Fantasy: Woke Thor

Die dänische Serie „Ragnarök“ verbindet die alten Göttersagen mit Teenie-Romanzen und Umweltbewusstsein. Manchmal etwas überladen, dennoch sehenswert.

Auch der christliche Gott kann nichts daran ändern, dass der Thor in Magne erwacht. (© Oystein Fixe/Netflix)

Sie hätten es ahnen sollen: Als Magne und Laurits Seier mit ihrer verwitweten Mutter Turid in die norwegische Kleinstadt namens Edda ziehen, eröffnet sich ihnen die alte Welt der Wikinger-Gottheiten. Denn Edda gibt es zwar, jedoch nicht als Ort sondern als Literatur. Es sind gleich zwei altisländische Bücher, die sogenannte Prosa-Edda und die Lieder-Edda – beide sind die ältesten bekannten Niederschriften des alten Glaubens, verfasst im christianisierten Island des 13 Jahrhunderts. Aus diesen Werken entwickelten sich über die Jahrhunderte alle Neuinterpretationen und Versionen des Götterkults – bis hin zu Pop-Versionen wie der Thor der Marvel-Comics.

Auch der Name der Serie „Ragnarök“ ist den Eddas entliehen: Er bezeichnet die Apokalypse in den Wikinger-Sagas. Ein epischer Kampf der Riesen, die das Chaos verkörpern gegen die Gött*innen, welche für Recht und Ordnung stehen. Am Ende eines jahrelangen Gemetzels geht die Welt unter, danach erschafft Gottvater Odin eine neue.

Die Serie von Adam Price und David Stakston – der gleichzeitig die Hauptrolle des Magne spielt – versucht die alten Sagen in ein zeitgenössisches Gewand zu pressen. Magne, ein komplizierter an Dyslexie leidender Teenager wird bei seiner Ankunft in Edda von einer alten Supermarktkassiererin – eigentlich eine „Völva“, eine germanische Schamanin – berührt und verwandelt sich daraufhin langsam aber sicher in den Donnergott Thor. Sein Bruder Laurits wird seinerseits zu einer der interessantesten Persönlichkeiten der Eddas: dem Halbriesen und Halbgott Loki – der mal der einen, mal der anderen Seite behilflich ist. Seine Transidentität in der Serie spiegelt das anti-manichäische der Sagengestalt.

Ihre Gegner sind die Jutuls: Eine Industriellenfamilie die seit ewigen Zeiten über Edda herrscht, die Umwelt kaltblütig zerstört, sich nicht um den Klimawandel schert und die Politik beeinflusst. Der Patriarch Vidar stellt mit Jutul Industries den größten Arbeitgeber der Gegend, während die Mutter Ran Direktorin des Gymnasiums ist. Passenderweise gehen ihre Kinder Saxa und Fjor in die gleiche Klasse wie die Seier Brüder. Doch die Jutuls sind an sich keine Familie, jedenfalls nicht im klassischen Sinn: Sie sind Riesen aus der alten Welt, die seit Tausenden von Jahren getarnt unter den Menschen leben und auf Ragnarök warten, um sich an den verhassten Göttern zu rächen. Denn die Riesen halten sich selbst für die ersten und die besseren Götter. Als ausgerechnet Magnes einzige Freundin und Umweltaktivistin, deren Name wohl nicht zufälligerweise Isolde ist (schließlich schrieb Richard Wagner mit der „Götterdämmerung“ einen Teil der nördlichen Sagas fort), entdeckt dass die Jutuls Fässer mit Giftmüll in einem schmelzenden Gletscher verstecken, und dann mysteriös zu Tode kommt, beginnt der Kampf.

Ragnarök erinnert teilweise an eine düstere und erwachsenere Version des Teenie-Abenteuerfilmklassikers „Die Goonies“, überbacken mit einer guten Portion Wokeness und Umweltbewusstsein. So sind die Kids in der hinterwäldlerischen Fjord-Stadt, die visuell auch etwas vom amerikanischen Rust Belt hat, natürlich alle super-tolerant was Homo- oder Transsexualität angeht. Auch in Sachen Diversität erfüllt „Ragnarök“ brav alle Kriterien. Das ist sicher begrüßenswert, wirft aber die Frage auf, ob Netflix die Serie auch produziert hätte, wenn nicht alle diese Checkboxen angetickt worden wären – oder ob sie ähnlich erfolgreich gewesen wäre.

Nichtsdestotrotz ist „Ragnarök“ eine gelungene Serie auch wenn die Übergänge zwischen Übernatürlichem und allzu Menschlichem manchmal etwas gekünstelt wirken. Ein Ausflug nach Edda lohnt allemal.

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