Installationen: Traurige Tropen

Die Galerie Junge Kunst in Trier zeigt mit „Requiem für die Tropen“ eine ziemlich aktualitätsbezogene Ausstellung des brasilianischen Künstlers Francisco Klinger Carvalho.

Dass die Ausstellung in diesem Maße mit den Nachrichten kollidieren würde, war wohl eher keine Absicht. Und doch: Der Amazonas brennt seit Wochen, die Fratze des rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro flimmert tagtäglich durch unsere Newsfeeds und sogar der Freihandelsboom scheint – mit Blick auf Mercosur – nun auf einmal nicht mehr so akut.

„Requiem für die Tropen hinterfragt die moralische Dimension der Aneignung – von Macht, von Land und Kultur in tropischen Ländern“ heißt es auf der Webseite der Galerie. Und Aneignung betreibt Klinger Carvalho auf viele verschiedene Arten. Da sind zum Beispiel die Landkarten, die brasilianische Bundesstaaten zeigen und mit Eisenstangen durchgestrichen sind: „Da ordem ao caos“, von der Ordnung zum Chaos – so der Titel, eine klare Anspielung auf das Wahlmotto Brasiliens „Ordem e Progresso“ (Ordnung und Fortschritt) ein Bonmot des französischen Positivisten Auguste Comte.

Aber die Zeiten des Progressismus und des Positivismus sind längst vorbei und das riesige südamerikanische Land riskiert einmal mehr, im Chaos zu versinken. Das Spannungsfeld zwischen Zivilisation und Natur ist ein weiteres Terrain, auf dem sich der Künstler austobt. So mit seiner titelgebenden Installation, bestehend aus drei Stühlen, die mit Papageienfedern bestückt sind und teils auf goldenen Kelchen ruhen, teils aber auch umgefallen sind. Hier wird die Natur, der Amazonasdschungel, die westliche Zivilisation wie auch die christliche Indoktrinierung der Indio-Bevölkerung heraufbeschworen.

Die zersetzende und beklemmende Natur der Kirche schimmert auch in einem weiteren Werk durch. Hier sieht man ein Foto eines Klostergebäudes, das hinter einem Gitter – das tatsächlich an die Wand montiert wurde – halb verschwindet. Das Eingesperrtsein ist ein wiederkehrendes Thema in Klinger Carvalhos Installationen, so auch im Werk, das die Besucher*innen direkt am Anfang der Galerie begrüßt. Eine rote Glühlampe in einem Käfig neben zwei Bildern von ebenfalls eingesperrten roten Lampen signalisiert die Angst vor politischer Verfolgung.

Diese braucht der seit 2011 regelmäßig in Mannheim lebende Künstler wohl nicht mehr zu fürchten, auch wenn seine Kunst durchaus kritisch mit der Politik in seinem Herkunftsland umgeht. Francisco Klinger Carvalhos Bildsprache ist ästhetisch ansprechend und glasklar, was die Botschaft angeht, die sie vermitteln will. Überflüssigen Schnickschnack sucht man also vergebens, trotzdem bleibt nach dem Besuch der doch etwas klein geratenen Ausstellung ein Gefühl der Unvollkommenheit. Dies könnte daran liegen, dass die vermittelten Ansagen etwas oberflächlich und unspezifisch daherkommen, dass es einem fast erscheinen könnte, als wären die Installationen extra für ein gehobenes westeuropäisches Publikum gemacht worden. Etwa für Grüne- oder SPD-Wähler*innen im Vorruhestand, die sich durch ein bisschen Engagement die eigene Spießigkeit vorenthalten. Aber das ist nur so ein Verdacht.

Wer trotzdem einen Kurztrip in den Dschungel unternehmen will, sollte sich schleunigst in die Karl-Marx-
Straße begeben.

In der Galerie Junge Kunst, 
noch bis zum 14. September.

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