Im Stream: Katla

Die isländische Nordic-Noir-Serie „Katla“ bringt zwar einiges an Themen zusammen und ist auch atmosphärisch bewegend, die Idee dahinter ist jedoch alles andere als neu.

Schatten aus dem Gletscher, die menschlich erscheinen mögen, es aber wohl
nicht sind … (©FR_tmbd)

In Vik i Myrdal, dem südlichsten Ort Islands, ist seit einem Jahr nichts mehr, wie es war. Die „Bucht am sumpfigen Tal“ leidet unter einem Jahrhundertausbruch des Gletschervulkans Katla, der einfach nicht aufhören will. So bleiben in der Kleinstadt nur noch Forscher*innen, der Dorfpolizist samt Familie, eine Bauernfamilie, die nicht aufgeben will, eine Hotelverwalterin und ein Mechaniker. Das Leben im ständigen Ascheregen fordert nicht nur gesundheitliche Tribute, das Abgeschnittensein schlägt auch aufs Gemüt – um nach Vik zu kommen, ist ein offizielles Dokument nötig. Hinzu kommt, dass die Außenwelt sich schon lange nicht mehr für das Schicksal der Einwohner*innen interessiert: „Die wollen nur wissen, wo die Asche hinbläst, um zu entscheiden, ob sie nach Florida oder nach Thailand fliegen“, fasst es der Dorfpolizist Gisli zusammen.

Doch dann passieren merkwürdige Dinge in Vik: Eine nackte Frau taucht mitten aus einer Rauchwolke auf, völlig unterkühlt und von Kopf bis Fuß verdreckt. Im Krankenhaus stellt sie sich als Gunhild Ahlberg vor und behauptet, im einzig verbliebenen Hotel zu arbeiten. Es stellt sich heraus, dass es wirklich eine Schwedin dieses Namens gab, die dort arbeitete – vor über 20 Jahren. Als Gisli versucht in Schweden nachzuforschen, findet er eine andere Gunhild Ahlberg: Dieselbe Frau mit derselben Vergangenheit, nur zwei Jahrzehnte älter.

Nach und nach tauchen andere Menschen aus dem Gletscher auf, wie zum Beispiel Asa, die Schwester der Bäuerin Grima, die seit dem Versuch, Tourist*innen vor dem Ausbruch ein Jahr zuvor zu retten, vermisst wird. Grima, die den Verlust ihrer kleinen Schwester nicht verkraften konnte und trotz Einweisung in psychiatrische Behandlung nach Vik zurückkehrt war, ist zuerst überglücklich, sie wiederzuhaben. Diesem Gefühl folgen aber die Zweifel, ob es sich bei dieser Person wirklich um Asa handeln kann. Die Erinnerungen sind die gleichen, sogar intimste Details kennt die Gletscher-Schwester – trotzdem scheint irgendetwas nicht zu stimmen. Als die beiden dann noch eine Leiche unter der Forschungsstation entdecken, die ihr verblüffend ähnlich sieht, geraten Dinge in Gang, von denen niemand dachte, dass sie möglich wären.

Die acht Episoden der ersten Staffel der Serie von Baltasar Kormákur und Sigurón Kjartansson feierten erst Mitte Juni ihre Netflix-Premiere. Die Erwartungshaltung war entsprechend hoch, gilt Kormákur doch als isländischer Starregisseur seit seinem 2000er Debütfilm „101 Reykjavik“. Und es stimmt, wohl niemand sonst hätte die erstickende Atmosphäre, die Rauheit der Landschaft und die Resilienz der Figuren so gut einfangen können, ohne ins Pathetische abzugleiten.

Trotzdem sind die meisten Figuren nie wirklich zu Ende gezeichnet und manchen fehlt es einfach an Tiefe. Verschiedene ziemlich dramatische Entscheidungen, die im Verlauf der Serie getroffen werden müssen – frischgebackene Eltern sollten sowieso nicht darauf setzen, mit „Katla“ einen gemütlichen Netflix-Abend zu verbringen –, kommen aus dem Nichts oder entsprechen nicht den vorher langwierig aufgebauten Spannungsbögen.

Hinzu kommt, dass die Idee hinter „Katla“ doch sehr einer französischen Serie mit dem Namen „Les Revenants“ ähnelt, in deren Setting Verstorbene und Verschollene aus dem Nichts auftauchen. Auch wenn das Setting in Frankreich nichts mit der erstickenden Vulkan-Atmosphäre zu tun hat, sind die Parallelen dann doch zu frappierend, um an dieser Stelle nicht darauf hinzuweisen. Wenigstens scheint es, als ob die Serie wohl eher nicht weitergeführt wird – einen Cliffhanger haben Kormákur und Kjartansson nicht eingebaut.

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