Fräulein Julie: Bei diesem Machtkampf sprühen die Funken

von | 08.01.2026

August Strindbergs „Fräulein Julie“ hat nichts vom Muff braver bürgerlicher Trauerspiele. Mit dem schnellen Puls des bissig-pikanten Stücks leitet das „Théâtre National du Luxembourg“ das neue Theaterjahr ein.

Schwärmereien im Schaumbad: Nach ihrer stürmischen Liebesnacht verlieren Julie und Jean mehr und mehr ihren Realitätssinn. (© Anna Schwartz)

Zwei Menschen, die sich mit der gleichen bebenden Verzweiflung umklammern, wie sie sich gegenseitig wegstoßen. Zwei Liebende, die sich aneinander entfachen, um wenig später durch die Kälte des anderen schmerzvoll zu verlöschen. „Fräulein Julie“ ist ein Stück, das mit seinem Tempo und seiner Intensität die Luft zum Flimmern bringt. Eindrücklich zeigt es, wie sich innerhalb einer Nacht Liebe und Lust in die Höhen des Wahns hinaufschrauben können, dort, wo kein Halt mehr möglich ist. Der Absturz ist unvermeidlich.

Mittsommernacht auf einem schwedischen Herrensitz: Selbstbewusst und gelöst schäkert die adlige Julie nach einem Tanzabend mit ihrem Diener Jean. Dessen Verlobte Kristin schläft im Laufe des Abends ein: Das Liebesdreieck schrumpft rapide zu einer geraden Linie mit zwei Polen, die in einem fort zwischen magnetischer Anziehung und Abstoßung wechseln. Als Symbolfiguren treten sich Julie und Jean nicht als Individuen, sondern als lebensbestimmende Gegensätze entgegen: Mann versus Frau, Adel versus Volk. Ihr Verhältnis ist grundlegend hierarchisch – und um diese Tatsache kreist eigentlich das Stück, hierin wurzelt seine tragische Dimension. Jean genießt die durch das Patriarchat festgelegten, Männern vorbehaltenen Privilegien. Er erinnert, um seine eigenen Freiheiten und Vorrechte wissend, Julie bereits zu Beginn der Liebesnacht daran, dass ihr Verhalten ein schwerer Verstoß gegen die Sitten der Zeit darstellt und sie die Konsequenzen dafür wird tragen müssen („Die Leute werden immer sagen, Sie sind gefallen!“).

Julie, die zur Oberschicht gehört, ist Jean ihrerseits in puncto Status und Vermögen überlegen. Im Verlauf der Handlung werden zwischen den Figuren die anfangs absolut erscheinenden Grenzen jedoch zeitweise aufgeweicht: Julie erzählt von ihrer Vergangenheit, in der sie mittellos war, Jean und Julie tauschen im Gespräch mitunter die Rollen, sodass Julie Jeans Redeanteil übernimmt und umgekehrt. Jean gewinnt im Gespräch zwar schließlich die Oberhand und kann Julie mit seinen Demütigungen in einen geistigen Ausnahmezustand treiben, verliert gleichzeitig jedoch seine Verlobte. Sein Traum, zu einem Geschäftsmann zu avancieren und ein Hotel zu eröffnen, zerbricht.

Als Drama macht „Fräulein Julie“ deutlich, dass strikt gesetzte hierarchische Ordnungen Konstrukte sind, die zwar zwischenzeitlich erschüttert, aber nicht insoweit nivelliert werden können, als dass sich Personen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Geschlechts auf Augenhöhe begegnen können. Gegen die gesellschaftlichen Normen zu rebellieren heißt, sich auf eine qualvolle wie unproduktive Kraftprobe einzulassen und nicht, sie zum Zwecke einer auf Gleichberechtigung beruhenden Begegnung auszuklammern. Ausbrüche aus Rollenbildern und die Verletzung von Standesregeln werden hart bestraft, besonders wenn sich Frauen aus ihrem engen Lebenskreis vorwagen. Nicht zufällig ist die Küche der einzige Schauplatz des Bühnengeschehens: Sie symbolisiert die behagliche weibliche Sphäre, stellt aber auch die Arbeitsstätte von in Abhängigkeit lebenden Bediensteten dar. Nur hier kreuzen sich die Wege von Julie, Jean und Kristin. Alle drei sind auf eigene Weise Gefangene eines gesellschaftlichen Systems, das ihnen fixe Positionen zuweist. Aufgrund seiner Vormachtstellung als Mann kann sich Jean schlussendlich am ehesten von den engen Fesseln seiner Herkunft lösen, was sich daran zeigt, wie er die Aristokratin Julie im Gespräch manipuliert, erniedrigt und nach und nach in ihrem Verhältnis die Führung übernimmt.

Luftschlösser bauen und niederreißen

Die Fieberhitze der Zerreißprobe, die August Strindbergs „Fräulein Julie“ zu einem seiner bekanntesten Stücke machte, lässt auch im „Théâtre National du Luxembourg“ (TNL) die Bühne zu einer flirrenden Zweikampfarena werden. Das ständig kippelnde Hin und Her zwischen Julie und Jean gewinnt durch die souveräne Schauspielleistungen von Nora Koenig und Thomas Braus beträchtlich an Rasanz; ebenso stark ist die Performance der „Kristin“-Darstellerin Silvia Munzón López, die – der durchgestreckte Rücken und die feste Stimme unterstreichen es – Haltung zeigt und Jean im Verlauf der Handlung eine Abfuhr erteilt. Sie bricht mit erhobenem Haupt vom Herrensitz auf, um dem morgendlichen Gottesdienst beizuwohnen. Das mehr und mehr verwahrlosende Paar überlässt sie damit seinem Schicksal.

Der Regisseur Stefan Maurer, der im Rahmen der Zusammenarbeit von TNL und Schauspiel Wuppertal Strindbergs Text aufgefrischt hat, bleibt nah am Original, das seit seiner Entstehung am Ende des 19. Jahrhunderts nichts von seiner Explosionskraft und Zugänglichkeit eingebüßt hat. Die gelungene Bühnengestaltung (Luis Graninger) greift durch die feine Zusammenstellung von unterschiedlichen Materialien die Frage nach der sozialen Mobilität, also der (Un-)Durchlässigkeit gesellschaftlicher Grenzen symbolhaft auf: Links und rechts vom Bühnenzentrum reihen sich Vorhänge hintereinander auf, durch die Jean und Julie hindurchtänzeln, Jean rekelt sich einmal in einem transparenten Sessel, der in einer Ecke steht, und beide jagen einander nach, während sie über ein robustes multifunktionales Möbelstück steigen, das an eine Kücheninsel erinnert und wie eine Wand den Raum genau in der Mitte teilt.

Wie viel wirkliche Bewegungsfreiheit lässt ein derart minutiös konzipierter, von einer strengen Trennlinie dominierter Raum zu? Das wuchtige Möbel bleibt, auch wenn es in jeder Szene anders genutzt wird, letztlich eine Mauer; durch seine Zweiteilung spiegelt der Raum das Gegeneinander von Mann und Frau, von Arm und Reich. Und die anderen bühnengestalterischen Elemente? Die hintereinander angeordneten Vorhänge verweisen auf einen Raum hinter einem Raum hinter einem Raum. Während Jean und Julie gefangen in ihrem Verführ- und Dominanzspiel durch die transparenten Lamellen hindurchtreten und dabei mehr und mehr ihre Masken fallen lassen, kann man sich von dem überzeugen, was das Bühnendekor schon kenntlich macht: Es ist nichts so, wie es scheint. Und es steckt wenig Substanz hinter der jeweils so aufwendig gepflegten Persona.

Dass Träume, die nicht in der Realität wurzeln, schnell zerbröckeln, also, wie der Volksmund sagt, „Schäume“ sind, macht die letzte Szene deutlich: Julie und Jean nehmen mitten auf der Bühne ein Bad, Schaum- massen quellen aus der Wanne hervor, bis das euphorische Paar ganz darin verschwindet – sich Fantastereien hingebend hat es schließlich jegliche Bodenhaftung verloren. Julie greift kurz danach nach dem Messer, mit dem sie sich verletzen will, man weiß: Ihr Niedergang steht kurz bevor. Dieser Moment, in dem sich die bedrohliche Atmosphäre zum Äußersten verdichtet, setzt den Schlusspunkt des Stücks. Umso länger dauert sein Nachbeben in den Köpfen der Zuschauer*innen an. Rauschhaft und mitreißend wie die Vorlage ist die TNL-Inszenierung von „Fräulein Julie“. Ein ausgezeichneter Start ins Theaterjahr 2026.

Aufführungen von „Fräulein Julie“ noch am heutigen Freitag, dem 9. Januar, um 19.30 Uhr sowie am Sonntag, dem 11. Januar, um 17 Uhr im „Théâtre National du Luxembourg“.

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