Inklusion im Luxemburger Kultursektor: Noch Luft nach oben

Das Kulturministerium hat vergangenen Freitag zum Workshop „Les publics de la culture“ eingeladen. Neben der Präsentation einer Studie wurden während zwei inhaltlich dichten Gesprächsrunden Themen wie Teilhabe, Integration, soziale Gerechtigkeit und Partizipation verhandelt. Die Redner*innen machten darauf aufmerksam, dass der Luxemburger Kulturbereich hinsichtlich seiner Inklusivität durchaus noch entwicklungsfähig ist.

„Kultur ist für jeden da“ – was in der Theorie stimmt, ist faktisch leider noch immer nicht Realität. Praktische, finanzielle und soziale Hürden verhindern, dass ausnahmslos jede*r Zugang zur Kultur hat. (Foto: pexels/marcus aurelius)

Man muss an diesem Freitagmorgen nur kurz den Blick durch den vollen Saal im regionalen Kulturzentrum „Opderschmelz“ schweifen lassen, um zu wissen: Das Thema, das hier in den nächsten Stunden das Geschehen auf dem Podium bestimmen wird, interessiert – und zwar sehr. In Düdelingen zusammengefunden haben sich Professionelle und Persönlichkeiten aus dem Luxemburger Kulturbereich sowie Vertreter*innen aus dem sozialen Sektor, Beamt*innen des Kulturministeriums und Neugierige, die mehr über das kulturelle Publikum, oder besser: die kulturellen Publika, erfahren möchten. Denn um dieses Thema kreiste die Veranstaltung „Les publics de la culture“, zu der das Kulturministerium im Kontext des Kulturentwicklungsplans (KEP) in die Minett-Stadt eingeladen hatte.

In seiner Ansprache verwies Kulturminister Eric Thill darauf, dass 2023 das Recht auf Kultur in der luxemburgischen Verfassung verankert wurde, und sprach davon, Kultur und Publikum näher zusammenbringen zu wollen. Der Zugang zur Kultur sei eines der kulturpolitischen Hauptanliegen der neuen Regierung und seine persönliche Priorität in den nächsten Jahren, beteuerte er, ohne aber auf konkrete Maßnahmen oder Vorhaben seines Ministeriums einzugehen. „Der Zugang zur Kultur darf keine Frage der Bildung, des sozialen Backgrounds, des Geldbeutels, der Religion oder anderer Faktoren sein“, unterstrich Thill.

Vier verschiedene Zielgruppen

Eva Klein, Leiterin der Marketing- abteilung der Philharmonie, stellte eine in 2022 und 2023 durchgeführte Studie zu den unterschiedlichen Kundenkreisen des Konzerthauses vor. Die Verfasser*innen der Studie kommen zu dem Schluss, dass es vier verschiedene Publika gibt, die von den Angeboten der Philharmonie (potenziell) profitieren: die zur Stammklientel gehörenden Musikkenner*innen, die Familien mit Kindern, die „passive socialisers“, denen es vornehmlich um die gemeinsame Erfahrung geht, und die „cultural explorers“ – die Menschen, die zwar nicht regelmäßig Konzerte besuchten, jedoch viel Entdeckungslust und Hunger auf Kunst und Kultur mitbrächten. Die wolle die Philharmonie in Zukunft stärker anvisieren, betonte Klein.

Dieser erste Teil der Veranstaltung war durchaus interessant, jedoch fragte man sich als Hörer*in, ob und wie diese Studienergebnisse sich auf andere kulturelle Institutionen übertragen ließen; allgemeine Rückschlüsse auf den Kulturbereich wurden ausgeklammert – eben gerade das hätte aber einen Erkenntnisgewinn für alle anwesenden kulturellen Akteure, an die sich der Vortrag vornehmlich richtete, bedeutet.

Unsicherheiten und fehlende Repräsentation

Herzstück der Veranstaltung schließlich waren zwei Podiumsdiskussionen, während derer sich die Redner*innen mit folgenden Fragen auseinandersetzten: Wer sind die unterschiedlichen Konsument*innen- und Zielgruppen kultureller Events und Erzeugnisse? Wem wird der Zugang zur Kultur erschwert und warum? Und wie überwinden wir diese Ungerechtigkeit?

Die erste Gesprächsrunde handelte konkret von den sichtbaren und unsichtbaren Barrieren, die verschiedenen Menschen den Zugang zur Kultur erschweren. Pascale Zaourou, Autorin des Buchs „Luxembourg pas cher“ stellte überraschenderweise fest, dass die Frage nach der Zugänglichkeit von Kultur in Luxemburg nicht unbedingt finanzieller Natur sei. Der Transport sei zum Beispiel ein wichtiger Faktor, der darüber bestimme, ob eine Person an einer kulturellen Veranstaltung teilnehme oder nicht. Ländliche Zonen seien nicht gut an den öffentlichen Transport angeschlossen – etwas, das sich ändern müsse, wenn man mehr Menschen erreichen wolle. Ein zentraler Begriff, der überdies immer wieder genannt wurde: Kommunikation. Nicht alle Kommunikationskanäle seien für jede*n zugänglich, stellten die Diskutierenden fest. In Bezug auf die fortschreitende Digitalisierung drückten sie dann auch leichte Bedenken aus – was verständlich ist, denn gerade benachteiligte Menschen gehören mangels digitaler Barrierefreiheit oder praktischer Zugangsmöglichkeiten nicht unbedingt zur Gruppe der Digital Natives.

„Wenn die Leute sich nicht trauen, an den Kulturveranstaltungen teilzunehmen, nutzen auch Kommunikationsstrategien nichts“, warf Luis Santiago ein, Mitglied des gemeinnützigen Vereins „Cultur’all“, der sich mittels des Projekts „Kulturpass“ für die Förderung von Kunst und Kultur bei Menschen in schwierigen, prekären Lebensverhältnissen einsetzt. Betroffene seien oft unsicher, was soziale Codes und Regeln im Kontext von Kulturveranstaltungen angingen, stellten sich Fragen wie: „Was soll ich anziehen?“ Ihre Hemmschwelle sei mitunter groß, genauso wie ihre Scham, weil sie auf den Kulturpass zurückgreifen müssten. „Es ist schwierig, sich einzugestehen, dass man in einer Situation steckt, in der man Hilfe braucht“, so Santiago. In eine ähnliche Richtung zielte Valérie Tholl, Mitarbeiterin der Konschthal Esch, als sie sagte: „Institutionen sind Monumente.“ Schon die Gebäude, die Architektur schüchterten ein. Deswegen habe sie zum Beispiel schon ein Projekt durchgeführt, bei dem Gemälde in einem Lyzeum ausgestellt wurden. „Wir müssen die Türen ein wenig weiter aufmachen“, sagte sie.

Türen aufmachen und Barrieren abbauen – gerade das ist wichtig für Personen, die mit einer Behinderung leben. Neben der (oft nicht gegebenen) barrierefreien Gestaltung von Veranstaltungsräumen und sanitären Anlagen sei es aber auch wichtig, Kultur- und Kunstschaffende auf die Bühne zu stellen, die selbst betroffen seien von einem Handicap, bemerkte Fabienne Feller, Mitarbeiterin der Informations- und Begegnungsstelle Info-Handicap. „Es ist ein Mythos, dass die Gesellschaft demokratisch, inklusiv und, was Menschen mit Behinderung angeht, repräsentativ ist“, betonte sie. Personen, die unter einer Sehbehinderung litten, hätten zudem ganz andere Bedürfnisse als solche, deren Mobilität eingeschränkt sei, oder die gehörlos seien – all das müssen Kulturinstitutionen bei ihren Tätigkeiten berücksichtigen.

Kinder, Geflüchtete und Benachteiligte im Blick

Die erste Gesprächsrunde endete mit etwas Verspätung, dabei schien es so, dass die Redner*innen die kritischen Punkte, die ihnen am Herzen lagen, kaum mehr als umreißen konnten – ein Eindruck, der sich bei der zweiten Podiumsdiskussion „La culture est-elle vraiment pour tous?“ bestätigte. Gleich zu Beginn brach Autorin Marie-Paule Greisch eine Lanze für stärkere Integrierung kultureller Inhalte in die schulischen Lehrpläne. Durch die Auseinandersetzung mit Kultur würden Kinder nämlich viele wichtige Kompetenzen erlangen und kritisches Denken erlernen – daneben könnten sie frei herumexperimentieren und besondere Momente in Gemeinschaft erleben.

Die Gesprächsteilnehmer*innen sprachen aber nicht nur über die Jugend, die bei der Schaffung und Vermittlung von Kulturangeboten stärker anvisiert werden muss, auch Geflüchtete und/oder Menschen, die vom sozialen und kulturellen Leben in Luxemburg weitgehend ausgeschlossen sind, dürfen nicht vergessen werden. Dabei spielt die Arbeit der Fondation EME, die bei der Veranstaltung von der Generalkoordinatorin Sarah Bergdoll vertreten wurde, zum Beispiel eine besondere Rolle, immerhin organisiert die Stiftung professionelle Musikkonzerte in verschiedenen Pflegeeinrichtungen und sozialen Institutionen in Luxemburg. „Nur weil man nicht mehr auf ein Konzert gehen kann, heißt das nicht, dass man nicht mehr auf ein Konzert gehen will“, betonte Bergdoll. Nachhaltig seien ihre Projekte, wenn Beteiligte im Anschluss zum Beispiel einen Kulturpass anfragten.

Geflüchtete würden ihrerseits den Begriff „Kultur“ oft anders definieren – für sie sei Kultur eher etwas, das sie produzierten, unter anderem in Form eines traditionellen Tanzes, und nicht unbedingt etwas, das sie konsumierten wie ein Theaterstück oder ein Konzert, erklärte Maida Halilovic, Mitglied der A.s.b.l. „Mir wëllen iech ons Heemecht weisen“. Es gelte daher, auf jeder Seite Vorurteile zur Seite zu schaffen und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. „Es reicht nicht, Flyer zu verteilen und die Digitalisierung voranzutreiben, wir müssen wirkliche Sensibilisierungsarbeit leisten“, pflichtete ihr der Musikmediator Christophe Unkelhäusser bei. Die Diskutierenden waren sich einig, dass es eine intensive Betreuung und aktive Einbindung der genannten Zielgruppen braucht, um eine sie einschließende Öffnung des Kulturbereichs zu bewirken.

Mit einer knappen Fragerunde endete der Workshop. Was kulturelle Akteure weiter konkret tun können, um zugänglicher und inklusiver zu werden, wurde bei den Diskussionen mitunter etwas außer Acht gelassen – das Interesse an der Veranstaltung lässt jedoch hoffen, dass die Expert*innen mit ihren Wortmeldungen ein Fundament für weitere fruchtbare Überlegungen und – am wichtigsten – Initiativen im Kulturbereich geschaffen haben.

Der Kulturpass

Den Kulturpass gibt es seit fast 15 Jahren. Das Projekt wurde von dem Verein „Cultur‘all“ ins Leben gerufen, um die Zugangshürden zum kulturellen und sozialen Leben in Luxemburg zu senken, insbesondere die finanzielle Hürde. Jede Person mit geringem Einkommen hat Anspruch auf den Kulturpass und kann für 1,50 € an Aufführungen und Veranstaltungen von über hundert Kulturpartnern in ganz Luxemburg teilnehmen. Der Eintritt in Museen ist kostenlos. Weitere Informationen zu den Anspruchskriterien finden Sie unter www.kulturpass.lu


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