Diskussionskultur im Netz: Leider keine Avocados

Hass im Netz ist ein ständiges Problem. Medien, Parteien und große Organisationen tragen eine besondere Verantwortung dafür, Kommentare in sozialen Netzwerken zu moderieren. Die wird jedoch zu selten wahrgenommen.

Die einzige Sorte Hass, die man gerne im Netz sieht: „Hass“-Avocados, sind im Gegensatz zu Hate Speech, auch (fast) ohne Moderation zu genießen. (Foto: publicdomainpictures.net /Jean Beaufort)

Morddrohungen, rassistische Triaden, Verschwörungstheorien, unqualifizierte Kommentare – der Ton in den Kommentarspalten auf Medienseiten und in den sozialen Netzwerken ist oft von Hass geprägt. Luxemburg ist dabei alles andere als eine Ausnahme, wie einige Beispiele aus den letzten Wochen zeigen. Für eine konsequente und rigorose Moderation, die nötig wäre, fehlen vielerorts jedoch schlicht die Ressourcen.

„Morgen werden die Mufflons in Echternach auf Befehl der Umweltministerin Carole Dieschbourg erschossen.“ Das war der Text, den die Piratepartei am 28. Februar 2020 zu einem Video auf Facebook postete. Darin wurde die Umweltministerin als kaltblütige Mörderin dargestellt, die der invasiven Tierart sogar mit einem Raketenwerfer auf den Pelz rückt. Das Video wurde von mehreren Facebook-Seiten der Partei geteilt, verbreitete sich rasant und wurde dementsprechend viel kommentiert.

In den Kommentaren überschlug sich der Hass gegen die Ministerin: Beleidigungen wie „Miss Piggy“, die auch drei Wochen später noch zu lesen sind, waren da noch die freundlichsten. Die Tierliebe für die Mufflons war offensichtlich so groß, dass sie sich in Todeswünschen und Morddrohungen gegenüber der Ministerin ausdrückte. Die Partei reagierte tagelang nicht darauf und fing erst damit an, diese Drohungen zu löschen, als die Hasstiraden bereits Thema in den Medien waren.

Geplante Shitstorms

Später sollte der Piratepartei-Abgeordnete Sven Clement dies in einem Interview mit Radio 100,7 mit den Worten „Manchmal muss man überspitzen“ entschuldigen. Darf also davon ausgegangen werden, dass es sich um eine geplante Eskalation seitens der Piratepartei gehandelt hat? Als Digitalpartei mit einem Social-Media-Experten im Parlament müsste sie eigentlich wissen, zu welchen Posts „Shitstorms“ zu erwarten sind und dementsprechend ein wachsames Auge auf die Kommentare haben.

Sogar nachdem die Ministerin sich selbst zu Wort gemeldet und angekündigt hatte, strafrechtlich gegen einige Kommentare vorzugehen, waren immer noch welche auf der Facebook-Seite zu finden und wurden erst gelöscht, nachdem Journalist*innen auf Twitter bei Parteimitgliedern nachgefragt hatten, warum die Hassbotschaften noch online seien. Clement kündigte im Interview ebenfalls an, die Partei habe sich nun neue Regeln und Tools zur Moderation gegeben – eine Maßnahme, die begrüßenswert ist, aber zu spät kommt.

Für Betroffene ist Hass im Netz äußerst anstrengend, in der Folge können sich psychische Probleme einstellen. Gerade, wenn es nicht „nur“ bei Beschimpfungen, die schon schlimm genug sind, bleibt. Drohungen gegen Leib und Leben können dazu führen, dass Menschen ihre Accounts offline schalten oder gar ihre Adresse wechseln müssen. Eine Ministerin mag die sozialen und finanziellen Ressourcen haben, um dies verkraften zu können – für Aktivist*innen ist das nicht so einfach.

Hass und seine Folgen

In diesem Kontext ist die Wulst an Kommentaren und Leser*innenbriefen zu sehen, die nach dem Frauenstreik am 7. März 2020 vielerorts im luxemburgischen Netz auftauchte. Ein Sticker mit der Aufschrift „Lëtzebuerg, du hannerhältegt Stéck Schäiss“ und ein Banner, auf dem „Aal wäiss Männer? Brauch kee Mensch“ zu lesen war, hatten dafür gesorgt, dass feministische Aktivist*innen, vor allem nicht-weiße, Hasskommentare erhielten. Dabei handelte es sich bei beiden Sprüchen um eine Aktion des Kunstkollektives Richtung 22. Es ist davon auszugehen, dass die Aufregung gezielt herbeigeführt worden war: Ein ehemaliger Kandidat der ADR hatte die Fotos geteilt und so den Hass angestachelt.

Es ist schon länger bekannt, dass Hate Speech im Netz nicht nur ein virtuelles Phänomen ist, sondern zu Radikalisierung und damit auch zu physischer Gewalt führen kann. Die rechtsextremen Terroranschläge von Christchurch und Hanau sind nur zwei solcher Beispiele, Lynchmobs in Indien und „ethnische Säuberungen“ in Myanmar sind andere.

Den Betreiber*innen sozialer Netzwerke fällt eine große Verantwortung zu, die diese jedoch nur zögerlich annehmen. Sie wollen weder Nutzer*innen vergraulen, noch die Meinungsfreiheit einschränken – auch wenn das Verständnis von Meinungsfreiheit, die jede noch so menschenfeindliche Äußerung zum schützenswerten Gut erhebt, mehr als angezweifelt werden darf.

In den letzten Jahren haben Facebook, Youtube und Twitter Maßnahmen ergriffen, um Hate Speech von ihren Plattformen zu verbannen. Einen Kommentar zu melden, heißt jedoch nicht, dass dieser gleich gelöscht wird. Einerseits haben die Moderator*innen, die oft unter sehr schlechten Bedingungen für wenig Geld und unter hohem Druck arbeiten, in vielen Fällen nicht den gleichen soziokulturellen Background wie die Poster*innen – oder verstehen schlicht die Sprache nicht. Ob es Moderator*innen gibt, die für Facebook arbeiten und Luxemburgisch verstehen, ist nicht bekannt.

Foto: NetzTeufel

Gute Moderation bringt bessere Communities hervor

Schneller und effektiver ist es, wenn die Seitenbetreiber*innen selbst eine Moderation vornehmen. Verschiedene Studien und Erfahrungsberichte zeigen, dass eine konsequente Moderation – Hate Speech und aggressive Diskussionsbeiträge werden geahndet und gelöscht – zu einem besseren Klima in Online-Communities beiträgt.

In einer Studie der Kommunikationsforscherin Anna Gibson (Stanford University) wurden zwei Reddit-Foren miteinander verglichen, die grundsätzlich das gleiche Thema hatten. Eins war moderiert, das andere verfolgte eine strikte „Free Speech“-Politik. Beide Foren verzeichneten ungefähr gleich viel Aktivität, jedoch in sehr unterschiedlicher Form. Während der Tonfall in dem moderierten Forum positiv und hoffnungsvoll war, dominierten in dem unmoderierten Gegenpart Negativität und Wut.

Eine gute Moderation braucht zeitliche und personelle Ressourcen. Viele luxemburgische Medien haben zusätzlich zu ihren Seiten auf Facebook auch Kommentarmöglichkeiten auf ihren Websites. Eine aktive Online-Community kann nicht nur den demokratischen Austausch fördern, sondern auch für hohe Klickzahlen sorgen. Neben dem Argument, dem Vorwurf der Zensur aus dem Weg zu gehen, gibt es also durchaus auch wirtschaftliche Gründe, wenig zu moderieren.

Berüchtigt ist das Forum von RTL.lu. Die größte Nachrichtenseite Luxemburgs hat viele aktive Nutzer*innen, die Kommentare schreiben – oft in einem aggressiven Tonfall. Moderiert wird das Diskussionsforum auf RTL.lu von den eigenen Journalist*innen, einen Community Manager leistet sich das Medienunternehmen für die Kommentare auf Facebook. Zu verschiedenen Themen wird die Kommentarfunktion geschlossen: bei Berichten über Gerichtsprozesse, Verkehrsunfälle, aber auch bei News zur internationalen Politik. Werden solche Artikel auf Facebook gepostet, sind die Moderator*innen von RTL besonders wachsam, wie ein Sprecher des Unternehmens der woxx mitteilte.

Beim Luxemburger Wort sieht es ähnlich aus: Die Web-Journalist*innen, deren Aufgabe eigentlich darin besteht, aktuelle Nachrichten kurz und knapp ins Internet zu bringen, müssen „nebenbei“ noch Kommentare auf der Website und auf Facebook moderieren. Das soll sich ändern: „Wir werden allerdings in naher Zukunft diese Funktion noch stärker ausbauen, weil die Arbeit eines Community Managers immer anspruchsvoller wird und das auf Dauer nicht mit der Pflege einer Homepage zu managen ist“, erklärte der Digitalchef des Worts, Christophe Langenbrink der woxx.

Kaum personelle Ressourcen zur Kommentar-Moderation

Unter welchen Artikeln die Kommentare so richtig brennen, ist nicht immer vorhersehbar, allerdings gibt es verschiedene Muster: Polarisierende politische Themen, generell die Wahlzeit, Geflüchtete und Benzinpreise ziehen bei luxemburgischen Medien besonders viele Kommentare nach sich. 2017 gestaltete der Presserat gemeinsam mit der Plattform Bee Secure eine Netiquette, die von allen Medien in Luxemburg angewendet werden soll.

Illegale Inhalte, wozu rassistische, sexistische und andere diskriminierende Kommentare gehören, sollten ebenso gelöscht werden wie Spam, Werbung, anzügliche Bemerkungen oder persönliche Angriffe. Wie sehr sich die Medienhäuser und die einzelnen Moderator*innen daran halten, ist nicht immer ersichtlich. Gerade am Beispiel des Frauenstreiks zeigt sich, dass die Definition, was sexistisch ist, in vielen Redaktionen nicht unbedingt sehr streng gehandhabt wird; es scheint für die Diskriminierung wenig Bewusstsein zu geben. Das bedeutet wiederum, dass Hasskommentare gegen marginalisierte Menschen seltener gelöscht werden – mit allen Konsequenzen, die das haben kann.

Es offenbart sich einmal mehr ein grundlegendes Problem, das der Journalismus, besonders in Luxemburg, zurzeit hat: Es gibt zu wenig Ressourcen, um die wachsenden Aufgaben zu erfüllen. Wer E-Mails mit Pressemitteilungen und Nachrichtenticker lesen und darüber Artikel schreiben soll, wird es schwer haben, „nebenbei“ noch Kommentare zu moderieren. Das wäre eigentlich ein Vollzeitjob, der spezielle Fähigkeiten und viel Erfahrung benötigt.

Es muss ein Umdenken passieren: Kommentare müssen, egal auf welcher Site sie gepostet werden, professionell moderiert werden. Gerade Medien, die besonders viele Kommentare verzeichnen, müssen sich personell dafür rüsten. Eigentlich stünde dem Land eine Mediendebatte ins Haus, durch die Corona-Krise kann diese jedoch nicht wie geplant stattfinden. Vielleicht bietet das Entscheidungsträger*innen in Politik und Medien die Chance, stärker über das Thema Moderation nachzudenken.


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