Gwenlaouen Le Gouil: Das Trauma der First Nations

Zwangseinschulung, Vergewaltigung, institutionelle Diskriminierung: Die Ureinwohner*innen Kanadas leiden seit Jahrzehnten unter Unterdrückung und Gewalt. Die Doku „Misshandelt und umerzogen: Kanadas First Nations“ gibt erschreckende Einblicke in Kanadas Geschichte.

Der Regisseur Gwenlaouen Le Gouil dokumentiert wie nachlässig die Polizei in der kanadischen Stadt Thunder Bay ermittelt, wenn es sich bei den Opfern um indigene Frauen handelt. (Foto : CC BY Haydn Blackey SA 2.0)

„Sie haben uns gebrochen, weil sie unser Land wollten.“ Edmund Metatawabin läuft in karierter Jacke und mit Fellmütze dem Sonnenuntergang entgegen. Er befindet sich in einem Wald in Kanada. Dichter Schnee beschwert die Äste. Der Regisseur Gwenlaouen Le Gouil folgt ihm mit der Kamera. In „Misshandelt und umerzogen: Kanadas First Nations“ dokumentiert er Verbrechen an indigenen Kindern sowie die anhaltende Diskriminierung kanadischer Ureinwohner*innen und ihrer Nachfahren.

Metatawabin ist eines der vielen Gewaltopfer, die in Kanadas „Residential Schools“ gefoltert wurden. Das Department of Indian Affairs and Northern Development beauftragte Kirchengemeinden gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit der Schulleitung: Die Geistlichen sollten aus den indigenen Minderjährigen fromme Christ*innen machen. Sie entrissen sie ihren Familien im Kindesalter, verboten ihnen, sich in ihrer Muttersprache auszutauschen. Ihre Kleidung wurde verbrannt und durch Uniformen ersetzt. Die Zwangseinschulung wurde durch den „Indian Act“ geregelt, der bis heute existiert. Eltern, die sich weigerten, erhielten nach dem Canadian Family Allowance Act von 1944 keinen finanziellen Beistand mehr. Die letzte „Residential School“ schloss 1996.

Metatawabin ist inzwischen 78, doch die erfahrenen Gräuel sind gegenwärtig geblieben. Mit sieben Jahren wurde er zum ersten Mal mit Elektroschocks gefoltert. An anderen Tagen mussten die Kinder ihr Erbrochenes essen. Sie waren Schlägen und sexualisierter Gewalt ausgesetzt. „Aber ich stehe hier und sie sind fort“, sagt Metatawabin und meint damit die Missionare. Doch die Erniedrigung der indigenen Bevölkerung endete nicht mit der Schließung der Internate. Sie hat nur eine andere Form angenommen, wie Le Gouil eindrücklich herausarbeitet. Eine davon ist die institutionelle Diskriminierung.

Le Gouil reist nach Thunder Bay, der kanadischen Hauptstadt des Verbrechens. Sie gilt als Anlaufstelle für indigene Jugendliche, denen in den Reservaten die Perspektive fehlt. Viele von ihnen landen in Thunder Bay auf der Straße. In der Doku heißt es, dass darüber hinaus 43 Prozent der 12 bis 29-jährigen Indigenen ein Suchtproblem haben. Frauen sind in der Stadt besonders gefährdet: Ihr Risiko zu verschwinden oder ermordet zu werden, ist siebenmal so hoch wie das weißer Frauen, offenbart die Doku. Die Gründe werden nicht näher erläutert.

Die meisten Mordfälle bleiben ungelöst oder werden gar nicht erst als solche identifiziert. Nicht aus Beweismangel, sondern weil die Lokalpolizei nachweislich rassistisch ist und bei Verbrechen an indigenen Frauen unzureichend ermittelt. Was Angehörige und Aktivist*innen in der Doku berichten, ist skandalös. Neun solcher Fälle wurden inzwischen neu aufgerollt, weil sich der Verdacht auf Rassismus und Nachlässigkeit seitens der Ermittler*innen bestätigt hat. Le Gouil und sein Team begleiten einen der neu beauftragten Polizist*innen zu den Tatorten. Der Polizist weigert sich nach kurzer Zeit, die Fragen des Regisseurs zu beantworten. Dafür spricht ein Missbrauchsopfer mit Le Gouil: Eine Frau erzählt, dass sie bereits zweimal von Polizeibeamten vergewaltigt wurde – im Streifenwagen.

Politisch geschieht wenig, um die indigene Bevölkerung zu schützen. Auch hierzu liefert Le Gouil Fakten und spricht mit Aktivist*innen. Der Regisseur, der unter anderem 2007 mit dem Journalistenpreis Albert Londres ausgezeichnet wurde, zeigt somit gleich mehrere Facetten einer komplexen Problematik auf. Eine Doku, die einem ähnlich schwer auf dem Herzen liegt, wie der Schnee auf den Ästen der kanadischen Wälder.

Bis zum 11. Juni in der Arte-Mediathek.

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