Im zweiten Teil der Mini-Serie ĂŒber Lissabon steht die Ambivalenz des Touristenbooms im Fokus.
Lissabon ist mir nicht fremd, doch diesmal werde ich die Stadt aus einer neuen Perspektive erleben: Ich nutze nĂ€mlich fĂŒr einmal ein bekanntes Wohnungsvermittlungssystem â wie mittlerweile unzĂ€hlige anderer GĂ€ste der Stadt. Dass sich das Stadtzentrum verĂ€ndert hat, sieht man auf den ersten Blick. Besonders die frĂŒher stark heruntergekommenen, teilweise leerstehenden zentralen Viertel am Flussufer wirken nun belebter, die HĂ€user sind hĂ€ufig renoviert, die Fassaden neu gestrichen. Neben kulturell begrĂŒndeten, oft mit Fördergeldern verwirklichten Investitionen in Transformation und Restauration hat das Vermittlungssystem sicherlich stark zu dieser Aufwertung beigetragen.
Doch das Resultat ist durchmischt. Die HĂ€user wirken nicht wirklich bewohnt. Im Gegensatz zu anderen Vierteln sind die StraĂen abends oft menschenleer. WĂ€hrend der Tourismus sich frĂŒher auf das Stadtzentrum, rund um den Bahnhof Rossio konzentrierte, wo es viele Hotels gibt, schwappt er nun auch in die ehemaligen Wohngegenden ĂŒber. Auch wenn manche Bewohner*innen des Stadtzentrums bereits frĂŒher aus den Ă€rmlichen Wohnungen der Altstadt in die Neubauviertel abwanderten, hat das System nun bei den Verbliebenen fĂŒr einen erhöhten Mietdruck gesorgt. In Lissabon standen 2017 sechs Millionen GĂ€ste einer halben Million Einwohner*innen entgegen, so wenig wie noch nie.
Restaurants und CafĂ©s in Lissabon beschriften ihre MenĂŒtafeln auf Englisch. Aus der frĂŒher sprichwörtlichen portugiesischen Freundlichkeit ist Routine geworden. Auch in der Pastelaria um die Ecke wird man zwar korrekt, aber nicht unbedingt begeistert zum FrĂŒhstĂŒck empfangen. Tuk-Tuks und andere Transportvehikel fĂŒr Tourist*innen behindern den Verkehr.
Auch der traditionelle Handel leidet unter den gestiegenen Mietpreisen und unter der fehlenden einheimischen Klientel. In manchen LĂ€den hĂ€ngen Plakate mit Aufrufen wie diesem: âDieses GeschĂ€ft ist von Schiffbruch bedroht. Helft uns!“ Mittlerweile regt sich, wie in anderen europĂ€ischen StĂ€dten, auch in Lissabon der Widerstand gegen den Massentourismus.
Dennoch machen viele mit. Die einen, wie mein Vermieter, der mit groĂer ProfessionalitĂ€t sein Projekt managt und damit wohl auch gute EinkĂŒnfte erzielt. Die anderen, die manchmal kurzzeitig zu Verwandten ziehen, wenn sich ein Gast in ihrer Wohnung niederlassen will, weil das Geld existenzsichernd ist. Portugal wird dafĂŒr gelobt, dass es die Finanzkrise erfolgreich gemeistert hat; der Preis dafĂŒr sind sehr niedrige Löhne und ein schlechtes Gesundheitssystem. So sehen viele auch Positives im Tourismus-Boom. Meine Portugiesisch-Lehrerin Ana versichert, dass der Tourismus eine unabkömmliche Einkommensquelle sei und fĂŒr viele neue ArbeitsplĂ€tze gesorgt habe.
Andere glauben, dass es sich nur um einen Modetrend handelt: âVor sechs Jahren war Berlin die Stadt des Augenblicks, heute ist es Lissabon,â meint etwa der in Portugal lebende Krimiautor Robert Wilson in einem Interview.[1] Auch die Tatsache, dass das Land bislang vom Terrorismus verschont wurde, scheint Portugals AttraktivitĂ€t zu erhöhen.
Dass es dennoch lokales Leben gibt, zeigt sich bei einem Sonntagnachmittagsspaziergang. Angelockt von Fado-KlĂ€ngen, trifft man auf eine Menschenansammlung mitten im Viertel. Eine StraĂe wurde blockiert fĂŒr einen von einem lokalen Radio gesponserten Fado-Wettbewerb. Die endlosen Reihen der auf der StraĂe aufgestellten StĂŒhle sind von portugiesischen Familien belegt, Jung und Alt feiert gemeinsam. Das Fest wirkt fĂŒr uns Fremde wie eine trotzige Demonstration dafĂŒr, dass es in dieser Stadt doch noch so etwas wie NormalitĂ€t abseits vom Tourismus gibt.
Erinnerungen an meine erste Reise nach Lissabon Anfang der 1980er-Jahre kehren zurĂŒck. So kurz nach der Nelkenrevolution waren Fremde noch etwas Besonderes, die in den Lissaboner Gassen mit freundlicher Neugierde beĂ€ugt und angesprochen wurden. In den CafĂ©s verzehrten die Arbeiter zum Bier âtremoçosâ, in Salzlauge eingelegte Lupinenkerne. FĂŒr Kaffee und Kneipengerichte zahlte man Spottpreise, die Schaufenster der LĂ€den wirkten auf westeuropĂ€ische Augen pittoresk altertĂŒmlich. Aber geblieben ist auch die Erinnerung an die phĂ€nomenale Armut, die damals das Stadtbild prĂ€gte, und die man sich bereits damals in Europa kaum mehr vorstellen konnte.
Macht es Sinn, sich nach alten Zeiten zurĂŒckzusehnen? Hinter der Kritik an der Entwicklung des Massentourismus steht jene an der zwanghaften Suche der Reisenden nach Fremdheit, AuthentizitĂ€t, nach dem âWahrenâ und Unbekannten, die uns alle plagt. Dabei ist Lissabon, wie ganz Portugal, lĂ€ngst in Europa angekommen. Die interessante historische Entwicklung der Stadt, die EinflĂŒsse der politischen Entwicklung Portugals verblassen hinter der wunderschönen architektonischen Kulisse. (Wird fortgesetzt.)

