Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique
 : Krieg und Avantgarde


Die von der Luxemburger Kunsthistorikerin Laura Kollwelter kuratierte Brüsseler Ausstellung „14-18. Rupture or Continuity?“ untersucht den vielfältigen Einfluss von Erstem Weltkrieg und deutscher Besatzung auf die Bildenden Künste in Belgien.

Pionierin der belgischen Avantgarde: Die Malerin 
Marthe Donas. (Foto: www.marthedonas.be)

Pionierin der belgischen Avantgarde: Die Malerin 
Marthe Donas. (Foto: www.marthedonas.be)

„Tanz über Gräbern“ – so lautet der deutsche Titel eines Buchklassikers zur Geschichte des 20. Jahrhunderts. Der Historiker Modris Eksteins untersucht darin den Einfluss, den der Erste Weltkrieg auf einen oftmals als geradezu brachial beschriebenen Zeitenwandel hatte – hin zu dem, was wir heute als Moderne bezeichnen. Laut Eksteins ist sie charakterisiert durch eine „Besessenheit vom Emanzipationsgedanken“, durch fiebrige Fixiertheit auf Geschwindigkeit, Flüchtigkeit, Neuheit und Bewegung.

Wie Modris Eksteins aus kulturgeschichtlicher Perspektive, so haben auch zahlreiche Kunsthistoriker einen überragenden Einfluss des „Großen Krieges“ auf die Entstehung der gesellschaftlichen – insbesondere der künstlerischen – Avantgarde behauptet. Eine Ausstellung in den „Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique“ in Brüssel stellt nun die Frage, inwiefern die oft wiederholte These hinsichtlich moderner Kunst in Belgien überhaupt zutreffend ist.

„Oft wird es so dargestellt, als liefere der Krieg, die Zerstörungswucht und, bildlich gesprochen, die Zersplitterung und die Bomben, die perfekte Form für die Avantgarde“, meint Laura Kollwelter, die in den Musées royaux arbeitet und die Ausstellung maßgeblich mitgestaltet hat. Doch die Interpretation, wonach sich der durch den Krieg verursachte gesellschaftliche Bruch auch im Kunstschaffen radikal aufgedrängt habe, ist laut der Luxemburger Kunsthistorikerin nur teilweise wahr: „Eine solche Interpretation wäre einseitig, weil beispielsweise der Kubismus und der Futurismus ja schon vor dem Krieg existiert haben.“ Die Ausstellung nimmt die daraus resultierende Frage nach Bruch und Kontinuität in ihrem Titel auf: „14-18. Rupture or Continuity?“

Die Idee zu der Ausstellung stammt von der Kuratorin des Hauses, Inga Rossi-Schrimpf. Sie ermutigte Kollwelter dazu, sich der hauseigenen Kollektion belgischer Künstler aus dieser Zeit anzunähern.

Der Großteil der Werke, die in der Ausstellung zu sehen sind, stammt aus den Jahren 1913 bis 1925. Vor dem Krieg galt Brüssel neben Paris vielen als wichtigste Kunstmetropole, war etwa durch den Symbolismus auch international sehr einflussreich. Dies galt allerdings nicht für eine die künstlerische Moderne prägende Avantgarde. „Die einzigen, die sich mit diesen Themen – Futurismus, Kubismus – auseinandersetzen, sind Künstler, die Belgier sind, aber nicht hier leben, die diese Stilrichtungen also überhaupt nicht hier auf diesem Territorium kennenlernten“, sagt Kollwelter.

Bruch …

So finden sich in der Ausstellung neben eher frühen Arbeiten des später als Surrealist bekannt gewordenen René Magritte auch mehrere beeindruckende Werke von Jules Schmalzigaug, der in Paris und Venedig in den Jahren vor dem Krieg stark vom Futurismus beeinflusst worden ist. Schmalzigaug, dem das „Mu.ZEE“ in Ostende derzeit eine eigene Ausstellung widmet, starb 1917 und bekam also auch den ideologischen Werdegang einiger dem Faschismus zuneigender Protagonisten dieses Kunststils nicht mehr mit.

Gezeigt werden auch Werke von Ric Wouters und Ferdinand Schirren. Beide werden häufig als Anhänger des aus dem Impressionismus hervorgehenden und für seine teils „wilde“ Farbgebung bekannten Fauvismus bezeichnet, während ihr damaliges Schaffen sich viel eher der Spätphase des Impressionismus zurechnen lasse, wie die Ausstellung argumentiert.

Rik Wouters - Portrait de Simon Lévy (1913) (© Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique, Bruxelles / photo :  J. Geleyns – Ro Scan)

Rik Wouters – Portrait de Simon Lévy (1913)
(© Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique, Bruxelles / photo : J. Geleyns – Ro Scan)

Nicht anders als in der übrigen Geschichtsschreibung ist auch in der Kunstgeschichte die Versuchung groß, umwälzenden Veränderungen ein Datum zu geben, künstlerische Schaffensphasen den jeweils vorherrschenden Stilbegriffen zuzuordnen. Und tatsächlich markiert der Erste Weltkrieg ja in vielerlei Hinsicht eine gesellschaftliche Zäsur. Als solche sei er durchaus auch in die künstlerische Formsprache eingeflossen, so Laura Kollwelter; doch sei dieser Einfluss eben auf etwas getroffen, das, zumindest international, bereits in Entwicklung begriffen war.

Dennoch hat das Land mit der Besatzung auch künstlerisch einen massiven Bruch erlebt. Es wurde aufgespalten, als Kunstmetropole büßte es seine Bedeutung ein: „Manche Künstler gingen ins Ausland, deutsche Künstler und Intellektuelle kamen nach Belgien“, sagt Kollwelter: „Jene, die hier blieben und weiter arbeiteten, vollzogen zwar meist keinen extremen Stilbruch. Aber letztlich fiel eine ganze Gesellschaft zusammen, und die Künstler wurden verstreut.“

Auch die so genannte Flamenpolitik der deutschen Besatzer, die mit der administrativen Aufspaltung Belgiens den Keim für den heutigen Zwist zwischen Wallonen und Flamen gelegt hatten, ging an der damaligen Kunstszene nicht spurlos vorbei. Während sich die so genannten „Passivisten“ in der flämischen Unabhängigkeitsbestrebung der deutschen Besatzung verweigerten, sahen die „Aktivisten“ nun die Chance, ihre Forderungen durchzusetzen. Doch selbst Künstler, die sich vorwiegend hinsichtlich ästhetischer Kriterien an Deutschland orientierten, gerieten unter Umständen in den Ruch der Kollaboration.

… oder Kontinuität?

Hatte die künstlerische Avantgarde in Belgien schon vor dem Krieg wenig Einfluss, so gab es auch unter der deutschen Besatzung kaum Förderer im eigenen Land. Es fehlten Galeristen oder Zeitschriften-Herausgeber, um dieses Milieu zu beleben. So kamen nicht nur die maßgeblichen Einflüsse aus dem Ausland; dieses blieb zugleich der Ort, an dem die belgische Avantgarde überhaupt zur Kenntnis genommen wurde. „Ökonomisch war das ja ohnehin eine katastrophale Zeit“, meint Kollwelter, „Künstler hatten selten Gelegenheit, auszustellen. Das hat auch dazu geführt, dass sie Schwierigkeiten hatten, überhaupt in diese Bewegung reinzukommen.“

Für diejenigen, die im Ausland arbeiteten, sah es besser aus. Zu ihnen zählte Marthe Donas, die einzige Frau, die ihren Weg in die Brüsseler Ausstellung gefunden hat. Vorreiterin der männerdominierten belgischen Avantgarde, hat sie auf Anraten von Kollegen zunächst den nicht auf ihr weibliches Geschlecht verweisenden Künstlernamen „Tour Donas“ verwendet. 1885 in Antwerpen geboren, flieht Donas mit ihren Eltern vor dem Krieg in die Niederlande. Sich aus der familiären Enge befreiend, geht sie allein nach Irland, dann weiter nach Paris. Hier lernt sie den Bildhauer Alexander Archipenko kennen, schließt sich der Künstlergruppe Section d’Or an. Schließlich kehrt sie in ihr Geburtsland zurück, wird Teil der belgischen abstrakten Avantgarde. Eine Avantgarde, der sie zuvor allerdings gar nicht bekannt war. Noch 1920 hatte man in Belgien anlässlich einer Ausstellung ihrer Werke in der Berliner Galerie „Der Sturm“ geargwöhnt, dass ihre belgische Herkunft von Galerist Herwarth Walden erfunden worden sei.

Wie andere belgische Künstler, die sich der geometrischen Abstraktion zugewandt hatten, kam auch Donas formal schließlich an ihre Grenzen. „Sie hat einen Brief an Theo van Doesburg von holländischen Künstlervereinigung De Stijl geschrieben, in dem sie darlegt, dass sie mit der Abstraktion nicht mehr weiterweiß“, erzählt Laura Kollwelter. Nicht wenige Künstler dieser Zeit kehren zur figurativen Malerei zurück, wieder andere wenden sich der „art appliqué“ zu und werden vom Bauhaus beeinflusst.

Wie schon aus dem Titel der Expo hervorgeht, verfolgt die in den Musées royaux des Beaux-Arts präsentierte Ausstellung eine kunsthistorische Herangehensweise. Auf sehr anschauliche und auch für Laien nachvollziehbare Weise wird eine Annäherung an den Zusammenhang von gesellschaftlicher und künstlerischer Entwicklung möglich. Dieser Zusammenhang ist aller Komplexität zum Trotz nicht „abstrakt“, sondern entwickelt sich, wie man am Beispiel Belgien vermittelt bekommt, unter sehr konkreten Bedingungen. Anders als der zeitgleich im Brüsseler „Bozar“ stattfindenden Ausstellung „The Power of the Avant-garde“ gelingt es mit „14-18. Rupture or Continuity?“ daher zu zeigen, dass der Begriff Avantgarde vor allem dann Sinn macht, wenn er mehr ist als ein bloßer Sammelbegriff verschiedener künstlerischer Bewegungen, nämlich Ausdruck einer jeweils ganz bestimmten gesellschaftsgeschichtlichen Konstellation.

Die Ausstellung „14.-18. Rupture or Continuity?“ ist noch bis zum 22.01.2017 in den „Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique“ in Brüssel zu sehen. Sie wird von einem Vortragszyklus begleitet. Am Dienstag, dem 29. November, wird Laura Kollwelter zum Thema „Vers l’abstraction: Jules Schmalzigaug, Marthe Donas et Prosper de Troyer“ sprechen. 
Am 24. und 25. November haben die Königlichen Museen unter dem Titel „Before and after? Continuity or Rupture? Belgian Art around World War I“ ein internationales Symposium organisiert. Weitere Informationen unter www.fine-arts-museum.be/fr/agenda

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