Wie ein Wärmebild: Farbig, intim und gleichzeitig distanziert wirken die Werke des Künstlers Pit Riewer. Auf den Rückseiten der woxx zeigt der Maler eine neue, persönlichere Seite.

Ein Wärmebild, im Atelier des Malers. Anhand seiner Werke, die auf Fotos basieren, die mit einer Wärmebildkamera geschossen wurden, versucht Pit Riewer „durch einen Menschen hindurchzublicken und an etwas Emotionales heranzukommen“. (© Pit Riewer)
woxx: Pit, obschon Sie 2022 Ihr Studium abschlossen, haben Sie schon eine beachtliche Karriere hinter sich: Würden Sie sagen, Sie sind in der professionellen Kunstwelt angekommen?
Pit Riewer: Das Ganze ist ein bisschen verrückt. Ich weiß nicht, ob ich mir schon aller Folgen meines Erfolges wirklich bewusst bin. Gerade wenn ich sehe, wie anders es für die Personen ist, mit denen ich studiert habe. Viele fallen nach dem Studium in ein Loch – man hat kein Atelier, kein Material, kein Geld … Aber in Luxemburg wurde ich als Maler ganz anders aufgefangen: In Antwerpen (seiner Studiumstadt, Anm. d. Red.), war ich einer von Hunderten von Malern. In Luxemburg ist es viel einfacher, sich von anderen abzuheben, weil wenige Luxemburger an der Royal Academy in Antwerpen studieren.
„In der Community ist mir diese anonyme Visibilität, die ich biete, sehr wichtig.“

Porträt des Malers. (© Layla Behme)
Wie hat sich Ihre Arbeit in den wenigen Jahren schon entwickelt?
Meist braucht man nach dem Studium etwas Zeit, um das Gelernte zu verarbeiten. Die hatte ich nicht, in meinem letzten Jahr hatte ich sogar schon eine Ausstellung mit der Galerie Reuter Bausch. Leute lernen einen dann wegen eines bestimmten Stils kennen. Aber ich merke, dass ich erst jetzt alles verdaue. In den vergangenen beiden Jahren – seitdem ich nach Berlin gezogen bin – hat sich meine Arbeit stark verändert. Sie ist abstrakter, von den Farben her lebhafter, technisch herausfordernder geworden, und ist für mich bisher am interessantesten. Auf dem Kunstmarkt ist eine solche Entwicklung manchmal schwierig – im Hinterkopf schwebt schon immer der Gedanke, die Werke müssen sich verkaufen können und mit der Gesamtarbeit kohärent sein.
Haben Sie das Gefühl, Sie wurden nach dem Studium auf einen Stil reduziert?
Kann sein. Meine letzten Werke, die „Wärmebilder“, sind komplexer und basieren auf einer spezifischen kunsthistorischen Philosophie. In Luxemburg werden sie nicht ganz verstanden, weil es am nötigen Vokabular fehlt. Es ist natürlich einfacher, beim Alten zu bleiben, sofern man damit Erfolg hat. Doch ich versuche mich nicht zu viel damit zu beschäftigen. Auch will ich einfach gute und zeitlich relevante Werke schaffen, die mit mir in Harmonie sind. Ich halte deshalb an der Hoffnung fest, dass das, was für mich jetzt relevant ist, auch irgendwann bei der Öffentlichkeit gut ankommen wird.
Für Ihre gemalten Werke arbeiten Sie mit einer Wärmebildkamera und malen anhand der geschossenen Fotos von Menschen, Objekten und Orten Ihre Gemälde. Was interessiert Sie an diesem Effekt der Wärmebildkamera?
Eigentlich bin ich rein zufällig auf die Kamera gestoßen. An der Uni mussten wir größtenteils aus dem Leben malen und zeichnen, sprich ohne Fotos. Als ich dann aber nach meinem Studium zurück nach Luxemburg gezogen bin, standen mir natürlich keine menschlichen Modelle zur Verfügung und ich habe angefangen, mit Fotos zu arbeiten. Die Qualität der Fotos soll dabei ziemlich schlecht sein, damit man das Dargestellte durch das Malen wieder „zum Leben erwecken“ kann. Ansonsten könnte man nämlich genauso gut das Foto ausstellen. Meine Referenzen habe ich digital auf dem Computer oder durchs Drucken mit einem alten Printer komprimiert und verändert. Beispielsweise habe ich eines Tages die Farben eines Fotos umgedreht – was wie ein Wärmebild aussah. Das rumorte einige Monate lang in meinem Hinterkopf und ich habe mir dann, als ich nach Berlin gezogen bin, eine billige Wärmebildkamera gekauft. Seitdem fotografiere ich damit auch Menschen und übersetze das in meiner malerischen Sprache. Jeder Körper hat eine „Aura“, den die Kamera festhält, denn unsere Haut ist wärmer als die sie umgebende Luft. Mit ging es darum, herauszufinden, wie ich das in Ölfarbe einfangen kann.
Was drücken die Bilder für Sie aus?
Es geht mir um die Emotionen. Schön müssen meine Werke nicht unbedingt sein, ich will mehr damit ausdrücken. Deshalb werden meine Bilder mit der Zeit auch immer abstrakter, die pure Figuration steht zunehmend im Hintergrund. Wer sich vor diese Kamera stellt, kann nichts verstecken. Teils kann man in den Körper hineinsehen, kleine Nerven werden sichtbar. Andererseits interpretiert unser Gehirn das Ganze nur. Unsere Augen sehen keine Person, sondern nehmen nur das Licht auf. Dessen werde ich mir auch immer bewusst, wenn ich vor einer Leinwand stehe: Es ist ein Stück Holz, Stoff, ein bisschen Öl und Pigmente. Der Rest geschieht im Kopf. Und eigentlich werden Wärmebildkameras in sehr wissenschaftlichen und technischen Umfeldern benutzt, etwa, um zu schauen, ob ein Fenster dicht ist. Ich benutze sie aber, um durch einen Menschen hindurchzublicken und an etwas Emotionales heranzukommen. Diesen Kontrast finde ich faszinierend und schön.
Die Werke sind intim und doch distanziert, weil die Personen nicht erkennbar sind. In dem Sinne bietet die Wärmebildkamera ihren Modellen, die Sie teils auch nackt fotografieren, eine Anonymität.
Ja, wenn ich mit Menschen zusammenarbeite, ist es mir natürlich extrem wichtig, dass sie sich sicher fühlen. Vor allem, weil einige Traumatisches erlebt haben. In der Community ist mir diese anonyme Visibilität, die ich biete, sehr wichtig. Ich erkläre deshalb jedem Modell, wie ich arbeite, wie ich die Fotos später aufbewahre, wie die Werke ausgestellt werden. Daraus entstehen viele interessante Gespräche, die ich am liebsten in einem Buch einfangen würde – eins der Modells hat auch einen Satz geäußert, der mir monatelang nicht aus dem Kopf gegangen ist und der jetzt auf dem ersten Backcover der woxx erscheinen wird. Und ja, die Werke sind intim, bilden aber gleichzeitig etwas Universelles ab, einen Körper.
Würden Sie Ihre Kunst als queer- politisch beschreiben?
Wahrscheinlich nicht. Als queerer Künstler ist alles, was ich male, queer – ob ein Körper oder ein Stillleben. Natürlich gibt es Personen, die erkennen, dass meine Werke von einem queeren Maler sind … irgendwie erkennt man das sofort (lacht). Es gibt einen israelischen Künstler, Doron Langberg, der mal erklärt hat: Wenn ich zwei Personen, die sich küssen, male, ist das genauso queer, als wenn ich eine Landschaft male. Und das ist genau richtig. Persönlich komme ich ja aus dem Figurativen, in letzter Zeit fokussiere ich mich aber intensiver darauf, meine persönliche Sensitivität als Maler weiter auszubauen, und male abstrakter. Darin kann man vielleicht mehr hineininterpretieren. Als explizit politisch würde ich meine Werke allerdings nicht bezeichnen.
„Die Werke sind intim, aber bilden gleichzeitig etwas Universelles ab.“
Die Backcover-Serie, die sie im Oktober vorstellen, ist auch intim, aber auf andere Weise.
Ja, ich kämpfe seit anderthalb Jahren mit medizinischen Problemen, unter anderem mit meinem Sehvermögen, und da haben sich die Themen ganz natürlich in meiner Kunst wiedergefunden. Dieses Jahr ist meine Arbeit umso persönlicher geworden. Ich habe immer komplexere Fotos geschossen, Details des Nervensystems und unserer Augen gemalt. Ein Künstler, der mich seit langem inspiriert, ist Pierre Bonnard. Er hat mehrmals seine Frau, die chronisch krank war, beim Baden in der warmen Badewanne gemalt – anscheinend glaubte man damals, warmes Wasser helfe dem Körper, gesunde Mineralien aufzusaugen. Etwas Esoterisches haben die Bilder aber auch an sich. Das Motiv des menschlichen Körpers, wie er mit Krankheit umgeht, ist mir im Kopf geblieben.
Wie haben Sie das auf den Rückseiten der woxx umgewandelt?
Ich habe eine CD mit den ganzen Röntgen-, MRT-bBlder und Angiografien meiner Augen, meiner gelähmten Pupille, meines Kopfes und Genickes. Seit einiger Zeit denke ich daran, was mit diesen Bildern zu machen. Und dann habe ich mich daran erinnert, wie ich als Kind immer diese Wissenschaftsmagazine gelesen habe, bei denen ein großes Skelett mitkam, das man ausschneiden konnte – ja, ich bin auch ein Bio-Nerd (lacht). Die Idee wollte ich auf den Backcovers nachmachen. Die Leser bekommen deshalb Teile meines Schädels, den sie zusammenbasteln können. Die schlechte Qualität ist ein kleines Extra: Ich finde es interessanter, wenn ein Bild unscharf ist, weil das Gehirn so mehr Arbeit leisten muss. Ich hoffe, die Idee kommt gut bei den Lesern an!

