Doku
: Andy Warhol: Queer gelesen missverstanden?


Die Dokuserie „The Andy Warhol Diaries“ auf Netflix porträtiert den Menschen hinter der Ikone und geht dessen Sexualität auf den Grund – das ist relevant und problematisch zugleich.

Der Künstler Andy Warhol führte romantische Beziehungen mit Männern – in der Serie 
„The Andy Warhol Diaries“ gehen die Meinungen darüber auseinander, inwiefern das sein Werk beeinflusste. (Bildquelle: Pixabay)

„Humorless melodrama”, zitiert die Kunstzeitung „The Art Newspaper“ Bob Colacello, langjähriger Redakteur bei Andy Warhols „Interview Magazine“. „Andy was hilarious to be around, but you’d never know it from watching the sad sack depicted here.” Damit reagiert Colacello auf die sechsteilige Dokuserie „The Andy Warhol Diaries“, die kürzlich auf Netflix anlief. Colacello ist einer von vielen Wegbegleiter*innen des Pop Art-Meisters Andy Warhol, die in der Doku ihre Erlebnisse mit ihm nacherzählen. Er ist nicht der einzige, der sich an der Darstellung des Künstlers stört.

Als Ausgangspunkt der Doku dienen Warhols Tagebücher, die 1989 von Pat Hackett veröffentlicht wurden. Hackett, eine enge Vertraute von Warhol, telefonierte von 1976 bis kurz vor seinem Tod im Jahr 1987, fast täglich mit ihm. Er berichtete ihr von seinen Erlebnissen und sie hielt das, auf seinen Wunsch hin, schriftlich fest. In der Serie liest eine KI-Version von Andy Warhols Stimme die Beiträge vor. Die ist anfangs verstörend, doch man gewöhnt sich mit der Zeit an dieses skurrile Detail.

Die Wahl ihrer Gesprächs-
partner*innen offenbart, worauf Rossi und Murphy aus sind: Andy Warhol als Menschen zu zeigen, als Mann, der sich weder in heteronormative Schubladen stecken ließ noch in das gängige Kunstverständnis passen wollte. Zwar spielen seine Erfolge, seine Entwicklung und sein vermeintliches Scheitern als Künstler eine zentrale Rolle in der Doku, doch werden sie eng mit dem verwoben, was von Warhols Privatleben bekannt ist.

Es kommt zur Sprache, dass Warhol viele Jahre mit dem Möbeldesigner Jed Johnson liiert war und später Jon Gould liebte, der beim Filmkonzern Paramount Pictures tätig war. Auch Warhols komplexe Beziehung zum Künstler Jean-Michel Basquiat wird thematisiert: Diese soll rein platonisch gewesen sein, dafür aber von Rassismus und unausgewogenen Machtverhältnissen durchzogen. In der Serie werden außerdem Warhols pornografische Fotografien nackter Männer und seine queere Porträtserie „Ladies and Gentlemen“, in der er unter anderem Marsha P. Johnson abbildete, diskutiert. P. Johnson gilt als eine der Schlüsselfiguren der Stonewall-Aufstände im Jahr 1969. Rossi und Murphy lenken die Aufmerksamkeit demnach auf Andy Warhols’ queere Identität, beziehungsweise auf deren Spuren in seinem Werk.

Streitthema Queerness

Diese Verknüpfung ist interessant, weil sie andere Lesarten von Andy Warhols Arbeit, die weit mehr als seine poppigen Siebdrucke umfasst, ermöglicht. Welchen Einfluss hatte es auf Warhols Kunst, dass er Männer begehrte? Wie wirkte es sich auf seine Kunst aus, dass er die Aids-Krise miterlebte und unzählige Freunde an die Krankheit verlor? Es sind Fragen, die man durchaus ergründen kann und soll. Nur widersprechen sich die Kunsthistoriker*innen und Warhols Vertraute in der Serie.

Warhol fertigte zwischen 1984 und 1986 die Serie „Last Supper“ an, in der er Leonardo da Vincis Meisterwerk „Das letzte Abendmahl“ neu interpretierte. Auf einer der Leinwände prangt groß die Aufschrift „Big C“, umgeben von Motorrädern. Für Jessica Beck, Kuratorin am Andy Warhol Museum in Pittsburgh, ist das eine Anspielung auf schwules Leben und Aids. Die Erkrankung wurde damals diskriminierend als „Gay Cancer“ bezeichnet, weil viele schwule Männer zu den Erkrankten zählten. Becks Interpretation ist überzeugend, wird jedoch durch einen Kommentar von Christopher Makos entkräftet: Warhols langjähriger Freund will Becks Lesart partout nicht gutheißen. Er, der sich selbst als schwul bezeichnet, spielt den Einfluss von Warhols Homosexualität auf sein Gesamtwerk herab. An anderer Stelle wird Warhol abgesprochen, eine queere Ikone gewesen zu sein, geschweige denn ein LGBTIQA+-Aktivist.

Das muss kein Widerspruch sein, nur wird das in der Serie durch diese Beiträge als solcher suggeriert. Die Serie führt gleichzeitig aber auch vor, dass Warhol und einige seiner schwulen Vertrauten darum bemüht waren, als heterosexuell durchzugehen, aus Angst vor Homofeindlichkeit. In der Öffentlichkeit trat Warhol teilweise als asexuelle Person auf. Es bleibt unklar, inwiefern diese Selbstbezeichnung Teil einer Inszenierung war, um sein Privatleben zu schützen. Andy Warhol und seine Sexualität scheinen die Medien damals auf jeden Fall beschäftigt zu haben.

Warum also seine Bezüge zu Homosexualität und Aids bei der Betrachtung seines Werks außen vor lassen? Es gibt durchaus Argumente dafür, die allerdings eine Grundsatzdiskussion lostreten. Die Vermischung der Privatperson Andy Warhol mit seinem Werk ist durchaus diskutabel: An manchen Stellen verleitet die Doku durch die Gegenüberstellung der Beiträge zur oft kontrovers besprochenen Annahme, dass keine Distanz zwischen Kunst und ihren Schöpfer*innen besteht; dass sie eine untrennbare Einheit bilden. Davon auszugehen, wäre im Zusammenhang mit Andy Warhol, der die Bindung zwischen Künstler*innen und einem bestimmten Stil angriff, fast schon absurd.

Am Ende ist „The Andy Warhol Diaries“ auf jeden Fall sehenswert und dürfte vor allem Menschen, die sich für Gegenwartskunst und Popkultur interessieren, begeistern. Die Serie driftet immer mal wieder ab, um Einblicke in das Leben anderer Persönlichkeiten der 1960er- oder 1980er-Jahre zu geben, wie beispielsweise in das des zuvor erwähnten Jean-Michel Basquiat oder jenes von Keith Haring. Wer nah am Wasser gebaut ist, sollte außerdem Taschentücher bereithalten – die Doku hält nämlich besonders gegen Ende Momente bereit, die emotional aufwühlend sind. Viele der Protagonisten starben einen frühen und tragischen Tod. Noch dazu wird einem das Ausmaß der Aids-Krise in den 1980er-Jahren vor Augen geführt.

Auf Netflix.

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