Trans-Initiative in Tansania: Nicht mehr alleine kämpfen

Mwamba Nyanda wurde beleidigt, geschlagen und verhaftet – und das alles nur, weil er trans ist. Seit fünf Jahren spitzt sich die Lage für ihn und andere Mitglieder der LGBTIQ-Community in Tansania zu. Trotzdem setzt er sich mit einer von ihm gegründeten Trans-Initiative für deren Rechte ein.

Wurde erst auf internationalen Druck hin aus dem Gefängnis entlassen: der tansanische Trans-Aktivist Mwamba Nyanda. (Foto: Björn Rohwer)

Als seine Monatsblutungen einsetzen, sitzt Mwamba Nyanda in einem Männergefängnis in Tansania. Seit seiner Verhaftung kann er sich kein Testosteron mehr nachspritzen. An jedem weiteren Tag merkt er, wie sich sein Körper verändert. Jetzt spürt Mwamba die Krämpfe in seinem Bauch und das Blut in der Hose. Er bewegt sich kaum, um seine Kleidung nicht zu besudeln, geht nur nachts zur Toilette und duscht, während die anderen Häftlinge schlafen. Mwamba besticht einen Wärter, der ihn mit einer Frau sprechen lässt. Sie steckt ihm nachts heimlich Binden zu. Mwamba hat Angst. Wenn die anderen Häftlinge erfahren, dass er im Körper eines Mädchens geboren wurde, ist er im Männergefängnis nicht mehr sicher.

Es ist November 2018 und die Regierung in Daressalam, der größten Stadt Tansanias, hat die Jagd auf die LGBTIQ-Community eröffnet. Paul Makonda, Regionalkommissar von Daressalam, reagiert damit auf ein viral gegangenes Video von einer Frau, die Analsex hat. Dass die Frau heterosexuell ist, stört Makonda wenig. Ihm ist klar, dass vor allem die LGBTIQ-Community an dieser Verrohung von Sitte und Anstand schuld sein muss. Wer nicht heterosexuell sei, solle der Polizei gemeldet werden, fordert Makonda die Einwohner* innen seines Regierungsbezirks in einem Fernseh-
interview auf. „In Daressalam ist Homosexualität kein Menschenrecht“, sagt er später bei einer Pressekonferenz. Im Namen der Moral stellt Makonda eine Taskforce auf, um queere Menschen zu jagen und zu verhaften. Er droht Analexamen an, um Gemeldete als homosexuell zu identifizieren – ein Verfahren, das die Vereinten Nationen als Folter einstufen. Die LGBTIQ-Community in Daressalam bekommt Angst. Wer kann, taucht unter oder verlässt das Land.

Mwamba Nyanda bekommt von all dem zunächst nichts mit. Er bespricht gerade mit anderen LGBTIQ-Aktivist*innen in einem Workshop, wie sich queere Menschen am besten bei Gerichtsverfahren präsentieren, als die Polizei das Gebäude umzingelt. Die Beamt*innen beschimpfen die Aktivist*innen, schlagen sie. Ohne dass sie den Grund erfahren, werden Mwamba und die anderen elf festgenommen. „Sie haben nur gesagt: ‚Der Befehl kam von oben, ihr seid alle verhaftet‘“, erzählt Mwamba.

„Ich bin ein Mensch und kann nicht durch meine bloße Existenz zu etwas Kriminellem erklärt werden.“

„Witch hunt“, Hexenjagd, wird Makondas Aufruf zur Hetze später genannt. Er steht symptomatisch für die immer schwieriger werdende Situation von Mitgliedern der LGBTIQ-Community in Tansania. Lange konnten queere Menschen trotz strenger Gesetzeslage in dem ostafrikanischen Land verhältnismäßig entspannt leben. Dann gewann John Magufuli 2015 die Wahl zum Präsidenten.

Magufuli trägt den Spitznamen „Tingatinga“, Suaheli für „Bulldozer“, weil er verschiedene Straßenbauprojekte umsetzte. Und wegen seines rabiaten Vorgehens: gegen Korruption und Misswirtschaft – aber auch gegen politische Gegner, kritische Presse und Minderheiten wie die LGBTIQ-Community.

Bereits seit 2016 dürfen Gesundheitszentren in Tansania keine Gleitmittel mehr verteilen. HIV/Aids-Anlaufstellen und Organisationen, die sich für die Gesundheitsversorgung oder Rechte von LGBTIQ-Personen einsetzen, wurden unter Zwang geschlossen, Aktivist* innen verhaftet oder abgeschoben. In der LGBTIQ-Community waren viele auf diese Anlaufstellen angewiesen – auch weil die meisten zu den Ärmsten des Landes zählen und Prostitution eine der wenigen Möglichkeiten ist, ohne viele Fragen Geld zu verdienen. Sex zwischen Männern ist schon lange gesetzlich verboten und kann mit 30 Jahren bis zu lebenslanger Haft bestraft werden. Sex zwischen Frauen ist in Teilen des Landes ebenfalls verboten, mehrjährige Haftstrafen sind bei Verstoß die Konsequenz. Zwar wurde bislang kaum jemand wegen gleichgeschlechtlichem Sex vor Gericht verurteilt. Aber die Gesetze werden ausgenutzt, um Druck auf Mitglieder in der LGBTIQ-Community auszuüben.

„Ich bin ein Mensch und kann nicht durch meine bloße Existenz zu etwas Kriminellem erklärt werden“, sagt Mwamba mit seinem an Sturheit grenzenden Selbstbewusstsein. Schon als Kind kaufte er sich Boxershorts, T-Shirts und Hosen statt der Kleider, die seine Mutter für ihn besorgte. Er blieb ebenso selbstbewusst, als seine Mutter auf das Coming-out im Alter von zwölf erst mit Zweifel und dann mit Wut reagierte. Sie betete für ihr „verwirrtes“ Kind, rief Kirchenoberste an, damit sie Mwamba umstimmten. Der berichtete ihr stattdessen begeistert von seiner ersten Freundin. Es braucht Jahre, bis Gespräche zwischen Mutter und Kind nicht mehr in Streit enden.

Mwambas erste Beziehung endet abrupt, als die Hausmutter im Internat das Paar zusammen im Bett entdeckt. Mwamba fliegt von der Schule. „Damals habe ich mich so allein gefühlt. Ich habe mich gefragt: Warum bin ich die einzige Person, die so seltsam ist?“ Auf der neuen Schule trifft Mwamba zum ersten Mal jemanden, der ähnlich tickt wie er. Der neugewonnene Freund nimmt Mwamba mit zu einer LGBTIQ-Organisation. „Ich wusste nicht einmal, dass es so etwas gibt“, sagt Mwamba. Er will von den anderen lernen, um sich selbst besser zu verstehen. „Ich wusste, was ich war, aber mir hat das Wort dafür gefehlt: trans.“

Auch wenn er sich in der Gemeinschaft der anderen schwulen, lesbischen und bisexuellen Aktivist*innen wohlfühlt, merkt Mwamba mit der Zeit, dass trans Personen andere Bedürfnisse und eigene Sorgen haben. Er hat das Gefühl, diese gingen in der Sammelbewegung unter – auf Suaheli gibt es noch nicht einmal einen eigenen Begriff für trans Menschen, sie werden einfach als „schwul“ bezeichnet.

Als sich ein befreundeter, missverstanden gefühlter Transaktivist das Leben nimmt, bekommt Mwamba den entscheidenden Anstoß: 2013 gründet Mwamba die „Tanzania Trans Initiative“ (TTI), um für mehr Akzeptanz von transgender Personen und eine bessere Gesundheitsversorgung zu lobbyieren. Inzwischen hat die NGO 126 transgender und genderfluide Mitglieder. Je mehr die Initiative wächst und je offener Mwamba lobbyiert, desto mehr bringt er sich selbst in Gefahr.

Sechs Tage dauert es, bis Mwamba und die anderen Aktivist*innen aufgrund internationalen Drucks schließlich aus dem Gefängnis entlassen werden. Sechs Tage, in denen sein Körper rebelliert. Mwamba erzählt normalerweise gerne und viel, aber wenn es um die Tage im Gefängnis geht, sucht er oft nach Worten, seine Gesten werden fahrig, die Pausen zwischen den Sätzen länger. Er wird die Bilder nicht mehr los. Da sind die Fäkalien in den Ecken, der Betonboden, auf den sich alle zum Schlafen drängen, die große Schüssel Essen, die als einzige Mahlzeit mittags zwischen die Häftlinge gestellt wird. Wer zu langsam ist, bleibt hungrig. Und da ist die Angst. Niemand darf etwas wissen.

Hier hat die Regierung Tansanias Im Herbst 2018 eine „Hexenjagd“ auf die LGBTIQ-Community eröffnet: die Fünfeinhalb-Millionen-Stadt Daressalam. (Foto: Tobias Zuttmann)

„Ich wusste, was ich war, aber mir hat das Wort dafür gefehlt: trans.“

Mwamba ist klar, dass die Entdeckung seiner Geschlechtsidentität für ihn gefährlich werden kann, auch außerhalb des Gefängnisses. Dennoch sei es für ihn und andere trans TTI-Mitglieder wichtig, ihren Körper der eigenen Identität anzupassen, sagt er. Doch das ist in Tansania kaum möglich. Wer Geld hat, kommt auf dem Schwarzmarkt weiter. Mit 24 kauft sich Mwamba seine erste Testosterondosis, alle zwei Wochen braucht er eine neue. In manchen Monaten kriegt er die 22.000 Schilling, rund 8,75 Euro, pro Dosis nicht zusammen. Dann fühlt sich sein Körper an wie der eines Fremden.

Das Geld, das Mwamba inzwischen bei Konferenzen im Ausland, durch Fellowships und mit seiner kleinen Hühnerzucht verdient, spart er, um sich irgendwann seine Brüste abnehmen zu lassen. Auch geschlechtsangleichende Operationen gibt es eigentlich nicht in Tansania, aber manchmal findet sich ein Onkologe, der normalerweise Frauen mit Brustkrebs operiert. Wer es sich leisten kann, fliegt für die Operation ins Ausland, nach Südafrika oder Indien.

Auch eine Geschlechtsangleichung auf dem Papier ist in Tansania offiziell nicht möglich. „Aber ich habe entdeckt, dass du in Tansania alles tun kannst, wenn du Geld hast“, sagt Mwamba. Mit umgerechnet rund 20 Euro beziehungsweise 20 Schweizer Franken ließen sich die Behördenmitarbeiter*innen überzeugen, auf Pass, Personalausweis und Geburtsurkunde das F gegen ein M auszutauschen und den Geburtsnamen Bertha zu streichen.

Dank der neuen Dokumente erlebt Mwamba so etwas wie Freiheit. Seit ein paar Monaten hat er eine Freundin. Geht das Paar aus, müssen beide keine Angst mehr vor Polizeikontrollen haben. Mit der angepassten Geburtsurkunde könnte er sie vermutlich sogar heiraten, glaubt Mwamba.

„Wir sind damit zufrieden, uns im Verborgenen zu treffen und uns dort zu lieben, wo uns niemand sieht.“

Die größte Gefahr für trans Personen in Tansania ist ihre Sichtbarkeit. Fällt Menschen auf der Straße auf, dass jemand queer sein könnte, eskaliert die Situation schnell, weiß Mwamba aus eigener Erfahrung. Erst fliegen die Schimpfworte, dann die Gegenstände. „Sie wollen, dass du wütend wirst, sie angreifst, damit sie dich bewusstlos schlagen können“, sagt Mwamba. Die TTI-Mitglieder üben deshalb bei gemeinsamen Treffen in Rollenspielen, wie sie trotz Schikane ruhig bleiben können. Manchmal hilft auch das nicht. Immer wieder werden Mitglieder der LGBTIQ-Community in Hinterhalte gelockt, überfallen und vergewaltigt. Mwamba arbeitet sich deshalb in seiner Lobbyarbeit nicht an den großen LGBTIQ-Themen europäischer Länder ab, sondern bleibt pragmatisch in seinen Forderungen. „Wir brauchen keine gleichgeschlechtliche Ehe“, sagt Mwamba. Von Tansanier*innen wünscht sich Mwamba nicht unbedingt Akzeptanz, aber zumindest Toleranz. „Wir sind damit zufrieden, uns im Verborgenen zu treffen und uns dort zu lieben, wo uns niemand sieht.“

Doch das gesellschaftliche Tabu wiegt schwer. Für viele Tansanier*innen ist alles nichtheteronormative „unafrikanisch“. Dabei sind sowohl die Gesetze zur Bestrafung von gleichgeschlechtlichem Sex als auch die gesellschaftlichen Normen ein Relikt aus Tansanias Kolonialzeit. Bevor erst die Deutschen und dann die Briten das Land in Ostafrika besetzten, hatten verschiedene Volksgruppen fluide Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität. Bei den Massai gab es Transvestiten, beim Volk der Swahili waren homosexuelle Beziehungen zwischen Männern oder Frauen üblich und bis heute gibt es beim Stamm der Kuria „Nyumba Ntobhu“: traditionelle Hochzeiten zwischen älteren und jüngeren Frauen. Präsident John Magufuli vergisst das gerne, wenn er in Wutreden wettert, dass der Westen Drogen und Homosexualität ins Land bringe, die „jede Kuh, jede Ziege ablehnt“. Unter seiner Führung trauen sich Politiker*innen wie Regionalkommissar Makonda, aggressiv homophob zu sein.

Erst als im November 2018 der Druck der internationalen Gemeinschaft auf Tansanias Regierung wächst und Geldgeber Entwicklungszahlungen stoppen, knickt die Regierung ein. Das Außenministerium veröffentlicht eine Erklärung, in der sie das Vorgehen des Regierungskommissars verurteilt. Im Februar 2020 verhängt die US-Regierung zudem ein Einreiseverbot über ihn; er habe sich „schwerwiegender Verletzungen der Menschenrechte“ schuldig gemacht. Dennoch bleibt Makonda noch bis Juli desselben Jahres im Amt, ehe er zurücktritt, um sich für ein Wahlmandat zu bewerben. Die Jagd auf die LGBTIQ-Community ist damit nicht zu Ende. Sie geht im Verborgenen weiter. Und Magufuli selbst wurde bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober 2020 wiedergewählt.

„Sie haben uns nur verhaftet, um uns zu bestrafen. Damit wir aufhören, für unsere Belange zu kämpfen.“

„Die größte Auswirkung hatte das Gefängnis auf meinen Kopf. Mir ging es psychisch nicht gut. Nach meiner Entlassung brauchte ich einfach eine Pause von der Arbeit, um mir klarzumachen, ob ich das wirklich möchte“, sagt Mwamba. An ihm, der seiner selbst und seiner Sache immer sicher war, nagt zum ersten Mal der Zweifel. Bis der Trotz kommt. „Sie haben uns nur verhaftet, um uns zu bestrafen. Damit wir aufhören, für unsere Belange zu kämpfen“, sagt Mwamba. Also macht er weiter, schon aus Prinzip.

2019 zieht er mit seiner Initiative in ein neues Viertel und öffnet ein Gemeinschafszentrum. Das Team organisiert regelmäßig Film- und Spieleabende, wer mag, kann sich im Zentrum treffen oder Sport machen. In Workshops bringen sich die Mitglieder gegenseitig bei, wie man Seife und Spülschwämme herstellt oder einen Betrieb eröffnet, um alternative Erwerbsmöglichkeiten zur Prostitution zu lernen. Seitdem Nachbar*innen Fenster eingeworfen haben, ist das Zentrum mit einer stabilen Eisentür versperrt und verfügt über eine Alarmanlage. Trotzdem sagt Mwamba: „Wir fühlen uns dort sicher.“ Fürs Erste.

Die freien Journalist*innen Astrid Benölken, Tobias Zuttmann, Hannah Lesch und 
Björn Rohwer trafen Mwamba Nyanda auf einer Recherchereise in Tansania.

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