskenlos.

Der akustische WOMEX-Bericht des Autors läuft am Samstag, dem 20. November um 17 Uhr bei Mondophon auf Radio ARA und ara.lu


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