Reportage von der polnisch-ukrainischen Grenze: Auf der Flucht ins Ungewisse

Hunderttausende Menschen aus der Ukraine fliehen nach Polen vor dem Krieg in ihrem Land, vor allem über den Bahnhof Przemyśl. Die Reise ist beschwerlich, die polnische Hilfsbereitschaft hoch. Doch es gibt auch Angriffe rechter Hooligans auf nichtweiße Geflüchtete.

Beschwerliche Weiterreise: Die aus Przemyśl abfahrenden Züge sind völlig überfüllt. (Foto: Lukas Latz)

In Friedenszeiten ist der Bahnhof im polnischen Przemyśl an der Grenze zur Ukraine eine beliebte Filmkulisse. Der Gründerzeitbau der Stadt mit 60.000 Einwohnern hat eine liebevoll restaurierte Bahnhofshalle. Wände und Decke sind mit Stuck verziert; vergoldete Kronleuchter hängen von der Decke. Seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts haben polnische Filmproduzenten Dutzende historischer Filme am Bahnhof und in der Altstadt von Przemyśl gedreht. Zuletzt war der Bahnhof im Jahr 2019 in einer Fernsehserie über Polens Staatsgründer Józef Piłsudski (1867–1935) zu bestaunen.

Seit dem 24. Februar führt Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Seitdem sind es keine Spielfilme mehr, die hier gedreht werden, sondern Nachrichtensendungen. Nach Angaben der örtlichen Lokalzeitung Zycie Podkarpackie kamen die ersten Kriegsflüchtlinge gleich am Nachmittag des 24. Februar in Przemyśl an, rund acht Stunden nach den ersten Luftangriffen durch die russische Armee. Am nächsten Tag war der Bahnhof schon mit aus der Ukraine fliehenden Menschen überfüllt.

Nach Angaben der polnischen Grenzpolizei sind innerhalb der ersten 18 Kriegstage über 1,7 Millionen Menschen aus der Ukraine nach Polen geflüchtet. Und es kommen weitere. Der Bahnhof von Przemyśl ist von der ukrainischen Grenze knapp zehn Kilometer entfernt. Mit seinen fünf Bahnsteigen und einem angrenzenden Busbahnhof ist er sehr klein. Dennoch ist er ein wichtiger Transitpunkt für Flüchtlinge aus der Zen­tral­ukraine, aber auch aus dem nördlichen und östlichen Landesteil. Er ist ein Nadelöhr zwischen Krieg und Frieden.

Zwischen Przemyśl und der westukrainischen Metropole Lwiw gibt es eine direkte Zugverbindung. In den ersten zwei Kriegswochen ist Lwiw von Bombenangriffen verschont geblieben. Auch weil die Stadt mit dem Schienennetz der gesamten Ukraine gut verbunden ist, ist sie eine wichtige Zwischenstation, um alte Menschen, Frauen und Kinder aus dem Land zu evakuieren.

Die Fahrpläne zwischen Przemyśl und Lwiw haben keine Gültigkeit mehr. In Friedenszeiten dauert die Zugfahrt zwischen den ­beiden Städten knapp eine Stunde – einschließlich der Zeit, die für die Grenzkontrolle gebraucht wird. Seit Kriegsbeginn benötigt man um ein Vielfaches länger.

Überangebot an Helfern

Eine in Przemyśl angekommene Ukrainerin erzählt, sie habe gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren zwei Kindern am Bahnhof von Lwiw zwölf Stunden gewartet. Innerhalb dieser zwölf Stunden habe sich die Warteschlange langsam vom Bahnhofsvorplatz über das Bahnhofsgebäude bis auf die Bahngleise bewegt. Der überfüllte Zug brauchte für die 90 Kilometer lange Strecke fast 18 Stunden. „Von 13.30 Uhr am Nachmittag bis um sieben Uhr morgens“, sagt die Frau, die ihren Namen nicht nennen will. Bei der Ankunft in Przemyśl verteilen freiwillige Helferinnen und Helfer Kinderwagen, die in den vollgestopften Zügen und Bussen niemand hatte mitnehmen können. „Ich musste heulen, als ich in Polen angekommen bin und die Helfer uns einen Kinderwagen für meinen Enkel gebracht haben“, erzählt die Mutter der Frau.

Die meisten Freiwilligen sind über den Zwiazek Harcerstwa Polskiego, den mitgliederstarken polnischen Pfadfinderverband, organisiert. Sie übersetzen, weisen den Weg, packen Essenspakete und helfen bei der Vermittlung von Mitfahrgelegenheiten. Tierschützer helfen bei der Verpflegung der vielen Haus­tiere, die die Geflüchteten in kleinen Transportboxen mitgebracht haben.

Auf dem Weg vom Gleis zur Bahnhofshalle können sich Flüchtende kostenlose Sim-Karten mit einem Startguthaben abholen. Auch die Weiterfahrt mit der polnischen Bahn, mit Fernbussen oder mit Nachtzügen nach Prag ist kostenlos. Auf dem Bahnhofsvorplatz stehen viele Freiwillige, die Flüchtende in Autos oder Kleinbussen nach Zen­tralpolen oder weiter nach Deutschland, Frankreich, Italien oder in die Länder des Baltikums fahren.

Am Wochenende des 5. und 6. März übersteigt die Menge an Helferinnen und Helfern den Bedarf. Am jenem Sonntag ist Jacek Płaza aus Krakau nach Przemyśl gekommen. Er packt Essens- und Kleiderpakete. In einer Zigarettenpause erzählt er, dass viele seiner Kollegen gerade in der Region seien. „Mein Chef hat mich gerade angerufen“, sagt er, „er ist an einen Grenzübergang gefahren und wurde von dort wieder weggeschickt. Sie haben ihm gesagt, dass sie zu viele Helfer haben. Auch an den anderen drei Grenzübergängen, die in der Region sind, werden keine Helfer mehr gebraucht.“

Trotz der guten Organisation reicht der Platz, den der Bahnhof bietet, kaum aus für die durchreisenden Menschenmassen. In der Bahnhofshalle herrscht dichtes Gedränge. An drei von sechs Fahrkartenschaltern wurde die Glasfront entfernt. Dort reichen Freiwillige den Menschen nun abgepackte warme Mahlzeiten und Wasserflaschen. Klebeband auf dem Boden der Bahnhofshalle markiert notdürftig eine Ruhezone. Dort sitzen alte Frauen auf Stühlen, Kinder versuchen zu schlafen. Fast alle Kinder halten ein Stofftier in der Hand. In den Spendensammelstellen liegen Stofftiere in großer Zahl bereit.

Im Wartesaal wurden die Sitzbänke durch Feldbetten ersetzt. Er bietet ein Minimum an Privatsphäre, die Möglichkeit, sich umzuziehen und sich aufzuwärmen. In der Unterführung, die zu den Bahnsteigen führt, sitzen Familien auf ihren Koffern und Reisetaschen und warten auf einen Anschlusszug. Der beheizte Wartesaal des Busbahnhofes ist tagsüber bis auf den letzten Sitzplatz gefüllt. Vor dem Eingang zur Toilette steht eine dicht zusammengerückte Schlange.

Unter den anwesenden Menschen trägt vielleicht eine von 100 Personen eine Maske. Dass auf den Fluchtrouten viele ältere Menschen und schwangere Frauen einer hohen Covid-19-Virenlast ausgesetzt werden, ist unvermeidbar.

Angriff von rechts

Ein weiteres Gesundheits- und Sicherheitsrisiko sind gewaltbereite Hooligans. Eine Woche nach Kriegsbeginn kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen in Przemyśl. Der Anlass: Am Vortag hatte eine Person am Grenzübergang Medyka den Verkäufer in einem Lebensmittelladen mit einem Messer angegriffen. Tags darauf wurde ein 47 Sekunden langes Video, das angeblich den Angriff aus der Perspektive einer Überwachungskamera zeigt, mindestens 900-mal auf Facebook geteilt. Möglicherweise war das Video Teil einer gezielten Desinformationskampagne. IBIMS, ein polnisches In­stitut für Internet- und Social-Media-Forschung, meldete seit Kriegsbeginn eine erhöhte Aktivität von verdächtigen Accounts. In einer ersten Etappe sei ein Ziel der Desinfomationskampagnen „die Schaffung von gewalttägigen ­Anomalien“, heißt es in einer Publikation des Instituts.

Viele tragen mehrere Jacken übereinander, weil sie stundenlang bei Temperaturen um den Gefrierpunkt warten müssen. (Foto: CNRS)

Ob das Video tatsächlich den Überfall in Medyka zeigte, ist unklar. Doch dass der Angriff stattgefunden hat, ist dokumentiert. Gegenüber der regionalen Nachrichtenseite Nowiny24.pl be­stätigte die Polizei in Przemyśl einige Tage später, dass der Tatverdächtige in Untersuchungshaft sitze. Der Täter sei etwa 30 Jahre alt und „dunkelhäutig“, heißt es in der Polizeistellungnahme.

Rechte Hooligans nahmen das Facebook-Video zum Anlass, um Menschen anzugreifen und einzuschüchtern. Am Abend des 1. März war Dario Planert in Przemyśl. Er organisierte die Weiterfahrt von Geflüchteten in Kleinbussen. „Da waren einige Dutzend sehr unangenehme, aggressiv auftretende Männer in North-Face-Jacken, die sich in Gruppen um den Platz vor dem Bahnhof, aber auch durch die ganze Stadt bewegt haben“, sagt Planert. Die Hooligans griffen an jenem Abend drei schwarze Menschen körperlich an und verletzten sie.

Den am Bahnhof wartenden Flüchtlingen aus der Ukraine stehen der Schmerz, die Erschöpfung und die Angst ins Gesicht geschrieben. An vielen Ecken liegen sich Menschen weinend in den Armen. Viele Frauen tragen mehrere Jacken übereinander, weil sie stundenlang bei Temperaturen um den Gefrierpunkt warten müssen. Unter den Umständen am Bahnhof sind nur wenige Menschen bereit zu erzählen, wie sie hierhergekommen sind. „Es ist schwer zu sagen, wie ich mich fühle“, sagt Katja aus Kyjiw. „Ich bin froh, dass wir hier sind. Aber meine Eltern leben in Sumy. Zum Glück gibt es dort noch Wasser und Strom. Bis jetzt konnten wir jeden Tag miteinander sprechen. Aber sie können von dort nicht mehr weg.“

Zum Zeitpunkt des Gesprächs mit Katja, am 7. März, liegt Sumy, die Hauptstadt der gleichnamigen Region, an einer Frontlinie im Nordosten. Nach Berichten der ukrainischen Nachrichtenagentur Unian greifen russische Kampfflugzeuge die Stadt an. Fast täglich warnte die ukrainische Armee davor, dass Straßenkämpfe in der Stadt drohten und die Bürgerinnen und Bürger daher nicht aus dem Haus gehen sollten. Mehrere Bürgermeister in der Region warnen davor, die Gegend mit dem Auto zu verlassen, weil das russische Militär auf die Fahrzeuge schieße und sie beschlagnahmen wolle. Eine Evakuierung sei daher zu riskant. Ukrainischen Regierungsvertretern zufolge seien die Angriffe auf Sumy am Wochenende vom 12. und 13. März zurückgegangen, da sich die russischen Streitkräfte neu ordnen müssten. In Bus­kolonnen konnten rund 8.000 Menschen aus Sumy evakuiert werden.

Katja sagt, sie sei aus Kyjiw nach Lwiw mit einem Zugmodell gefahren, das normalerweise nur für Kurzstrecken eingesetzt wird, einem elektrischen Triebwagen. Für die Evakuierung setzt die ukrainische Eisenbahn alle Züge ein, die sie auftreiben kann. „Wir sind zwölf Stunden mit einer Elektritschka gefahren“, sagt Katja. „Während der ganzen Zeit hatten wir keine Möglichkeit, auf die Toilette zu gehen. In Lwiw ist es uns erst am zweiten Tag gelungen, die Stadt zu verlassen. Jetzt warten wir auf den Zug nach Katowice. Von dort holen uns Bekannte aus Tschechien ab, bei denen wir erst einmal bleiben können.“

Beschwerliche Flucht

Tanja und ihre Tochter Alina kommen aus Kropywnyzkyj in der Zentral-
ukraine. „Wir haben eine Militärbasis in der Stadt“, erklärt Tanja. „Gleich am ersten Tag, am 24. Februar, hat die russische Armee diese Basis bombardiert. Wahrscheinlich mit Drohnen, sagen die Leute. Denn niemand hat das Dröhnen von Fliegern gehört. Es kamen auch Saboteure in die Stadt. Deswegen gab es eine längere Sperrstunde. Niemand durfte das Haus verlassen. Eine Zeitlang ging alle zwei Stunden der Fliegeralarm los.“ Sie arbeite als Köchin in einer Schule, unter dieser ­befinde sich der Luftschutzbunker. „Dort haben wir uns immer versteckt. Meine Tochter wollte schon gar nicht mehr aus dem Bunker heraus. Als wir wegfahren wollten, gab es schon keine Busse und Züge mehr. Wir sind erst nicht weggekommen. Dann haben uns Bekannte aus Saporischschja angerufen. Sie sind mit dem Auto in Richtung Polen gefahren und haben gefragt, ob sie bei uns übernachten können. Wir sind dann mit ­ihnen mitgefahren“, erzählt sie weiter. Nach einer langen und beengten Reise seien sie in Polen angekommen und hätten sich hinter der Grenze getrennt. „Alina und ich fahren jetzt nach Warschau. Mein Mann arbeitet in Portugal. Er fliegt jetzt nach Warschau und holt uns morgen dort ab“, so Tanja. Sie habe noch eine 32-jährige Tochter und einen 26-jährigen Sohn, die als Ärzte arbeiteten und deswegen in der Ukraine geblieben seien, da sie gebraucht würden.

Natalia und Irina sind mit ihrer Mutter aus Dnipro gekommen. „Dnipro ist nicht weit weg von Saporischschja und dem gleichnamigen Atomkraftwerk bei Enerhodar, das die russische Armee angezündet hat“, sagt Natalia. Am 3. März kam es zu einer Schlacht auf dem Gelände des Atomkraftwerks, ­dabei ist ein Feuer auf dem Gelände ausgebrochen, das im Laufe des Tages gelöscht wurde. „Aus Dnipro sind wir 24 Stunden lang mit einer Elektritschka nach Lwiw gefahren“, so Irina. „Die Wagen waren so voll, dass es nicht für alle Sitzplätze gab. Zum Teil mussten Kinder während der ganzen Fahrt ­stehen.“ Auch in Lwiw gibt es zahlreiche Freiwillige, die Ankommenden eine Unterkunft anbieten und kostenlose Busse, die nach Medyka an die Grenze fahren. „Wir haben in einem Bus zwölf Stunden an der Grenze gewartet. Es gibt Familien, die mit kleinen Kindern zehn Kilometer oder mehr zu Fuß bis zur Grenze laufen“, erzählt sie. Nun führen beide nach Wrocław zu Irinas Sohn, wo sie vorerst wohnen könnten. Natalia fügt hinzu: „Schreiben Sie, dass wir Opfer von Putin sind. Und Opfer der Europäischen Union, weil sie sich weigert, eine Flugverbotszone über der Ukraine zu er­klären.“

Auch die Weiterreise wird für die ­Geflüchteten beschwerlich. Die aus Przemyśl abfahrenden Züge sind mindestens bis Warschau beziehungsweise Krakau völlig überfüllt. Selbst in den Übergängen zwischen den Wagen, in denen kalter Durchzug herrscht, stehen in der Regel zwei bis drei Menschen. Neben der Enge stresst viele Reisende die Ungewissheit. Ein älteres Ehepaar wartet am Gleis auf einen Zug nach Warschau. Sie kommen aus Charkiw. Die 1,4 Millionen Einwohner zählende Stadt war bereits in der ersten Kriegswoche schweren Bombenangriffen auf zivile Infrastruktur ausgesetzt. Kurzzeitig drangen auch russische Soldaten in die Stadt ein. Die beiden Rentner sind mit einer gemeinsamen Reise­tasche unterwegs. Sie hätten zwei Tage gebraucht, um bis nach Przemyśl zu kommen. Jetzt führen sie weiter nach Warschau. Dort stünden sie vor dem Nichts. Sie seien noch nie dort gewesen, hätten dort weder Verwandte noch ­Bekannte.

Im dicht gedrängten Zug von Przemyśl nach Szczecin (Stettin) schweigen die meisten Menschen. Viele Mütter und Großmütter müssen ihre völlig ermüdeten Kinder und Enkel trösten. Diejenigen, die etwas ausgeruhter sind, diskutieren darüber, wann der Krieg enden werde und sie zurückkehren könnten. Sie sorgen sich um die ukrainischen Soldaten. „Eine Freundin von mir arbeitet für die Lebensmittelversorgung der Militärstützpunkte in Charkiw“, erzählt eine Frau. „Nach den ersten Bombenangriffe ist sie zu einer ­Militärbasis gefahren, die schwer getroffen wurde. Als sie dort angekommen war, hieß es, dass es dort allein 400 Verletzte gab. Zu dem Zeitpunkt war noch nicht klar, wie viele Tote. Unsere Regierung macht nicht öffentlich, wie viele von unseren Soldaten wirklich sterben.“


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