New Museum Online: Penisse, Porno und Frauenklischees

Die Onlineausstellung „IT IS, I, 
ANN HIRSCH: horny lil feminist“ 
thematisiert die Selbstinszenierung von Frauen sowie Frauendarstellungen 
in der Popkultur und in den sozialen Medien. Dafür tischt die Künstlerin Ann Hirsch unter anderem harte Pornos und Ginger Rogers auf.

Die Künstlerin Ann Hirsch taucht in ihren Videos selbst auf. In „Butter Face“ legt sie einen Striptease hin, bei dem ihr Gesicht verdeckt bleibt. (Copyright: Ann Hirsch, ButterFace from “horny lil feminist”, 2014­15 (still). Video, sound, color; 2:21 min. Courtesy the artist)

„Please be advised: This exhibition contains videos with explicit sexual content“, warnt das New Museum auf der Startseite zu Ann Hirschs Onlineausstellung „IT IS, I, ANN HIRSCH: horny lil feminist“. Das Museum verspricht nicht zu viel. Die Video- und Performancekünstlerin Ann Hirsch kommentiert zwischen Peitschenschlägen, Blow Jobs und Erektionsstörungen sexualisierte Genderdarstellungen im Netz und in der Popkultur. Darüber hinaus stellt sie die digitale Selbstinszenierung von Frauen nach, die in ihrem Werk stark von gesellschaftlichen Normen geprägt ist. Hirsch konzentriert sich dabei vor allem auf die Lebensrealität heterosexueller cis-Frauen und cis-Männer.

Der Mehrwert der Ausstellung erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Als Besucher*in der Onlineausstellung klickt man sich von einem Video zum nächsten, tippt dabei immer wieder das Passwort „imhorny“ zur Freischaltung expliziter Videos ein und wundert sich über das, was auf dem Bildschirm passiert: In „carrot Stew carrot Stew“ wird Selbstbefriedung mit einer Karotte vorgeführt, in „also penis envy“ legen Finger im Schambereich eine Performance hin, die an psychedelische Kunst erinnert. Begleittexte gibt es dazu nicht. Einerseits eröffnet das viele Interpretationsmöglichkeiten, andererseits sind die Videos durch ihre unkommentierte Explizitheit und Skurrilität überfordernd.

Die Grenzen zwischen dem, was eine Frau im Netz, im Alltag und in der Popkultur sein kann oder soll, verschwimmen in Hirschs Werk. Die Frau taucht als Lustobjekt, als sexuelles Wesen, als „bride to be“ und Internetuserin zugleich auf. Die Vermischung kommt unter anderem in „a love story“ zum Ausdruck: Links tanzen Fred Astaire und Ginger Rogers, mittig singt Hirsch schief in die Kamera, rechts kriecht eine Frau in Lack und Leder mit Gag-Ball im Mund auf allen Vieren und wird ruppig von einem Mann zum Blowjob aufgefordert. Ist das der Stoff, aus dem „love stories“ gemacht sind? Im krassen Kontrast dazu scrollt Hirsch in „yuppie life“ durch ihre eigene Online-Wunschliste, in der sie Geschenkideen aus dem Haushaltsbereich für ihre Hochzeitsgäste sammelt. Sex, Karotten-Dildos, Fetischkleidung rücken kurz in weite Ferne.

Ein weiteres, zentrales Thema der Ausstellung ist der Feminismus. Hirschs Auseinandersetzung hiermit wird durch das Video „bad feminist“ eingeleitet: Während zwei Frauen gefesselt herumknutschen, später von einem Angreifer ausgepeitscht und penetriert werden, surrt im Hintergrund ein Vibrator. Aus dem Off keucht eine Zuschauerin: „I’m a bad feminist“. Schließen sich Lust an männerzentrierten Pornos und Feminismus also aus? Hirsch ist nicht darauf aus, Antworten zu geben oder Gegenpositionen aus der Pornobranche aufzuzeigen. Stattdessen googelt sie in „feminism today…lemme tell ya“ den Begriff Feminismus und lässt dabei eine antifeministische Plattitüde nach der anderen vom Stapel. Die Intention dahinter verrät sie nicht. Kritisiert sie den Feminismus oder seine Gegner*innen? Beides? Will sie auf Vorurteile hinweisen, die durch Bildmaterial im Netz zementiert werden? Was sollen uns Google-Treffer sagen, die erscheinen, wenn sie „hairy fat feminist“ eintippt?

In dem Video „conclusion: the real ann hirsch“ wird die Komplexität und Mehrschichtigkeit von Hirsch schließlich erfahrbar. Sie gibt darin vor, Tacheles über sich und ihre künstlerischen Beweggründe zu reden und offenbart: „The real Ann Hirsch“ sind eine, keine, hunderttausende. Hirsch ist die Frau, die Angst vor Slutshaming hat, weil Intimfotos von ihr im Netz kursieren. Hirsch ist die Frau, die in einem inszenierten Youtube-Video über die Gleichung „Frau=alt=unattraktiv“ spricht. Sie ist die Frau, die angeblich kein sexuelles Verlangen hat. Nie. Hirsch tritt in dem Video aber auch als die namens- und geschlechtslose Person auf, die durch das Weiterklicken der einzelnen Porträts bestimmt, welche Frauenfigur das Publikum sieht. Ihr spielerischer Umgang mit Feminismus, Sex, Selbstdarstellungen – und so vielem mehr – ist faszinierend und einen Klick wert.

„IT IS, I, ANN HIRSCH: horny lil feminist“ ist auf der Website des New Museums auf Englisch verfügbar.

Vimeo sperrte kürzlich Kunstvideos von Ann Hirsch mit der Begründung, die Inhalte seien „focused on sexual stimulation“. Hirsch beklagte den Umstand im Januar 2020 auf ihrem Twitter-Account und kritisierte das Zensieren feministischer Kunst öffentlich. Ihr Vimeo-Account ist inzwischen wieder freigeschaltet.


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