Musik in Iran: Wenn Frauen singen, droht Haft

Die rezente Verhaftung des iranischen Musikers Mehdi Rajabian ist eines vieler Beispiele: Wer Frauen in Irans Musikbranche unterstützt oder als Musikerin entgegen bestehender Regeln auftritt, riskiert Repressalien, Haft, Folter und Berufsverbot.

Der iranische Musiker Mehdi Rajabian wurde verhaftet, weil in seinem neuen Album Frauengesang zu hören sein wird. (CC BY Mif.dang + Design by Rajabian.co SA 4.0)

Am 10. August 2020 wurde der iranische Musikschaffende Mehdi Rajabian, der erst kürzlich sein hochgelobtes Album „Middle Eastern“ in der Türkei veröffentlicht hat, festgenommen. Der Vorwurf des Richters: Förderung der Prostitution. Anlass war ein Interview mit der britischen BBC, in dem er sein neues Album ankündigte, auf dem Frauengesang zu hören sein wird. Zeitgleich erschien ein Video, auf dem eine Iranerin zur Musik Rajabians tanzt. Nachdem seine Familie eine Kaution hinterlegt hat, ist Rajabian unter Auflagen in strengen Hausarrest gesetzt worden. Ihm wurde angedroht, sofort wieder inhaftiert zu werden, wenn er gegen die Auflage, jegliche künstlerische Betätigung zu unterlassen, verstößt. Ein Gerichtsverfahren steht aus.

Bereits 2013 wurden er und sein Bruder, der Filmemacher Hossein Rajabian verhaftet, gefoltert und in Isolationshaft gesteckt. Mehdi Rajabian betrieb unter anderem die Webseite „Barg Music“, auf der er staatlich nicht lizenzierte iranische Musik bereitstellte. In Iran gibt es eine verbotene, aber dennoch lebendige Underground-Szene, die sich nicht scheut, auch sogenannte westliche Einflüsse kreativ zu verarbeiten. Mehdi Rajabians Bruder Hossein arbeitete an einem Film über das Recht auf Scheidung für iranische Frauen. Schließlich verurteilte man beide zu drei Jahren Haft wegen „Beleidigung iranischer Heiligkeiten“ und „staatsfeindlicher Propaganda“. Beide traten in einen Hungerstreik, als ihnen die medizinische Behandlung schwerer Erkrankungen vorenthalten wurde. Ihr Widerstand und die Unterstützung durch „Amnesty International“ und die Organisation für Künstler*innenrechte „Freemuse“ führten im Juni 2017 zu einer vorzeitigen Haftentlassung gegen Kaution.

Jetzt steht Mehdi Rajabian wieder im Fadenkreuz der Justiz. Im Zusammenhang mit seiner erneuten Verhaftung in diesem Jahr hat Mehdi Rajabian der BBC berichtet, dass ein Journalist, der über Frauenmusik geschrieben hatte und Rajabian erwähnte, mehrere Tage eingesperrt wurde. Das sind keine Einzelfälle. „Les Observateurs/France 24“ meldete im Mai letzten Jahres, dass eine junge Iranerin vor Gericht gestellt wurde, nachdem in sozialen Netzwerken ein Video gepostet wurde, auf dem man sie in traditioneller Kleidung vor Touristen singen und tanzen sieht. Das gleiche Medium berichtet über den Fall eines iranischen Popsängers, der im Februar 2019 vor die Zensurbehörde zitiert wurde, nachdem dessen Gitarristin während eines Konzertes zwölf Sekunden lang allein gesungen haben soll.

Musikaufnahmen und Konzerte sind in Iran strengen Reglementierungen unterworfen. Zuvor muss eine Genehmigung beim „Ministerium für Kultur und islamische Führung“ (Erschad) eingeholt werden. Das betrifft alle Musikstile und sowohl Männer als auch Frauen. Besonders rigoros sind die Vorschriften allerdings beim Frauengesang. Als Solostimme darf er nur vor rein weiblichem Publikum erklingen – falls das überhaupt genehmigt wird. Vor einem gemischten Publikum darf eine Sängerin nur als Begleitstimme eines Sängers auftreten, muss also im Hintergrund bleiben. Frauenchören und Instrumentalistinnen ist ein öffentlicher Auftritt auch vor gemischtem Publikum grundsätzlich erlaubt. Doch selbst wenn dafür eine Genehmigung erteilt wird, können skurrile Bedingungen an den Auftritt geknüpft werden. Eine Musikerin, die die üblicherweise Männern vorbehaltene Tar-Laute spielt, berichtete im letzten Jahr, dass ein Instrumentalkonzert von ihr zwar genehmigt, aber in den Ankündigungen weder ihr Name noch ihr Geschlecht genannt werden durfte. Dort fand sich lediglich die Bezeichnung „Performer“.

Frauengesang wurde gefeiert, dann verboten

Die Wurzeln heutiger iranischer Musik reichen weit in die Geschichte Persiens zurück. Sie stand in regem Austausch mit Musikformen unter anderem aus Zentralasien und Nordindien und kam dann mit arabischer Musik in Kontakt. Bis heute spielen die Gedichte bedeutender Poeten des 13. und 14. Jahrhunderts, wie Rumi, Saadi und Hafez eine zentrale Rolle in der klassischen persisch-iranischen Musik. Allerdings war Musik unter der Herrschaft der Safawiden fast 250 Jahre lang verboten. Erst ab 1750, unter den Dynastien der Zand und vor allem der Kâdschâren, wurde sie – wohl unter Einbeziehung aserbaidschanischer Traditionen – wiederbelebt.

Seitdem gilt „Dastgah“ als Oberbegriff für die klassischen persisch-iranischen Musikformen, die innerhalb strenger Rahmenvorgaben viel Improvisation verlangen. Auch die volkstümliche Musik ist von ihm geprägt. Vor der Machtübernahme durch Ayatollah Khomeini und der schiitisch-islamischen Geistlichkeit 1979 war klassische und traditionelle Musik zwar noch präsent, stand aber unter zunehmendem Druck durch westliche Musik und iranische Popmusik. Unter dem bis dahin herrschenden autoritären und äußerst repressiven Regime Schah Reza Pahlavis, das massiv von den USA und anderen westlichen Staaten gestützt wurde, erlebte der iranische Pop eine Blütezeit.

Schon vor der monarchischen Diktatur Reza Pahlavis und seines Vaters, der zuvor regierte, spielten Frauen eine bedeutende Rolle als Sängerinnen in althergebrachten Stilen; dann eroberten sie auch die moderne Musik. Einer der gefeierten weiblichen Superstars Irans dieser Zeit war die Sängerin Googoosh. Die von Khomeini angeführte „Islamische Revolution“, die den Schah und sein Gefolge ins Exil zwang und den Staat unter die Leitung der schiitisch-islamischen Geistlichkeit stellte, untersagte sofort alles, was eine weitere Einflussnahme auf Iran durch den Westen ermöglichte. Umgehend verboten sie auch die als verwestlicht geltende Popmusik, ließen aber Raum für eine Renaissance alter Musikformen. Zeitgleich stellte man jeglichen öffentlichen Frauengesang unter Strafe. Erst 1994 wurde dies gelockert, als man solchen Gesang vor einem rein weiblichen Publikum erlaubte. Was ist der Grund für diese sonderbare Restriktion?

Eine iranische Journalistin, die ungenannt bleiben möchte, hält die offizielle Begründung, die sich auf angebliche moralische Vorschriften des Koran beruft, für vorgeschoben und sachlich falsch. Sie erklärt: „Davon steht nichts im Koran. In vorislamischer Zeit hielten sich die Herrscher eine Gruppe von Konkubinen, die, um unerkannt zu bleiben, Schleier tragen mussten. Sie hatten die Aufgabe, sexuelle Dienste zu verrichten und ihre Herren mit Gesang zu unterhalten. Das führte dazu, dass weiblicher Sologesang vielen als verrufen galt. Die heutigen Machthaber halten daran fest und behaupten, weiblicher Sologesang könne Männer sexuell stimulieren. Deshalb haben sie es verboten.“ Manche Sängerinnen gehen aus diesem Grund vorübergehend ins Ausland, um aufzutreten und Platten einzuspielen. Deshalb sind im Westen eine Reihe von hervorragenden, aktuellen CDs mit vor allem traditionellen Liedern erhältlich. Das wird zum Teil erlaubt. Insgesamt stehen Künstlerinnen in Iran aber offenbar unter ständiger Kontrolle und Rechtfertigungsdruck. Andere verlassen Iran ganz.

Die Popsängerin mit Superstar-Status Googoosh, die mit elf Alben die moderne Musikszene der 1970er in Iran dominierte und auch im westlichen Ausland erfolgreich war, verstummte nach 1979 vollends. Erst nach ihrer Emigration nach Kanada im Jahr 2000 nahm sie ihre Tätigkeit wieder offiziell auf und absolvierte eine Konzerttour in ausverkauften Hallen, in denen sich längst nicht nur exilierte Schah-Anhänger*innen befanden. Von iranischen Sängerinnen im Ausland aufgenommene Platten sind in Iran manchmal als Raubkopien unter dem Ladentisch erhältlich. Teilweise sind ihre Stimmen nachträglich herausgeschnitten worden oder man hat männliche Stimmen hinzugefügt. Mehdi Rajabian jedenfalls will seinen Kampf für künstlerische Freiheit in Iran nicht aufgeben. Dem britischen Songlines Magazin erklärte er: „Ich werde mich nicht selbst zensieren, selbst wenn es bedeutet, wieder ins Gefängnis gesteckt zu werden… Frauenstimmen und Frauentanz gehören zu meinem Projekt, zu meiner Philosophie und meinem Denken dazu.“

Anmerkung der Redaktion: Die Nennung von Namen kann in diesem Zusammenhang zur Gefährdung der betroffenen Personen führen und wurde deshalb weitestgehend ausgelassen.

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