Online-Ausstellung: Von Seifenpistolen und Ziegen-Menschen

In der neuen Online-Ausstellung „Unknown Objects Newly Told Stories“ des Schwulen Museums Berlin interpretieren zehn Autor*innen Fundstücke aus der Sammlung neu: Sie lassen sich von sonderbaren Objekten zu Poesie und Prosatexten inspirieren.

„Wenn abends die Heide träumt“, dichtet Claudia Gülzow zu Prince‘ „Purple Rain“ und leistet damit einen von zehn spannenden Beiträgen zu partizipativer Museumsarbeit. (Copyright: Unknown Object #03 Newly Told by Claudia Gülzow, Webdesign: Roxanne Borloz (Besticktes Tuch „Wenn abends die Heide träumt, erfaßt mich ein Sehnen“, Ohne Ortsangabe, undatiert, Sammlung Piske, SMU)

Prince Song „Purple Rain“ zu einem bordierten Tuch mit Schafherde, ein Gedicht über einen Löffel aus Perlmutt und Prosa zu einer Seifenpistole mit Ponys: Diese und weitere Kuriositäten bietet die neue Online-Ausstellung „Unknown Objects Newly Told Stories“ des Schwulen Museums Berlin (SMU). Die Kuratorinnen Birgit Bosold und Carina Klugbauer haben zehn Autor*innen, viele von ihnen LGBTQ+ Künstler*innen, dazu eingeladen, ihre Sammlung zu durchstöbern und einen Ausstellungstext zu einem Objekt ihrer Wahl zu schreiben. In welcher Form, stand ihnen frei. Was dabei herausgekommen ist? Poesie und die Hinterfragung der Museumsarbeit.

Die meisten Autor*innen übersetzen das Gesehene in Lyrik und Prosatexte. Die Dichterin Claudia Gülzow bringt den Song „Purple Rain“ von Prince ins Spiel und lässt sich von einem Tuch mit der Aufschrift „Wenn abends die Heide träumt, erfasst mich ein Sehnen“ inspirieren. Wie viel Sehnsucht und Melancholie die Betrachtung aufgenähter Schäfchen hervorrufen kann, ist berührend.

Interessant ist auch der Prosatext von mino. Der*die Kulturwissenschaftler*in schreibt der Metallskulptur eines Ziegen-Menschen eine außerirdische Herkunft zu. Das Wesen namens aKial erwacht in minos Science-Fiction-Text auf einem „aquaphilen Planeten“ und stellt mit Schrecken fest: „(…) Ich bin an die Erde der Homo Sapiens geraten. Uff, die Homos sind mit Abstand die nervigste Spezies da draußen!“ Es folgen amüsante Erklärungen.

Der*die türkische Künstler*in Kübra Varol verbindet hingegen eine Spielzeugpistole aus dem Sortiment der Zeichentrickserie My Little Pony mit einem Dialog über Gender-Normen in einem „Späti“, einem jener Berliner Kioske, in denen man sich auch nachts noch ein Bier kaufen kann; in „Perlmuttlöffel“ bringt Romily Alice Walden Krankheit und Erotik zusammen. Alle Texte sind als Audio-Datei und schriftlich sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch verfügbar. Die Objekte flimmern als bewegbare 3D-Animation über den Bildschirm.

Mit diesem Ausstellungsprojekt antwortet das SMU auf Theorien der Museumsarbeit: Es verwirft unter anderem den Gedanken, dass ein Exponat nur eine einzige Bedeutung und Geschichte hat. Noch dazu erlaubt es den Autor*innen ungewöhnliche und multimediale Ausstellungstexte zu verfassen, in denen die emotionale Wirkung des Objekts statt seiner historischen Kontextualisierung im Mittelpunkt steht.

Eine spannendere Aufarbeitung der hauseigenen Sammlung scheint kaum möglich; vor allem, weil die Texte und die 3D-Animationen durch weiterführende Informationen zu den Künstler*innen und den Exponaten auf Deutsch und Englisch versehen sind. Damit gelingt dem SMU der Balanceakt zwischen Freiraum für Eigeninterpretationen, Vermittlung von Hintergrundwissen und Bedeutung des Museums als Begegnungsort.

Unknown Objects Newly Told Stories. Online auf unknownobjects.schwulesmuseum.de

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