Global Media Monitoring: „Die Presse muss sich hinterfragen.“

Frauen sind in Luxemburgs Medien rar – das ging am Montag aus den Auswertungen des Global Media Monitoring Project 2020 hervor, das die mediale Repräsentation von Frauen und Männern analysiert. Claire Schadeck, politische Beauftragte des Cid Fraen an Gender, über Luxemburgs schlechtes Zeugnis und die Erweiterung des Horizonts.

Wer in Luxemburg Zeitung liest, Radio hört und Online-Journalismus konsumiert, trifft selten auf Frauen – weder in den Beiträgen noch hinter den Kulissen. (Copyright: Ono Kosuki/Pexels)

woxx: Claire Schadeck, Sie waren als politische Beauftragte des Cid Fraen an Gender an der Ausarbeitung des Global Media Monitoring Project (GMMP) beteiligt. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse?


Claire Schadeck: Dass die Ergebnisse ernüchternd sind: Frauen machen nur ein Viertel der in Medienberichten erwähnten Personen und ein Drittel der Journalist*innen aus. Die Werte stagnieren seit 2010 extrem – sie sind nur um 5,3 Punkte gestiegen. Wenn sich die Medienlandschaft in dem Tempo weiterentwickelt, ist es bis zu einer ausgewogenen Berichterstattung wohl noch 67 Jahre hin.

Gleichzeitig dominieren Frauen manche Themenfelder.


Ja, zum Beispiel das Thema Gewalt: Hauptsächlich in den digitalen Medien ist es so, dass Frauen stark präsent sind. Warum gibt es diese Tendenz, Frauen mit ins Boot zu nehmen, wenn wir über Gewalt sprechen? Vielleicht ist es zynisch, wenn ich sage: Es ist „more catchy“ über weibliche Gewaltopfer zu reden, auch wenn Männer global gesehen mehr Gewalt erfahren und diejenigen sind, die am meisten Gewalt ausüben.

Aus welchen Bereichen werden Frauen hingegen herausgehalten?


Frauen sind in Berichten über die Polizei oder die Armee nicht vertreten, auch wenn sie in beiden Bereichen tätig sind. Hier macht sich ein klassisches Denkmuster bemerkbar, nach dem es Männerdomänen gibt, zu denen Frauen nicht befragt werden. Grundsätzlich treten Frauen in den Beiträgen selten als Expertinnen oder Referenzpersonen auf, sondern eher als Vertreterinnen der öffentlichen Meinung.

Frauen machen den Großteil der Care-Arbeiter*innen aus – ein Sektor, der in den Mainstream-Medien selten auftaucht. Wie stark hängen Klassenunterschiede und geschlechtsspezifische Ungleichheiten in den Medien zusammen?


Der soziale Bereich macht nur 21 Prozent der gesamten Berichterstattung aus. Über Politik und Wirtschaft wird hingegen immer wieder gesprochen. Hier stellt sich die Frage: Was ist uns wichtiger?

Eine Frage, die sich in Zeiten der Pandemie aufdrängt.


Die Pandemie hatte erstaunlicherweise kaum Einfluss auf die mediale Repräsentation der Frauen, obwohl sie bezahlte und unbezahlte Care-Arbeit leisten. Lehren uns diese Zeiten nicht, was und wie wichtig systemrelevante Tätigkeiten sind? Subjektiv betrachtet, überwiegen männliche Experten auch jetzt in den Medien.

Sind die Medienschaffenden also schuld?


Natürlich stellt sich die Frage: Wie voreingenommen sind die Journalist*innen? Besteht die Tendenz, sich eher an Männer zu wenden, wenn Expert*innen gesucht werden? Von dem Gedanken loszukommen, dass in bestimmten Bereichen nur Männer oder nur Frauen beschäftigt sind, setzt eine bewusste Entscheidung voraus. Die Presse muss sich und ihre Routinen selbst hinterfragen. Die Politik und die Zivilgesellschaft sollten im Gegenzug einen Beitrag dazu leisten, dass verschiedenen Berufsfeldern und Personengruppen durch ihre finanzielle Wertschätzung öffentlich mehr Anerkennung zuteil wird. Auch wenn ich diese materielle Herangehensweise grundsätzlich ablehne und falsch finde, halte ich sie dennoch für den einfachsten Weg, soziale Ungerechtigkeiten auszugleichen.

Copyright: CC BY m.p.3 NC-ND-2.0

Auch den Medienhäusern selbst fehlt es an Frauen, wie das Monitoring offenbart.


Die Zahl der Journalistinnen in Luxemburg ist in den letzten fünf Jahren um neun Prozent gesunken, von 39 auf 30 Prozent. Das ist schockierend. Noch dazu behandeln die Journalistinnen tendenziell eher die unterrepräsentierten sozialen Themen. Prestigeträchtige Ressorts wie Wirtschaft und Politik werden vorwiegend von Männern bedient. Auch bei der Pressekonferenz zum GMMP hat sich diese Diskrepanz bemerkbar gemacht: Es waren nur drei Journalist*innen vor Ort – und das waren ausschließlich Frauen.

Bei dem Monitoring wurden weder nicht-binäre Geschlechtsidentitäten noch ethnische Minoritäten in luxemburgischen Medien betrachtet. Wäre das eine wichtige Ergänzung?


Das Projekt ist nach einem binären Geschlechtsmodell ausgelegt, was ich problematisch finde. Einerseits ist das Monitoring wichtig, um auf Schieflagen aufmerksam zu machen. Andererseits störe ich mich an diesen binären und heteronormativen Kategorisierungen.

Leser*innen reagieren teilweise genervt auf Beiträge zu Gender, Femismus, Rassismus oder Anti-LGBTIQA+. Ist das Interesse daran vielleicht schlichtweg nicht gegeben?


Es sind unangenehme Themen und brutale Wahrheiten. Wenn sie uns als Gesellschaft wirklich wichtig wären, würde mehr darüber berichtet werden, und dann wäre es auch normal, dass wir uns die Frage nach der Repräsentation in den Medien gleich auf mehreren Ebenen stellen würden.

Weil uns die Dringlichkeit der Diversität in den Medien bewusst wäre?


Es ist der Allgemeinheit nicht klar genug, was für einen Unterschied es macht, Ereignisse aus der Sicht einer Schwarzen, einer lesbischen, einer queeren oder einer trans Frau zu betrachten. Sie und andere marginalisierte Personen aktiv in die Medienwelt einzubinden, ist unheimlich wichtig, um unseren Horizont zu erweitern.

In Luxemburg wurde das Global Media Monitoring Project erstmals 2010 auf Initiative des Cid Fraen an Gender und des Conseil national des femmes durchgeführt. Sie leiteten das Projekt auch 2020, zusammen mit der Forscherin Anissa Amjahad und dem Ministerium für die Gleichstellung zwischen Frauen und Männern. Für die Datenerhebung wurden 2020 die Printmedien Luxemburger Wort, Tageblatt (Online und Print), Le Quotidien (Online und Print) und L’Essentiel (französische Website und Print); die Radiosender RTL, Radio 100,7, Eldoradio und Radio Latina; der luxemburgische Fernsehkanal RTL, die Websites Paperjam und Contacto sowie die Twitter-Accounts von RTL, L’Essentiel, Le Quotidien und Paperjam analysiert.


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