Kolumbien: Die Rückkehr der Minen

Ganz im Süden Kolumbiens, nahe der Grenze zu Ecuador, ist der 2016 zwischen Guerilla und Regierung vereinbarte Frieden schon seit Längerem wieder vorbei. Rivalisierende Banden ehemaliger FARC-Guerilleros kämpfen um die Kontrolle der für den Koka-Anbau relevanten Region. Dabei werden Antipersonen-Minen eingesetzt.

Sprengfallen bleiben in Kolumbien auch nach dem Friedensschluss zwischen Staat und Guerilla eine große Gefahr: Spanische Soldaten bilden kolumbianische Militärs in der Minenräumung aus, hier im Dezember 2016 auf einer Militärbasis nahe Bogota. (Foto: EPA/Mauricio Duenas Castaneda)

Einige aus der Klasse kennen Luz Dary Landázury schon. Deren jüngste Tochter geht nämlich ebenfalls hier in der im Süden Kolumbiens gelegenen Stadt Candelillas zur Schule. Wie Landázurys Tocher besuchen mehr als 1.000 Schülerinnen und Schüler aus dem Ort selbst und den umgehenden Dörfern den Unterricht.

Die schlanke Frau mit dem langen pechschwarzen Zopf ist freiwillige Mitarbeiterin der „Kolumbianischen Kampagne gegen Minen“ (CCCM). Nun wendet sie sich den Schülerinnen im Alter von 13, 14 Jahren zu und erklärt, weshalb sie heute hier ist. „Ich will euch vor herumliegender Munition und mehr noch vor heimtückischen Minen warnen, die überall lauern können – auch auf eurem Schulweg. Das gilt vor allem für diejenigen, die in einem der Dörfer in der Umgebung von Candelillas leben“, erklärt sie.

Dann greift sie zu einer dicken Bildermappe. Auf dem Deckblatt ist ein Mann zu sehen, der auf einer Bank sitzend in ein Heft schreibt, das auf seinem Oberschenkel liegt – darunter lugen leere Hosenbeine hervor. „Wisst ihr wie Patronen, Granaten und Minen aussehen können, wie sie versteckt sein können, was ihr macht, wenn ihr ein Kabel irgendwo aus der Erde hervorschauen seht“, fragt sie und blickt in die Runde der knapp zwei Dutzend Schülerinnen und Schüler der achten Klasse.

Die Klassenlehrerin María Inés Borja sitzt an einem der freien Pulte in der letzten Reihe und macht gerade ein Foto von Landázury, wie sie mit der aufgeklappten Mappe durch die Reihen geht und allen nacheinander eine Reihe von Fotos unter die Nase hält, auf denen Mienen unterschiedlicher Bauart abgebildet sind. Kleine und mittelgroße Minen, aus Plastik oder aus Metall, verrostet, von Matsch bedeckt, in großen Pfützen liegend oder aber mit einer feinen Erdschicht bedeckt, so dass sie kaum zu erkennen sind.

Ausgelegt werden die Sprengfallen heutzutage, um den Zugang zu Kokafeldern, zu den Camps der sie betreibenden kriminellen Banden oder zu den Nachschubpfaden zu versperren, auf denen Chemikalien, Waffen und anderes transportiert wird. Alltag in Kolumbien, wo Minen über Jahrzehnte hinweg von der Guerilla genutzt wurden, bis in die 1980er-Jahre auch von den Militärs und teils noch immer von den Paramilitärs. Zehntausende davon liegen in Kolumbien noch immer versteckt herum, schätzen die CCCM-Experten; nur in wenigen Gebieten des großen Landes wurden sie flächendeckend beseitigt.

Ein paar Vorzeigeprojekte hat es diesbezüglich gegeben. So haben Ex-Guerilleros der FARC nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages mit der kolumbianischen Regierung im November 2016 gemeinsam mit der Armee einzelne Dörfer vom Fluch dieser heimtückischen Kriegswaffen befreit. Die noch amtierende Regierung von Iván Duque macht damit gern Werbung.

Anders als im Friedensabkommen vereinbart, ist der kolumbianische Staat nicht in die ehemals von der Guerilla kontrollierten Gebiete nachgerückt, um das entstandene Machtvakuum zu füllen.

Die CCCM-Mitarbeiterin sieht das nicht ganz so positiv und ist mit ihrer Haltung nicht allein. Die Experten der Caritas in der rund vierzig Kilometer entfernten Regionalstadt Tumaco registrieren derzeit einen erneuten Anstieg der Minenopfer. „Im März haben wir in einer der drei besonders betroffenen Gemeinden drei Betroffene registriert, in einer weiteren waren es zwei Opfer. Im letzten Jahr waren es im Gebiet der Diözese, wenn ich mich recht erinnere, zwölf Opfer“, so Jandro Mejía, ein Mitarbeiter der Caritas in Tumaco, mit dem Luz Dary Landázury häufig zusammenarbeitet.

Der Anstieg der Opferzahlen ist auch in der staatlichen Statistik nicht zu übersehen: Im Verwaltungsbezirk Nariño, in dem Tumaco und auch Candelillas liegen, gehört zu den Regionen mit den historisch höchsten Opferzahlen. „Daran hat sich auch mit dem Friedensabkommen nur vorübergehend etwas geändert“, meint Landázury.

Im Jahr des Friedensschlusses und auch 2017 war die Anzahl ziviler Opfer mit 38 und 42 erfreulich gering. 2018 stieg sie auf 94, zwei Jahre später waren es 110 und 2021 dann 93 Opfer. Dieser Wiederanstieg ist kein Zufall. „Illegale bewaffnete Akteure, die vor allem in der Grenzregion zu Ecuador, aber auch in anderen strategisch wichtigen Regionen erneut aktiv sind, installieren neue Minen“, erklärt der Sozialarbeiter der Caritas Tumaco.

Das ist auch ein wesentlicher Grund, weshalb Lanázury wieder vermehrt an der Schule von Candelillas aktiv ist. Rektor Jorge Sinisteras begrüßt das und für die redegewandte CCCM-Referentin ist das ohnehin quasi eine Berufung.

Zumindest seit dem 10. Oktober des Jahres 2012. Damals kam sie von einem Ausflug mit ihrer heute elfjährigen Tochter nach Tumaco zurück, wo sie sich beim Fotografen für das Familienalbum hatten ablichten lassen. Anschließend gab es noch ein Eis am Strand und dann ging es gut gelaunt zurück. „In einem Sammeltaxi fuhren wir zurück nach Candelillas“, erinnert sich Lanázury. „Am Ortseingang machte das Auto plötzlich einen Satz und mir schoss ein Schmerz ins linke Bein.“ Das Auto war über eine Mine gefahren und die Splitter des Sprengsatzes hatten ihr die linke Wade zerfetzt. Auch am linken Arm war sie verletzt.

Vier Stunden dauerte es, ehe sie nach Tumaco ins Krankenhaus und am darauffolgenden Tag in die besser ausgestattete Klinik nach Pasto gebracht wurde. Dort befindet sich die einzige Einrichtung in der Region, wo Minenopfern adäquat geholfen werden kann und es eine Reha-Einrichtung gibt, die zudem auch über Prothesen für ihre Patienten verfügt. Zweieinhalb Jahre und ein halbes Dutzend Operationen später war Luz Dary Lanázury, die bis dahin als Krankenschwester im Gesundheitsposten von Candelillas gearbeitet hatte, soweit möglich wieder hergestellt. Das eine Bein zieht sie noch immer etwas nach und trippelt manchmal, um den Längenunterschied zum gesunden Bein auszugleichen. Dennoch lässt sie sich nicht davon abhalten, sich an einem Tag wie heute mit knallroten Pumps vor den Schülerinnen und Schülern zu präsentieren.

Am Ende ihres Vortrags kommt sie auch nicht darum herum, kurz zu erzählen, was ihr damals passiert ist, ehe die Kinder in die Pause verschwinden. Doch sie macht es absichtlich kurz und ermahnt die Anwesenden noch einmal, vorsichtig zu sein, wenn sie unbekannte Wege betreten: „Wir leben in einer Region mit hinterhältigen Gefahren.“

Candelillas ist eine Koka-Anbauzone, und überdies ist die Grenze zu Ecuador weniger als sechzig Kilometer entfernt. „Das ist das Problem“, meint die CCCM-Mitarbeiterin mit einem vielsagenden Lachen. In Richtung Ecuador wird ein guter Teil des Kokains, welches in der Region von Tumaco produziert wird, nämlich geschmuggelt. Trotz der Präsenz des kolumbianischen Militärs ist die Anbauquote in den letzten Jahren wieder nach oben geklettert. Das belegen Satellitenbilder, die alljährlich von UN-Experten ausgewertet werden und das ist nicht nur in der Region von Tumaco, sondern in einer ganzen Reihe von Hochrisiko-Gebieten in Kolumbien so.

Anders als im Friedensabkommen mit der FARC, der einst größten Guerilla Kolumbiens, vereinbart, ist der kolumbianische Staat nämlich nicht in die ehemals von der Guerilla kontrollierten Gebiete nachgerückt und hat das entstandene Machtvakuum gefüllt – weder militärisch, noch mit den dringend benötigten zivilen Institutionen, Entwicklungs- und Infrastrukturprogrammen.

„Punktuelle Initiativen gab es schon, aber wie sollen die funktionieren und langfristig etwas ändern, wenn sie nicht koordiniert sind, wenn die Straßen und Wege fehlen, um Produkte – ob Kakao, Hühnereier, Gemüse oder Grundnahrungsmittel – zum nächsten Markt zu transportieren“, kritisieren sowohl die Caritas-Experten in Tumaco als auch Entwicklungsexperten wie Fidel Martínez von der Menschenrechtsorganisation „Tierra de Paz“ im Verwaltungsbezirk Cauca. Ähnlich wie im benachbarten Tumaco nimmt hier der Kokaanbau wieder zu und auch die Zahl der Morde steigt wieder an. „Landesweit sind es fünf, sechs Regionen, wo es an staatlicher Präsenz fehlt, bewaffnete Banden in das Vakuum stoßen und die bewaffneten Konflikte wieder aufflackern“, sagt Martínez.

Candelillas leidet unter der Auseinandersetzung zwischen zwei Banden, die sich aus ehemaligen FARC-Guerilleros gebildet haben. Auch Luz Dary Landázury ist ein beachtliches persönliches Risiko eingegangen, für diesen Bericht einen Journalisten in ihre Heimatstadt und in die örtliche Schule eingeladen zu haben. Zu den klaren Vorgaben zählte auch, in Candelillas keine Fotos zu machen. „Ich will schließlich nicht von einer der beiden Banden aufgefordert werden, binnen einer Stunde die Stadt zu verlassen“, sagt sie mit einem bitteren Lachen.

Aufgeben ist jedoch nicht ihre Sache und so macht sie weiter, warnt die Kinder vor den Risiken der Minen, die rund um den Ort wieder installiert werden. Beide Banden sichern so ihre Gebiete ab – und nehmen tote und verwundete Zivilisten bewusst in Kauf. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis es wieder ein Opfer gibt, meint Luz Dary Landázury.

Knut Henkel berichtet für die woxx aus Lateinamerika.

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