Luxemburger Theaterwelt: Zwischen Mindesttarifen und unsichtbarer Arbeit

von | 26.02.2026

Die Basishonorare für Theaterschaffende in Luxemburg sind zum Ende vergangenen Jahres gestiegen. Doch nicht jede Art von Arbeit wird im Theaterbereich als solche anerkannt und entlohnt – die Vereinigung der Theater- und Bühnenfachleute setzt sich für Verbesserungen ein.

So exponiert Theaterschaffende teils sind, so unsichtbar ist teils die Arbeit, die sie hinter der Bühne leisten. (Foto: pexels/cottonbro)

Seit Ende vergangenen Jahres bekommen Theaterschaffende in Luxemburg höhere und erstmals indexgebundene Mindesthonorare – ein doppelter Erfolg für die „Association luxembour- geoise des professionnel·les du spectacle vivant“ (Aspro). Ende 2025 unterschrieben Präsidentin Claire Wagener und Sascha Dahm, Vorsitzender des die Theaterhäuser repräsentierenden Verbands „Theater Federatioun“, einen entsprechenden Vertrag.

Die Einigung ist ein Zeichen für die fortschreitende Professionalisierung des Sektors, der von freiberuflicher Tätigkeit dominiert wird. Das Problem der prekären Arbeit in der Theaterbranche ist damit jedoch noch nicht gelöst. Im Gespräch mit der woxx will Aspro-Vizepräsidentin Anne Simon die angehobenen Mindesttarife als Vergütungsbasis verstanden wissen, das als notwendiges Auffangnetz dient, damit Menschen im Theatersektor nicht in den finanziellen Ruin rutschen. „Es ist so, dass wir hier wirklich von einem absoluten Minimum sprechen“, sagt die Theaterregisseurin.

Die auf ihrer Website einsehbaren Tarifempfehlungen der Aspro, die für eine faire Bezahlung sorgen sollen und an denen sich Freiberufler*innen bei Tarifverhandlungen orientieren können, liegen indes weitaus höher. Doch sie dienen nur als Bezugspunkt, denn die Höhe der Bezahlung misst sich an vielen unterschiedlichen Variablen, nicht zuletzt dem Umfang des Projekts. Grundsätzlich würden sich Produzent*innen selten an die Empfehlungen halten, sagt Claire Wagener. Aufgrund der derzeitigen Produktionsdichte fehlten einigen Häusern dazu schlicht die notwendigen finanziellen Mittel, andere würden hinsichtlich der Vergütung von Arbeit anderen Prinzipien folgen. „In unseren Empfehlungen schlagen wir eine an die Erfahrung gekoppelte Tarifsteigerung vor“, erklärt Wagener. Verschiedene Theater beziehungsweise Produzent*innen würden Tätigkeiten aber nicht nach einem solchen Stufensystem entlohnen.

Zeit ist Geld

Mit der Veröffentlichung von Tarifempfehlungen verfolgt die Aspro auch ein anderes Ziel: ein Bewusstsein dafür schaffen, wie viel Leistung die unterschiedlichen Berufsgruppen im Theater tatsächlich erbringen. „Deswegen sind sie wichtig“, betont Simon, „wir leisten damit auch Aufklärungsarbeit.“ Viele Arten von Arbeit seien nämlich unsichtbar, mit den Tarifempfehlungen werde diesem Umstand Rechnung getragen.

Versteckte, nicht per se als Arbeit wahrgenommene Tätigkeiten würden zum Beispiel die Koordinierung des Teams oder den Kommunikationsbereich betreffen, erklären die Vereinsmitglieder. Noch immer würden bei Produktionen nicht jeder Posten besetzt, und dieser Umstand werde in den Tarifverhandlungen gelegentlich nicht transparent kommuniziert. Die Folge: eine Unterbezahlung der Mitwirkenden, die dadurch entsteht, dass sie notgedrungen Arbeiten übernehmen müssen, für die sie nicht engagiert wurden und für die sie auch keine finanzielle Entschädigung erhalten. Bei kleineren Häusern sei es wegen der knapperen Budgets normal und verständlich, dass verschiedene Stellen unbesetzt blieben und Beteiligte dort mit anpacken müssten, wo eben Hilfe gebraucht werde, sagt Simon. Wenn man das zuvor wisse, sei das ja auch kein Problem.

Wie gut die Arbeitsbedingungen für die Theaterschaffenden sind, hängt letztlich also nicht allein von der Höhe der Gagen ab, sondern auch von der transparenten Kommunikation und guten Organisation der Produzent*innen. Denn diese Aspekte entscheiden darüber, wie viel zusätzliche Zeit und andere Ressourcen die Theaterschaffenden unbezahlt in die Produktion stecken müssen.

In einer kleinen, eng vernetzten Szene, in der man einander gut kenne und die lange Zeit wenig professionalisiert gewesen sei, sei es noch immer schwer, aus Routinen auszubrechen und seine Bedürfnisse offen zu äußern, erklären die Theaterschaffenden. Zudem würden Produzent*innen manchmal verschiedene unentgeltliche Leistungen aufgrund lang existierender Praxis als selbstverständlich voraussetzen – stelle man das zur Diskussion, hätten sie aber durchaus ein offenes Ohr, betont Simon.

Andere Baustellen

Dem Engagement der Aspro ist es mit zu verdanken, dass sich hinsichtlich der Anerkennung und Bezahlung von Arbeit im Theaterbereich langsam ein Bewusstseinswandel vollzieht. Dabei gibt es noch andere Aufgabenbereiche, denen sich die Vereinigung zuwendet. Unter anderem widmet sie sich dem Thema des Urheberrechts, mit dem im Theaterbereich Bühnenstücke, Musik, Choreografien und auch Bühnenbilder geschützt werden. Die Aspro setzt sich dafür ein, dass das Urheberpersönlichkeitsrecht („droit moral“), das in Luxemburg, anders als in Deutschland oder Frankreich, ganz oder teilweise übertragen werden kann, bei den Künstler*innen bleibt, sodass die Anerkennung der Urheberschaft ebenso wie die Werkintegrität langfristig geschützt sind. Dies verhindert zum Beispiel, dass Bühnenbilder bei einer Wiederaufnahme des Stücks in veränderter Form und unter dem Namen des*der Urhebers*in, aber nicht unter dessen Aufsicht erneut verwendet werden dürfen.

Aktuell beschäftigt sich die Aspro im Verbund mit dem Kulturministerium sowie anderen Kulturvereinigungen zudem mit der Revision und Präzisierung der Ethik-Charta, die noch unter der ehemaligen Kulturministerin Sam Tanson (déi gréng) in Kraft getreten ist und seitdem für alle konventionierten Kultureinrichtungen in Luxemburg gilt. Zwar thematisiert die Charta zum Beispiel verschiedene Missbrauchsformen wie Übergriffe durch Einzelpersonen sowie systemische und ökonomische Missbräuche, doch drohen bei einer Verletzung der Richtlinien nur dann Sanktionen, wenn der Verdacht auf einen Gesetzesbruch besteht (woxx 1757). Eine Lücke, die den Handlungsbedarf verdeutlicht.

Daneben verfolgt die Aspro gemeinsam mit der „Theaterfederatioun“ ein Nachhaltigkeitsprojekt, in dessen Kontext bald ein Leitfaden mit Richtlinien zur nachhaltigen Theaterproduktion publiziert wird. Eine weitere Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit dem Thema der mentalen Gesundheit; eine Umfrage bei freien Berufstätigen in der Theaterbranche wird in Zusammenarbeit mit der Uni Luxemburg durchgeführt.

Darauf angesprochen, dass gerade viele Steine ins Rollen zu kommen scheinen, nickt Simon: „Es tut sich etwas.“ Was die materiellen Arbeitsbedingungen angehe, sei es jedenfalls das Wichtigste, in Dialog mit den Produzenten zu bleiben. „Wenn wir uns gegenübersitzen, können wir Dinge äußern, um weiterzukommen – und wir kommen langsam weiter.“

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