Electrical Moods: Akustische Schattenspiele

Wenn in der Stadtgalerie Saarbrücken der König quietscht und ein Bunker zum Sternenmeer wird, hat die Klangkünstlerin Christina Kubisch ihre Finger im Spiel.

Die 71-jährige Klangkünstlerin hat Induktionskopfhörer entwickelt, die elektromagnetische Klänge aufnehmen und hörbar machen. (Foto: Kerstin Krämer)

Mit weit ausgebreiteten Armen halten zwei Männer großformatige Fotografien hoch. Die Lichtkästen im Innenhof der Stadtgalerie sind noch leer. Auf einem Tisch stapeln sich die restlichen Bilder, an der Mauer steht eine Leiter. Auch hinter den Glastüren der Galerie sieht es einen Tag vor der Vernissage der Ausstellung „Electrical Moods“ noch chaotisch aus. Andrea Jahn, die Direktorin und künstlerische Leiterin des Hauses, sucht nach Pressemappen, ein Fernsehteam nach der richtigen Kameraeinstellung – und alle nach Christina Kubisch. „Da bin ich“, ertönt zwischen dem Hämmern und Klirren der Werkzeuge ihre Stimme. Langsam läuft sie die Treppe zum Erdgeschoss hinunter.

Kubisch zählt zu den Pionier*innen der Klangkunst. Sie experimentierte schon Ende der 1970er-Jahre mit elektromagnetischer Induktion und Telefonverstärkern: dem System für ihre Klanginstallationen, die Dinge hörbar machen, die außerhalb der gewöhnlichen Wahrnehmung liegen. Sie wurde für ihre Arbeiten mehrfach international ausgezeichnet und hat schon an unzähligen Ausstellungen mitgewirkt. Für ihre zweite Einzelausstellung in der Stadtgalerie konzipierte sie die Rauminstallation La Serra/Das Glashaus.

Kabelkunst und Schachtglocken

Als sie an jenem Tag durch die Glastür in den hellen Raum blickt, feilt ein Tontechniker noch an den akustischen Feinheiten. Es hängen 1.600 Meter Kabel von der Decke. Kabelsalat, der im Luftzug vorbeigehender Menschen leicht hin und her schwingt. „Die Kopfhörer haben Kupferspulen, die durch Induktion den Sound der in den Kabeln zirkulierenden Klänge aus den Drähten übertragen“, erklärt Kubisch und reicht ihrem Gegenüber die großen Kopfhörer. „Klänge aus der Natur wechseln sich mit anderen, fremdartigen Geräuschen ab, die technisch und unbekannt wirken.“ Die Komposition läuft über 16 Kanäle. Man bewegt sich frei durch den Raum, hält den Kopf mal hier, mal dort näher dran – und lauscht der Disharmonie zwischen Natur und Technik.

Kubisch führt nach kurzen Anweisungen an den Tontechniker weiter zu den Remote Relations: Rapunzel aus Kupferkabel. Über die gesamte Länge des Raumes liegt ein schwerer, glänzender, eng geflochtener Zopf. Er verschwindet in einer Deckenöffnung. Die Künstlerin erinnert sich an die vorangehende Nacht. Da saßen sie hier zu zehnt auf dem Boden und haben die einzelnen Kupferkabel geflochten. Eine Friseurmeisterin aus Saarbrücken gab den Ton an, die anderen haben die Stränge von einer Seite zur anderen geschlagen. An den Enden des Zopfes stehen kleine Lautsprecher, aus denen elektronische Klänge und das vibrierende Spiel einer Glasharmonika dringen. Dieses Instrument wurde bis ins 19. Jahrhundert gespielt, durch das Anspielen mit nassem Finger. „Im Wechsel dazu tauchen immer wieder auch elektromagnetische Klänge von hörbar gemachten Lichtquellen, Reklametafeln und anderen Stromquellen auf.“ Kubisch stemmt die Hände in die Hüften und schaut auf ihr Werk. „Rapunzel hat durch ihr aus dem Turm fallendes Haar kommuniziert. Wir nehmen den Kontakt zur Außenwelt heute häufig über Kabel wahr. Meine Installation ist eine ambivalente, zeitgenössische Interpretation des Märchens.“

Der Gang durch Kubischs akustische Parallelwelt führt zurück in die Vergangenheit. Es ist eine zeitlose Welt, in der neben der Glasharmonika auch ausrangierte Schachtglocken erklingen. In einem kleinen, dunklen Raum im Obergeschoss stellt die Künstlerin sie aus. „Die Glocken spielten früher akustische Signale, die im Bergbau alle kannten. Ich habe sie erneut aufgenommen und hörbar gemacht“, sagt sie und klopft sie nochmals einzeln ab. Sie ist begeistert von der Vielseitigkeit ihrer Klänge, beugt sich weit über die Schachtglocken. „Es ist eine akustische Komposition einer Sprache, die inzwischen verloren gegangen ist.“ Später lehnt sie sich draußen leicht über das Geländer und schaut hinab aufs offene Treppenhaus. Das Kamerateam, das die Ausstellungsräume im unteren Stockwerk filmte, ist weitergezogen. Kubisch schlägt vor, sich die dort gezeigten Arbeiten anzuhören.

Eins werden mit dem Kunstwerk: Christina Kubisch legt in ihren Werken viel Wert auf die Einbindung der Besucher*innen. (Foto: Christina Kubisch, analyzing silence, Video, Installationsansicht Museum für moderne Kunst, Salzburg)

Das Pulsieren der Städte

Unweit der Kasse: eine Hommage an die Electrical Walks. Die Künstlerin entwickelt seit 2003 nicht-geführte Stadtspaziergänge, auf denen man mittels Induktionskopfhörer den Geräuschen elektromagnetischer Stromfelder begegnet. Die „walks“ fanden bisher weltweit in 74 Städten statt. Kubisch hat auch einen Rundgang für Saarbrücken konzipiert, wo sie neun Jahre Professorin für „Plastik/Audiovisuelle Kunst“ an der Hochschule der Bildenden Künste war. In der Stadtgalerie werden die Electrical Walks durch zig Stadtpläne, ein Sonagramm und ein Video visualisiert.

„New York hat einen elektromagnetischen Heavy Metal-Sound. Rom ist hektisch“, kommentiert Kubisch die Stadtpläne. Wieder reicht sie einen Kopfhörer. Was es auf die Ohren gibt? Eine Hörprobe von Saarbrücken. „Saarbrücken ist interessant, sehr laut. Den Klang der Saarbahn habe ich auch erforscht – der ist wirklich einzigartig.“ Die Saarbahn hat Rhythmusgefühl, einen hämmernden Beat. Ihr verborgener Sound erinnert an elektronische Club-Musik. „Die Klänge der Städte passen immer zum Stadtbild“, sagt Kubisch. „Saarbrücken hat ein paar poetische Orte, ist aber grundsätzlich akustisch dicht und hart. In etwa so sieht die Innenstadt auch aus.“

Im Raum nebenan hängt das Werk Magnetic Cities, das in Zusammenarbeit mit einem befreundeten Fotografen aus Thailand, Miti Ruangkritya, entstand. Kubisch hatte die Idee, er solle Bangkok aus seiner Perspektive fotografieren. Er habe sich für eine Analogkamera und Schwarz-Weiß-Fotos entschieden, erläutert die Künstlerin und greift nach einem Audioguide. „Die leicht verpixelten, grauen Fotos geben den monotonen, farblosen Eindruck wieder, den er von der Stadt hat.“ Sie zeigt auf das Foto einer Gruppe von Männern, die an einer Art Strommast arbeiten. „Ich habe dazu die elektromagnetischen Klänge der Orte aufgenommen, die er fotografisch festgehalten hat.“ Manches durften sie in Thailand nicht zeigen, weil es den öffentlichen Instanzen missfiel. So beispielsweise die Erinnerungsstätte des 2016 verstorbenen Königs Bhumibol Adulyadej. „Als wir uns die Klangaufnahme anhörten, erschraken wir: Die Klänge um den Tempel herum erinnerten uns an ein Saxofonspiel – und der König spielte tatsächlich Saxofon.“ Sie lacht auf. „Aber vielleicht haben wir auch nur das gehört, was wir hören wollten.“

Kubischs Audioguide gibt keine Infos zur Werkentstehung. Er liefert die elektromagnetischen Klänge zum Bild. Die Einheit zwischen der Funktionalität der Objekte und ihren elektromagnetischen Klängen ist verblüffend. Leuchtreklamen klingen so penetrant wie sie aufblinken. Der Klang der Überwachungskameras dringt mit Bässen tief in den Gehörgang vor und signalisiert durch ein anhaltend tröpfelndes Geräusch im Hintergrund: „I am still watching you.“ Der König von Thailand quietscht wie kaputte Rollläden. Es sind die Leuchtstäbe, die sein Porträt umrahmen, die diese Laute von sich geben.

Stimmen der Stille

Und dann kehrt plötzlich Stille ein. Stille, so wie sie Christina Kubisch versteht. Sie sitzt auf einem der weißen Plastikstühle, die direkt unter einem brummenden Overheadprojektor stehen. Über die gegenüberliegende Wand flimmert ein Sonagramm. Es visualisiert die Audio-Aufnahmen, die den Raum füllen. In über 50 Sprachen führen Sprecher*innen einen Dialog der Stille. Für die Silent Exercices hat sie Menschen gebeten das Wort „Stille“ in ihrer Landessprache über einen längeren Zeitraum hinweg zu wiederholen.

(Foto: Christina Kubisch, Electrical Walks, Impression)

Wie man „Stille“ auf luxemburgisch sage, fragt sie. Sie lacht über den Begriff „Rou“. Das habe sie noch nie gehört. Ob sie es aufnehmen dürfe? Ja, das durfte sie. Erst im Nachhinein erscheint „Rou“ nicht ganz zutreffend. Gibt es überhaupt ein luxemburgisches Pendant? Kubisch stellte bei den Aufnahmen jedenfalls fest, dass Stille in verschiedenen Kulturkreisen unterschiedlich wahrgenommen wird. „In China und Japan gibt es mehrere Wörter für Stille. Sie nimmt einen großen Raum in der asiatischen Kultur ein“, verrät sie. „In einigen afrikanischen Sprachen gibt es hingegen keinen konkreten Begriff dafür.“

Beat der Zeit

Sie ist in das Sonagramm und ihre Gedanken versunken. „Die Stille fasziniert mich. Sie wurde in der Literatur der Romantik erstmals zum großen Thema, als die Industrialisierung begann.“ Sie lächelt. „Was heißt Stille? Sie bedeutet nicht nichts. Sie bietet vielmehr die Möglichkeit, Dinge wahrzunehmen, die sonst nicht hörbar sind. Es ist der Moment, in dem man genau hinhören kann.“

Generell sei die Welt lauter geworden, härter, dichter, so Kubisch. Sie ist gespannt, wie sich das mit der Einführung der 5G-Technik verändern wird. „Die akustische Erscheinung der Welt und der Gegenwart entspricht der allgemeinen Weltwahrnehmung“, führt sie den Gedanken kurz vorm Abschied weiter aus. „Wir haben ein restriktives Gehör, unsere Ohren verkümmern, weil wir nur noch selten wirklich hinhören müssen. Erst bei Spaziergängen in der stillen Natur werden wir uns der Geräusche in unserer Umgebung wieder richtig bewusst.“ Es ist Kubischs Neugier, die sie und ihr Gesamtwerk so faszinierend macht. Sie sieht und hört, woran andere achtlos vorbeilaufen. Ihre Kunst eröffnet verborgene Welten, die uns täglich umgeben. Sie offenbart akustische Schatten, die wir nicht hören. Die Dinge, die unseren Alltag am meisten prägen, nehmen wir in ihrer Komplexität tatsächlich am wenigsten wahr. Wer weiß schon, wie die elektromagnetischen Klänge eines Handys oder eines Wlan-Routers klingen?

Draußen im Innenhof hängen inzwischen die Fotografien in den Lichtkästen. Es sind UV-Fotografien von Luftschutzstollen. Kubisch hat die Phosphorfarbe, die in Kriegszeiten zur Orientierung in der Dunkelheit in Bunkern aufgetragen wurde, fotografiert. Heute dienen die Luftschutzstollen als Testbunker für Versuche mit hochenergetischer Röntgenstrahlung und Mikrowellen, heißt es in der Werkbeschreibung der Fotoserie Schutzraum. Wer die Bunker mit Kubischs Augen sieht, erkennt darin ein Sternenmeer.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 12. Mai 2019. Kopfhörer und Stadtpläne für den 
Electrical Walk durch Saarbrücken gibt es zum Ausleihen in der Stadtgalerie. 
Eintritt und Stadttour sind frei.

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