Frauen in Science-Fiction-Filmen: Angriff der Cyborgs und Helikoptermütter

Im Gegensatz zur Science-Fiction-Literatur tun sich futuristische Filme schwer damit, Geschlechterverhältnisse neu zu denken. Statt genderlose oder egalitäre Gesellschaften zu zeigen, werden toxische Ideale verstärkt.

In „Gravity“ reist Ryan nicht ins All, um sich professionell weiterzuentwickeln, sondern um den Tod ihrer Tochter zu verdrängen. (Foto: © 2013 Warner Bros. Ent.)

Science-Fiction-Filme bieten die ideale Voraussetzung, um das Konzept „Geschlecht“ zu hinterfragen und zu dekonstruieren – könnte man meinen. Wenn wir uns eine Welt vorstellen, in der Technologien existieren, die weit über das hinausgehen, was wir heute kennen, und in der die politische und gesellschaftliche Realität eine gänzlich andere ist als jetzt, liegt die Vermutung nahe, dass auch die Geschlechterverhältnisse von diesen Veränderungen betroffen wären. Ohne Weiteres lässt sich eine Gesellschaft imaginieren, in der es entweder sehr viel mehr oder aber gar keine Geschlechter gibt, eine Welt, in der völlig andere Männlichkeits- und Weiblichkeitsideale gelten, oder in der alle Geschlechter gleichgestellt sind. Vorstellbar ist auch eine Welt, in welcher der technologische Fortschritt oder andere Entwicklungen sich grundlegend auf unser Verständnis von Familie, Liebesbeziehungen, Elternschaft und Reproduktion ausgewirkt haben.

Mit einigen wenigen Ausnahmen wagen sich Science-Fiction-Filme aber nur selten an diese Themen heran. Genau wie in den meisten anderen Filmgenres auch, reproduzieren sie meist die Genderverhältnisse, die zu ihrer Entstehungszeit in ihrem Produktionsland herrschten. Mit anderen Worten: Vielen Filmemacher*innen scheint es leichter zu fallen, sich künstliche Intelligenzen auszudenken, die dem Menschen weit überlegen sind, als eine Welt, in der Geschlechtergerechtigkeit herrscht. „Es ist leichter sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus“, schrieb der US-amerikanische Autor Mark Fisher 2009 in seinem Buch „Capitalist Realism“. Genauso könnte man übertragen auf Sci-Fi-Filme sagen: Es ist leichter, das Ende der Welt zu inszenieren, als das Ende des Patriarchats.

In gewisser Weise scheint Science-Fiction gegenüber anderen Genres sogar besonders rückständig zu sein. Statt Männlichkeits- und Weiblichkeitsideale zu hinterfragen, werden diese eher verstärkt. Der männliche Held glänzt entweder als brillanter Wissenschaftler mit seiner überragenden Intelligenz oder aber als unbezwingbarer Cyborg durch seine physische Stärke und Waffenkompetenz. Das Ziel ist in beiden Fällen die Überlegenheit gegenüber Frauen und anderen, weniger intelligenten oder starken Männern. Diese Dominanz geht im Sci-Fi-Genre bis heute meist von einem weißen, heterosexuellen Mann aus. Er ist jedoch nicht als solcher markiert: Stattdessen wird der männliche Protagonist als stellvertretend für die ganze Menschheit dargestellt.

Im Gegensatz dazu gilt in Sci-Fi-Filmen meist das Weiblichkeitsideal der Unterordnung, der sexuellen Verfügbarkeit und/oder Unterstützung des männlichen Helden. Weicht die weibliche Protagonistin zu sehr von diesem Ideal ab, findet sie entweder im Laufe der Handlung wieder zu ihrer heteronormativen Rolle zurück oder aber der Film endet mit einem Desaster.

In gewisser Weise scheint Science-Fiction gegenüber anderen Genres besonders rückständig zu sein.

Bis in die 1980er-Jahre tauchten Frauen in Sci-Fi-Filmen meist nur als sexualisierte Randfiguren auf. Der 1987 erschienene „RoboCop“ von Filmemacher Paul Verhoeven stellt eine der ersten Ausnahmen dieses Trends dar: Der Handlungsstrang der Polizistin Anne Lewis zieht sich durch den gesamten Film, Lewis beeinflusst das Geschehen maßgeblich, ohne dass sie dabei sexualisiert wird. Die Heldin des Films ist Lewis dennoch nicht, besteht ihre Funktion doch vor allem darin, den männlichen Protagonisten, Cyborg-Polizist Alex Murphy, zu unterstützen und durch ihren empathischen Blick zu vermenschlichen.

Nach wie vor gilt jedoch: Drehbuchautor*innen von Sci-Fi-Filmen scheint es offenbar schwerzufallen, sich eine Protagonistin vorzustellen, die nicht auch Mutter war oder ist. Das war bereits bei Sarah Connor in den „Terminator“-Filmen so: Jede ihrer Entscheidungen hatte den Schutz ihres Sohnes John zum Ziel. Selbst wenn im Film keine Kinder zu sehen sind, stellen sie oftmals das Handlungsmotiv der Protagonistin dar. So etwa in Alfonso Cuaróns „Gravity“ (2013): Die einzige Information, die wir über die Vergangenheit der im Mittelpunkt stehenden Astronautin erhalten: Sie hat ihre Tochter verloren. Von dieser Raumfahrtmission, so vermittelt es der Film, erhofft sie sich weniger eine neue professionelle Herausforderung als vielmehr eine Ablenkung von ihrer Trauer. „Gravity“ war weder der erste noch der letzte Sci-Fi-Film – man denke etwa an Denis Villeneuves „Arrival“ (2016) –, der seine Heldin mittels eines verstorbenen Kindes charakterisierte.

„I am Mother“ reproduziert Ängste vor Technologie, Helikoptermüttern, Schwangerschaftsabbrüchen und selbstständigen Frauen. (Copyright: Netflix)

Egal ob ihre Mutterschaft diese Figuren antreibt oder bremst: Es scheint schwerzufallen, sich ein anderes Handlungsmotiv für Frauen auszudenken. Zum Teil passiert das auch metaphorisch: Im 2019 erschienenen „Io“ bleibt die Wissenschaftlerin Sam als einer der einzigen Menschen auf der Erde, nachdem diese fast unbewohnbar geworden ist. Schon seit Monaten lebt sie völlig alleine, pflanzt Gemüse an, züchtet Bienen und beobachtet durch ein riesiges Teleskop den Jupitermond Io, auf den der Rest der Menschheit ausgewandert ist. Davon abgesehen, dass Sam sich in der zweiten Hälfte des Films in den ersten Mann verliebt, mit dem sie interagiert, und auch von diesem schwanger wird: Ihr Grund, um auf der Erde zu bleiben, besteht darin, herauszufinden, ob dort wieder Leben entstehen könnte. Vor der Geburt ihres Kindes hat sie also bereits ihre Bienen und ihren Gemüsegarten gehegt und gepflegt.

Manche Filme und Serien gehen noch einen Schritt weiter, indem sie Mutterschaft ins Zentrum der Erzählung stellen. Ein Beispiel dafür ist die „Black Mirror“-Folge „Arkangel“ (2018). Hier geht es um eine alleinerziehende Mutter, die ihrer Tochter in jungen Jahren einen Chip ins Hirn einsetzen lässt. Mit diesem können nicht nur Standort und Gesundheitszustand des Kindes jederzeit überprüft werden: Die Mutter kann sich damit auf einer Art Tablet anzeigen lassen, was ihre Tochter gerade sieht. Der Chip funktioniert zudem als Kindersperre: Alles, was negative Gefühle auslösen könnte – von Gewalt über Blut bis hin zu Fluchworten –, kann das Kind weder sehen noch hören. Wie die meisten Folgen von „Black Mirror“ will auch diese vor den potenziellen Gefahren mancher technologischer Entwicklungen warnen. „Arkangel“ scheint aber vor allem vor dem Zugriff überfürsorglicher Mütter auf ebendiese Techniken warnen zu wollen.

Noch weiter geht der 2019 erschienene Film „I Am Mother“ vom australischen Regisseur Grant Sputore. Der Film spielt in einer Welt, in der die gesamte Menschheit aufgrund einer Krankheit ausgestorben ist – mit der Ausnahme tausender menschlicher Embryos, die in einem Bunker gelagert werden. Zu Beginn des Films kommt Daughter in diesem Bunker zur Welt. Großgezogen wird sie von einem Roboter, der sich selbst als Mother bezeichnet.

Auf den ersten Blick erscheint der Film sehr progressiv: Die dargestellten weiblichen Figuren sind weder Opfer noch Liebesobjekt, sondern beeinflussen als einzige den Verlauf der Erzählung. Daughter wird allem Anschein nach von einer liebevollen Matriarchin zu einer selbstständigen, vielfältig begabten Frau herangezogen. Innerhalb einer post-apokalyptischen Welt scheint hier der vielversprechende Grundstein für eine neue menschliche Zivilisation gelegt zu werden.

Drehbuchautor*innen von Sci-Fi-Filmen scheint es offenbar schwerzufallen, sich eine Protagonistin vorzustellen, die nicht auch Mutter ist.

Mit der Ankunft einer weiteren Person ändert sich dies jedoch grundlegend: Die schwer verwundete Woman (wie sie im Abspann genannt wird) sucht in Mothers Bunker Zuflucht und Hilfe. Als sie erkennt, dass Daughter mit einem Roboter zusammenlebt, verweigert sie aber jegliche Verpflegung durch letztere. Der Grund: Anders als von Mother bisher behauptet, sei das Aussterben der Menschheit, so Woman, nicht von einem Virus, sondern von einer Roboter-Armee verursacht worden.

Es braucht etwas Zeit bis Daughter dieser fremden Frau Glauben schenkt. Irgendwann kann sie die Realität aber nicht mehr ignorieren. Sie erfährt, dass die Roboter-Armee sich ein einziges Bewusstsein teilt: Während Mother also Daughter großzieht, kontrolliert sie auch alles, was außerhalb des Bunkers passiert. Und nicht nur das: Um innerhalb des Bunkers eine verbesserte Menschheit heranzuzüchten, verbrennt Mother Kinder, die sie als fehlerhaft empfindet, in einem Ofen. Dadurch, dass Mother für das Töten von Kindern den Begriff „abort“ – also abtreiben – verwendet, reproduziert der Film Ängste gegenüber Schwangerschaftsabbrüchen. Mothers Beweggründe die Kinder zu töten, erinnern zudem unangenehm an das nationalsozialistische Konzept der Rassenhygiene.

Doch nicht nur in der häuslichen Sphäre, auch außerhalb verursacht dieser Roboter nur Leid und Destruktion. Während dies zweifelsohne gesellschaftliche Ängste vor übermächtiger Künstlicher Intelligenz zum Ausdruck bringt, vermittelt der Film durch die weibliche Kodierung dieser todbringenden Maschine zudem eine misogyne Sichtweise auf autonom agierende Frauen.

In den letzten Jahren wurde die Vorherrschaft weißer, männlicher Protagonisten immer wieder in Frage gestellt. Dies erstens durch eine Zunahme Schwarzer Helden, zweitens durch Filme und Serien, in denen vor allem oder ausschließlich Frauen in den Hauptrollen figurieren, und drittens durch solche, in dem es zu einem genderbasierten Machtkampf kommt. Dabei steht aber meist weniger eine feministische Revolution im Zentrum als vielmehr patriarchalisch geprägte Ängste.


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