Roman über Russland: Grotesker Albtraum

Mit dem Roman „Doktor Garin“ hat der russische Autor Wladimir Sorokin einmal mehr ein dystopisches Szenario entworfen, das viel über die Mentalität der Menschen im heutigen Russland unter Wladimir Putin erzählt und zugleich mit urkomischen Elementen unterhält.

Lebt seit 2022 in Deutschland im Exil und hat zusammen mit anderen Autor*innen dazu aufgerufen, die „Wahrheit über die russische Aggression gegen die Ukraine zu offenbaren“: der russische Autor Wladimir Sorokin. Foto: Maria Sorokina

Gibt es die Guten und die Bösen? Diese Frage stellt das deutsche „Philosophie Magazin“ in seiner neuesten Ausgabe. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und das Unterdrückungssystem von Russlands Präsident Wladimir Putin verleiten sicherlich dazu, genau diese Frage wieder mal aufzuwerfen, die in alten Hollywoodstreifen regelmäßig mit „ja“ beantwortet worden ist.

Die Einteilung in Gut und Böse, in Freund und Feind hilft jedoch nicht, wenn man die innere Struktur einer Diktatur in Betracht zieht. Spätestens dann wird aus dem knallharten Schwarzweiß-Kontrast in vielerlei Hinsicht ein Grau in Grau. Der russische Schriftsteller Wladimir Sorokin hat während der ersten Hälfte seines Lebens diese Erfahrung im alten Sowjetsystem gemacht. Daraus sind in der Vergangenheit wunderbare Grotesken entstanden – einer literarischen Form, die zur Domäne der russischen Literatur vor, während und auch nach dem real existierenden Sozialismus gehört; erinnert sei an Autoren wie Daniil Charms und Michail Bulgakow.

Doch auch die russische Gegenwart kann Sorokin literarisch erfassen. Ihm gelingt es, sie regelrecht zu dekonstruieren. Schließlich hat er fast das gesamte vergangene Vierteljahrhundert unter Putins Herrschaft in Russland verbracht. Für einen kritischen Schriftsteller und politischen Oppositionellen wie ihn ist dieser Zustand irgendwann nicht mehr zu ertragen gewesen. Er hat diesem grotesken Albtraum eine literarische Form gegeben: mit dem kürzlich auf Deutsch erschienenen Roman „Doktor Garin“.

Jede Kritik am System Putin kommt in Russland gegenwärtig einem Schritt in Richtung Straflager gleich. Zwar gehört der 1955 in Moskau geborene Sorokin zu den populärsten Autoren der russischen Gegenwartsliteratur. Vor politischer Verfolgung ist er deshalb längst nicht gefeit. Vielmehr gehört er auch zu den meistgehassten Schriftstellern des Landes. Sein jüngster, noch nicht auf Deutsch erschienener Roman „Das Erbe“ wurde vor wenigen Tagen in Russland aus dem Verkehr gezogen. Er selbst wird als „pornographischer Traditionszertrümmerer“, „schreibender Lustmolch“ sowie als „Fall für die Psychiatrie und weniger für die ernsthafte Literaturkritik“ beschimpft. Das ist für Sorokin, der seit 2022 mit seiner Familie in Deutschland lebt, nicht neu.

In den 1970er-Jahren bewegte sich der studierte Petro-Chemiker im künstlerischen Untergrund von Moskau. Bereits seine frühen Werke provozierten mit Themen wie Gewalt und Obszönitäten, Folterungen und Kannibalismus. Sie richteten sich gegen die offizielle sowjetische Literatur des sozialistischen Realismus. So konnte er zunächst nur außerhalb der Sowjetunion veröffentlichen, zum Beispiel den Roman „Die Schlange“ (1985), bestehend aus Gesprächsfragmenten von Menschen in einer Warteschlange.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion konnte er auch in Russland publizieren. Zwar wurde beispielsweise der Roman „Der himmelblaue Speck“ (1999) schnell populär, doch die kremlnahe Jugendorganisation „Iduschije Wmestje“ (dt. „Die Zusammen Gehenden“) verwickelt Sorokin und seinen Verlag in einen Prozess wegen „Verbreitung von Pornografie“. In der Tat provozieren seine Romane und brechen sämtliche Tabus, doch beschreiben sie auch den Alltag der postsowjetischen Gesellschaft sowie deren emotionalen und humanen Verfall. Das wirft auch ein Licht auf die Haltung vieler Russen zum Krieg ihres Landes gegen die Ukraine.

Sorokin erzeugt in seinen Romanen ein eigenes fantastisches Universum. So wie Putin sich lange Zeit in seinen öffentlichen Auftritten präsentierte, mit freiem Oberkörper zu Pferde oder in der Montur eines Eishockeyspielers, wechseln auch die Subjekte in Sorokins Romanen ihre Gestalt, werden Riesen, Zwerge oder andere Fabelwesen. Der Autor macht übrigens kein Geheimnis daraus, dass der Ursprung seiner schriftstellerischen Tätigkeit nicht in der fantastischen Literatur, sondern in erotischen Geschichten liegt. Schon für seine Mitschüler habe er sie verfasst und sogar an diese verkauft.

Garin kommt in eine Strafkolonie, wo die Häftlinge Smartphones aus Holz nachbauen müssen, die dann verbrannt werden.

Auch in „Doktor Garin“ schildert er sexuelle Exzesse. In dem im Jahr 2050 spielenden Roman taucht ein alter Bekannter aus einem Vorgängerroman wieder auf: Eben jener Doktor Platon Garin, der in „Der Schneesturm“ (2012 auf Deutsch erschienen) beide Beine verloren hat, geht auf Prothesen aus Titan durch die Flure eines Nobelsanatoriums, wo sich gegenwärtige und frühere Spitzenpolitiker erholen. Letztgenannte verfügen über keine Geschlechtsmerkmale mehr. Die Patienten mit Politprominentenstatus sind zu genmanipulierten Wesen in Form von Hintern mit Mund, großen Augen und dünnen Armen degeneriert. Sie sind nichts mehr als alberne Karikaturen, die sich Furzwettbewerbe liefern und anale Elektroschock-Behandlungen erhalten.

Einer der „Ex-Staatsärsche“ ist Donald. Er hat einen riesigen Mund mit „wulstigen Lippen, eine Art flache Nase mit Nasenlöchern und weit auseinanderstehenden, durchaus schönen Augen, etwa fünfmal so groß wie normale menschliche Augen“. Neben Angela Merkel, Donald Trump und Silvio Berlusconi tauchen Emmanuel Macron sowie natürlich Wladimir Putin auf, der ständig mantraartig „ich war’s nicht“ sagt. Allesamt werden nur mit Vornamen genannt und nicht in vertrauter Erscheinung, sondern modifiziert dargestellt. Sie wetteifern in ihrer Flatulenz und bekommen ab und zu Stromstöße ab. Sorokin dokumentiert dabei seine Meisterschaft in variantenreicher Fäkalsprache.

Die bunte Truppe wird durch eine kasachische Atombombe zur Flucht gezwungen, landet in einer Anarchisten-Kolonie und auf einem Gutshof. Der Leser kann ihrem Schicksal folgen. Garin kommt in eine Strafkolonie, wo die Häftlinge Smartphones aus Holz nachbauen müssen, die dann verbrannt werden. Später wird er zu einer Art Wunderheiler, während Putin sein Fett abbekommt: „Zuerst erklang ein dumpfes Grunzen, das rasch in ein drohendes Knurren überging, sich in ein lautes Knattern verwandelte und noch mal und noch mal knatterte, bis diesem gepflegten Hintern plötzlich ein Zischen entfuhr, in dem man einzelne Laute ausfindig machen konnte, die an ein menschliches Flüstern erinnerten, aber dieses Zischen wurde immer schauerlicher, nahm kein Ende und versiegte so lange nicht, bis alle am blauen Tisch wie betäubt waren.“

Als Chefarzt und berühmter Psychiater entwickelt Doktor Garin eine neue Behandlungsmethode, den sogenannten psychiatrischen Hypermodernismus. Die Kur erfolgt mittels einer Gummikeule, auch wenn Wladimir ein ums andere Mal die Worte „Ich war es nicht“ ruft.

Krieg ist in der Realität des Romans längst wieder zum Alltag geworden. Doch es geht nicht mehr um Ideologien und Utopien, sondern um neoliberale Egoismen, kombiniert mit archaischen Vorstellungen. Schon in dem 2015 auf Deutsch erschienenen Roman „Telluria“ hat Sorokin eine Dystopie entwickelt, die in der Mitte des 21. Jahrhundert spielt: Eurasien ist in Kleinstaaten zerfallen und Russland in Tiefschlaf versunken. Die Bergrepublik Telluria wird zum Sehnsuchtsort für viele, weil es dort die Droge Tellur gibt.

„Doktor Garin“ ist im Original bereits 2021 erschienen. Doch düsterer könnte die dort entworfene Zukunftsvision auch angesichts der seitherigen Ereignisse nicht sein. Atombomben und -pilze sind zur Normalität geworden; aus den einstigen Supersoldaten, die in der Sowjetunion hätten gezüchtet werden sollen, sind „Zottelorks“ geworden, die in einem Sumpfgebiet leben und kultisch ihre Smartphones verehren. Eine Gruppe Anarchisten lebt in einem mit Stacheldraht umzäunten Lager, „um die Reinheit der anarchistischen Idee vor äußeren Gräueln zu beschützen“.

Auf seiner Odyssee trifft Doktor Garin auf verschiedene Lebensweisen und Gesellschaftsentwürfe, als zöge er durch ein Museum der Ideologien.

In einer Stadt angekommen, wird Garin von seinen Begleitern getrennt. Während die Stadt beschossen wird, kann er sich im Bademantel aus einem einstürzenden Haus retten. Von da an beginnt seine Reise durch die weiten Wälder und Sümpfe Sibiriens. Einen großen Teil der Reise treibt er auf dem Fluss Ob. Auf seiner Odyssee trifft er auf verschiedene Lebensweisen und Gesellschaftsentwürfe, als zöge er durch ein Museum der Ideologien.

Doch Garin lernt nichts auf seiner Reise. Er hat keinen Erkenntnisgewinn, es gibt keinen Fortschritt bei ihm. Als Identifikationsfigur eignet er sich nicht. Er verlässt sich darauf, dass alles schon irgendwie werden wird und steht dabei für die Einstellung vieler Einwohner des heutigen Russland, die sich vor der Realität der Kriegsverbrechen und der Repressionen in die Passivität flüchten. Leid wird eher hingenommen statt bekämpft. „Awós“ heißt ein russisches Wort, das diese Lebenseinstellung benennt. Es ist in unübersetzbares Wort, das eine Haltung zwischen Fatalismus und Ignoranz ausdrückt. Eine Fügung des Schicksals wird es schon richten.

Sorokins Roman richtet sich sowohl auf die Vergangenheit als auch auf die Zukunft. So hat der Auto nicht mit Verweisen auf die russische Literatur des 19. Jahrhunderts gespart. Zusammen mit der von ihm entwickelten grotesken Science-Fiction-Vision, in der Doktor Garin eine Art Don Quijote auf der Reise durch eine dem Untergang geweihte Welt ist, hat der Autor daraus einen Stilmix entwickelt, der sich gut liest. Äußerst gelungen ist übrigens auch die Übersetzung ins Deutsche von der Paul-Celan-Preisträgerin Dorothea Trottenberg. Manches in dem Roman ist urkomisch, anderes irritiert. Immer aber ist er unterhaltsam.

Wladimir Sorokin: Doktor Garin. Kiepenheuer & Witsch, 592 Seiten.

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