Digitorial zu Jean-Michel Basquiat: Spraydosen, Underground und das Schwarze

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt widmete Jean-Michel Basquiat, einem Wunderkind der New Yorker Kunstszene der 1970er- und 1980er-Jahre, vor zwei Jahren eine Ausstellung. Das passende Digitorial ist nach wie vor online – und grandios.

Jean-Michel Basquiat war einer der ersten schwarzen Künstler, die sich in der New Yorker Kunstszene durchsetzen konnten. (Foto: CC BY Marc Carpentier 2.0)

Zeitreisen? Die Schirn Kunsthalle Frankfurt macht es möglich. Ein Klick, zwei Klicks, Scrollen durch das Digitorial zur Ausstellung „Basquiat. Boom for Real“ – schon steht die eigene Couch mitten auf den New Yorker Straßen der 1980er-Jahre. Vor einem sprayt ein Typ mit Dreadlocks und schwarzem Mantel „THE WHOLE LIVERY“ an die Wand. Aus dem Off heißt es: „The world is stable now. People are happy. They get what they want and they never want what they can’t get.“ Der Typ ist Jean-Michel Basquiat, der durch New York zieht und das macht, was er wohl am besten konnte: Kunst. Er war einer der ersten schwarzen Künstler, die sich in der New Yorker Kunstszene einen Namen machten.

Basquiats Karriere begann auf den Straßen der Lower East Side und SoHos, mit einer Spraydose in der Hand. Wo Armut, Verwahrlosung, Gewalt und Rassenunruhen zusammentrafen, entstanden künstlerische Subkulturen, wie etwa die Graffiti-Szene in Harlem oder in der South Bronx. Die Künstler*innen arbeiteten anonym im öffentlichen Raum. Basquiat und sein Highschool-Freund Al Diaz waren Ende der 1970er-Jahre Teil der Underground-Bewegung und machten sich über die Szene hinaus bemerkbar. Unter dem Tag „SAMO©” besprayten sie New York mit kritischen Statements.

„Dos Cabezas“ zeigt die beiden Freunde Andy Warhol und Jean-Michel Basquiat. Letzterer zeichnete das Werk unmittelbar nach einem Besuch in Warhols Atelier. (Foto: CC BY Ryan Dickey 2.0)

Nach dem Bruch mit Diaz bemalte Basquiat nicht mehr nur die Stadt, sondern auch ungefragt die Wohnungen von Freund*innen. Er besuchte zudem regelmäßig den Mudd-Club in der White Street. Dort traf er auf gleichgesinnte Kunstschaffende. „In diesem Netzwerk entstanden gemeinsame Arbeiten, zum Beispiel zusammen mit Keith Haring, oder Kooperationen wie Fashion Shows, Filme oder Ausstellungen“, verrät das Digitorial. Der Mudd-Club und Musik nehmen als zentraler Schauplatz von Basquiats Karriere und der Downtown-Kunstszene allgemein eine zentrale Rolle im Digitorial ein. Schön: In der Online-Ausstellung gibt es Audioaufnahmen von damals. Aus der Szene gingen Berühmtheiten wie Yoko Ono oder Madonna hervor – doch auch Basquiat, der sowohl als Künstler wie auch als Musiker in den verschiedensten Genres unterwegs war, gelang 1981 der Durchbruch. Die Werke, die er bei der Ausstellung „New York/New Wave“ im P.S.1, Institute for Art and Urban Resources in Long Island City zeigte, zogen die Aufmerksamkeit bedeutender Sammler*innen und Kunsthändler*innen auf sich. Es folgten Einzelausstellungen in Italien und später in den USA. Basquiat arbeitete unter anderem mit Größen wie Andy Warhol zusammen, war einer der ersten Akteure der frühen Hip-Hop-Szene und zählt heute zu den bedeutendsten Künstler*innen des 20. Jahrhunderts.

Foto: CC-BY-Renaud-Camus-2.0

So aufregend und vielseitig Basquiats Schaffen war, so überwältigt ist man von den vielen Eindrücken, wenn man das Digitorial der Schirn schließt. Man schwelgt noch eine Weile im Underground New Yorks der 1980er-Jahre, den Sound der Zeit im Ohr. Das Digitorial ist detailverliebt und schrill. Es illustriert Basquiats kurze, dafür aber intensive Karriere über verschiedene Medien – und wird damit der Vielseitigkeit des Künstlers gerecht. Die Schirn punktet hier nicht nur mit einer verspielten Aufmachung, sondern überzeugt auch inhaltlich. Einzige Schwachstelle, die allerdings nicht schwer ins Gewicht fällt: die Nichtthematisierung von Rassismus in der New Yorker Kunstszene der 1970er- und 1980er-Jahre. „Das ‚Schwarze‘ ist mein Protagonist, weil ich schwarz bin, und deshalb verwende ich es als Hauptfigur in meinen Gemälden“ wird Basquiat im Digitorial zitiert. Es wird kurz skizziert, welche Rolle „das Schwarze“ in seinem Gesamtwerk hat und inwiefern sich dieses durch Identitätsfindung auszeichnet, doch wird das Thema nicht ausgiebig kontextualisiert. Es schwingt nur im Subtext mit. Auch wenn es um Basquiats Lieblingsfilm „The Jazz Singer“ (1927) geht: Die afroamerikanische Hauptfigur wurde damals von einem weißen Schauspieler verkörpert, der dunkles Make-up trug. Im Digitorial steht dazu: „Die Rassendiskriminierung durch Filmgesellschaften in Hollywood oder Fernsehproduzenten war Basquiat bewusst und er betrachtete sie – gerade im Hinblick auf seine eigene haitianisch-puerto-ricanische Herkunft sehr kritisch.“ Das heißt? Auf diese Frage gibt das Digitorial keine ausführliche Antwort, dafür aber auf so viele andere.

Das Digitorial ist unter 
www.schirn.de/basquiat/digitorial/de/kunst-liegt-auf-der-strasse 
auf deutsch und englisch verfügbar.

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