Im Zeitalter von künstlicher Intelligenz wird Musik zu einer schnell produzierten, entkernten Massenware. Was uns noch retten kann? Der Liveauftritt.

Der britische Musiker David Bowie bei einem Auftritt zu Beginn der Nullerjahre. (FOTO: Roger Woolman, CC BY, via Wikimedia Commons)
Auffallend hellsichtig kommentierte der britische Musiker David Bowie 2002 in einem Interview mit der „New York Times“ das, was er für die Zukunft der Musik hielt: „Music itself is going to become like running water or electricity.“ Und weiter: „You‘d better be prepared for doing a lot of touring because that‘s really the only unique situation that‘s going to be left.“ (zu Deutsch: „Musik selbst wird so alltäglich werden wie fließend Wasser oder Strom. Man sollte sich besser auf viele Tourneen einstellen, denn das wird wirklich die einzige einzigartige Situation sein, die noch übrig bleiben wird.“)
Was skeptische Zeitgenoss*innen zu jener Zeit als Unkenruf abtaten, erscheint vor dem Hintergrund des Hypes um künstliche Intelligenz, der auch die Musikindustrie vor große Herausforderungen stellt, als scharfsichtige Prophetie. Laut dem „Annual Survey of Audio Habits“, einer Analyse des Investmentbank-Unternehmens Morgan Stanley, hören gerade junge Menschen in den USA reichlich KI-Musik. Menschen, die zwischen 1995 und 2010 geboren wurden, die sogenannte Gen Z, konsumieren im Schnitt drei Stunden KI-Musik pro Woche. Die in den 1980er- oder frühen 1990er-Jahren geborene Gruppe der „Millennials“ kommen immerhin auf zweieinhalb Stunden und damit auf die Länge eines Blockbusters.
Die Hörgewohnheiten von Audio- konsument*innen sind dabei, sich zu verändern. Unklar bleibt, ob KI-Musik vornehmlich unwissentlich rezipiert wird oder ob es die Hörer*innen schlichtweg nicht interessiert, ob sie gerade einem menschengemachten oder einem KI-generierten Song lauschen. Streamingplattformen wie Spotify verzichten nämlich darauf, KI-Songs beispielsweise mit einem Label zu markieren, die Tracks werden nahtlos in Playlists integriert und den Nutzer*innen als Vorschläge neben Musik, die von Menschen komponiert wurde, angezeigt. Gleichwohl gibt es nun erste Zahlen, die Aufschluss geben über das Verhältnis von Konsument*innen zu KI-Musik. Ende 2025 veröffentlichte das Marktforschungsunternehmen Ipsos gemeinsam mit der Streamingplattform Deezer die Ergebnisse einer Umfrage, die bei 9.000 Nutzer*innen durchgeführt wurde. Überwältigende 97 Prozent der Befragten konnten KI-Musik nicht von herkömmlicher unterscheiden. 66 Prozent der Streamenden gaben an, zumindest aus Neugier KI-Musik gerne einmal zu hören, wohingegen 45 Prozent KI-Songs ganz herausfiltern würden, sofern diese als solche gekennzeichnet würden.
„KI-Musik schlägt die traditionelle, von Künstler*innen erschaffene Musik in puncto Kosten- ersparnis und Herstellungszeit deutlich.“
Mehr als die Hälfte der Befragten zeigt sich also erst einmal offen, was den Konsum von KI-Musik angeht – vielleicht auch deswegen, weil es kaum mehr möglich ist, qualitative Unterschiede zwischen „menschlicher“ und künstlich erzeugter Mainstream-Musik festzustellen. Der überraschende Aufstieg von „The Velvet Sundown“ im vergangenen Sommer bestätigt dies. Innerhalb kurzer Zeit erschienen auf Spotify drei Alben der Musikgruppe, ihre von Psychedelic-Rock und Indie-Folk der 1970er-Jahre inspirierten Lieder wurden millionenfach abgespielt. Die Band veröffentlichte Fotos und Namen ihrer angeblichen Bandmitglieder, bis die Bombe schließlich platzte: „The Velvet Sundown“ gibt es nicht, zumindest nicht als klassische Band. Sie sei ein „synthetisches Musikprojekt“, das vollständig mithilfe von KI designt worden sei.
„This isn’t a trick – it’s a mirror. An ongoing artistic provocation designed to challenge the boundaries of authorship, identity, and the future of music itself in the age of AI.“ (zu Deutsch: „Das ist kein Trick – es ist ein Spiegel. Eine fortlaufende künstlerische Provokation, die darauf abzielt, die Grenzen von Urheberschaft, Identität und der Zukunft der Musik selbst im Zeitalter der KI in Frage zu stellen.“) Wer hinter „The Velvet Sundown“ steckt, ist immer noch unklar. Der Durchbruch der Fake-Band verdeutlicht jedoch, dass unter Zuhilfenahme von KI ausgezeichnete Täuschungsmanöver gelingen – und die Musik, die KI-gestützte Systeme produzieren, mit gewöhnlicher, von Menschen erzeugter eingängiger Populärmusik mühelos mithalten kann.
Die pädagogische Impetus des hier so meisterhaft orchestrierten Bluffs darf nicht übersehen werden, legt der*die Erschaffer*in oder legen die Erschaffer*innen von „The Velvet Sundown“ doch den Finger direkt in die Wunde: KI-Musik schlägt die traditionelle, von Künstler*innen erschaffene Musik in puncto Kostenersparnis und Herstellungszeit deutlich und macht moderne Musik dadurch, auch wenn sie bei Hörer*innen gut ankommt, zu seelenloser Massenware, zu einer billigen, unerschöpflichen Ressource. KI unterhöhlt den Sonderstatus kreativer Erzeugnisse und pervertiert das, was Musik sowie Kunst im Allgemeinen eigentlich sein sollten: ein origineller und wahrhaftiger Ausdruck dessen, was es heißt, Mensch zu sein.
Durch die Überflutung der Musikstreamingdienste mit KI-Musik werden Künstler*innen verdrängt und die Rezipient*innen aufgrund mangelnder Transparenz insofern entmündigt, als dass ihnen nicht die Entscheidungsfreiheit, ob sie KI-Musik hören möchten oder nicht, überlassen wird. Zahlen offenbaren das Ausmaß des Problems: Stand November 2025 wurden 34 Prozent der Songs, die täglich auf Deezer hochgeladen wurden, von einer KI generiert. Spotify gab im September 2025 an, allein in den vergangenen zwölf Monaten 75 Millionen „spammy“ KI-basierte Tracks gelöscht zu haben. Gegen dieses KI-Überangebot können auch einzelne Gegenreaktionen wie das KI-Verbot der Musikverkaufsplattform „Bandcamp“ nicht viel ausrichten.
Angesichts der schieren Masse an synthetischer Musik erweist sich die Behauptung, die David Bowie vor mehr als 20 Jahren äußerte, als erstaunlich treffsicher. Er sah nicht nur die absolute Kommodifizierung von Musik voraus, sondern auch die daraus erwachsende Konsequenz: Die letzte Bastion genuiner ästhetischer Erfahrung im musikalischen Bereich stellt die Livemusik dar. Nur hier findet eine unmittelbare und zutiefst menschliche Begegnung zwischen Kunstschaffenden und Rezipient*innen statt. Egal wie geschliffen und durchchoreografiert eine Musikperformance ist, sie bleibt ein direktes Geschehnis ohne Filter und mediale Zwischenschaltung, das beim Publikum aufrichtige Emotionen heraufbeschwört und daran gekoppelte messbare physiologische Reaktionen auslöst.
Wie wichtig Livemusik für Fans und Musikliebhaber*innen ist, lässt sich exemplarisch am monumentalen Erfolg der Taylor-Swift-Konzerttournee „Eras Tour“ ablesen: Mit 149 Shows in 51 Städten auf fünf Kontinenten verkaufte die Popmusikerin über 10 Millionen Tickets. Damit erzielte sie einen Rekordumsatz von rund zwei Milliarden Euro. Vielleicht würden an dieser Stelle kritische Stimmen gerne einwerfen, dass eben gerade diese Tournee beispielhaft zeigt, dass moderne Populärmusik in Liveform glattgebügelt, kommerziell und sorgfältig inszeniert ist; sie scheint hochgradig künstlich, nicht künstlerisch, und kann somit kaum als authentisch oder eben „unique“ bezeichnet werden. Dem durchaus berechtigten Einwand kann man entgegenhalten, dass trotz ihres Spektakelcharakters jede Liveperformance ein einmaliges, nicht reproduzierbares Ereignis darstellt, bei dem ein persönlicher, im Physischen begründeter und anders nicht zu erfahrender Austausch zwischen Künstler*in und Publikum stattfindet. Bei letzterem wird so der Wunsch nach Nähe und Echtzeit-Erleben gestillt. Zugespitzt formuliert: Wenn Liveauftritte von Größen der Mainstream-Musikindustrie nicht mehr zu bieten hätten als eine auf Youtube hochgeladene Aufzeichnung eines ihrer früheren Konzerte, so blieben die Konzertsäle, Stadions und Festivalbühnen dieser Welt leer.
„Die letzte Bastion genuiner ästhetischer Erfahrung im musikalischen Bereich stellt die Livemusik dar.“

Die Wichtigkeit von Livemusik kann kaum überschätzt werden, denn hier finden Künstler*innen und Publikum direkt zueinander. (FOTO: Pixabay)
Wenn man vom Wert von Livemusik spricht, erscheint es weniger sinnvoll, über die künstlerische Leistung einzelner Kreativarbeitender zu debattieren, als anzuerkennen, dass das Erleben von Livemusik prinzipiell bedeutsam ist und einem spezifischen Bedürfnis nach Unmittelbarkeit, Echtheit und Einzigartigkeit nachkommt. Dass Menschen ein grundsätzliches Verlangen nach Livemusik haben, haben Veranstalter*innen von Festivals wie „Rock am Ring“ längst erkannt: Ausgabe für Ausgabe halten sie Slots für Überraschungsgäste frei und generieren damit noch mehr Aufmerksamkeit.
Livemusik ist wichtig, weil sie Menschen etwas bietet, das KI-Musik nie könnte: ein einzigartiges, weil vorübergehendes Miteinander, das von aufrichtigen Gefühlen getragen wird. Eben deswegen – und das führt uns zum letzten Punkt – muss Livemusik für jede*n zugänglich sein, unabhängig von seiner*ihrer finanziellen Situation und eventuellen körperlichen Einschränkungen. Leider ist beides nicht der Fall: Auch in Luxemburg sind viele Kulturorte nach wie vor nicht barrierefrei (woxx 1866) und die Ticketpreise steigen kontinuierlich, was zur Folge hat, dass viele Menschen von Musikveranstaltungen ausgeschlossen werden. In Luxemburg soll das Gesetz vom 7. Januar 2022 über die Zugänglichkeit öffentlicher Orte hinsichtlich mangelnder Barrierefreiheit Abhilfe schaffen, allerdings erst ab 2032. Und was ist mit der kulturellen Ausgrenzung durch Armut? Zwar existieren mit dem City-Sounds-Festival in der Hauptstadt, der „Fête de la musique“ in Düdelingen sowie dem e-Lake-Festival in Echternach vergleichsweise viele kostenlose Musikevents in Luxemburg, doch reicht das nicht aus, um die kulturelle Teilhabe aller Menschen in diesem Bereich zu gewährleisten. Deswegen ist die Politik gefragt, immerhin erklärte Kulturminister Eric Thill (DP) die Förderung kultureller Inklusion bereits vergangenes Jahr zur Chefsache (woxx 1844).
Eine Idee wäre zum Beispiel, privaten Veranstaltern wie dem „Atelier“ oder dem „Gudde Wëllen“ für ihre Teilnahme am Kulturpassprojekt (woxx 1842) eine Entschädigung anzubieten. So könnten mehr Menschen Livemusik genießen – das einzige Bollwerk gegen die KI-Schwemme, das uns in der Musikbranche noch bleibt.

