Schüler*innen die allernötigste Unterstützung bieten

Sozio-ökonomisch benachteiligte Kinder leiden besonders stark unter der aktuellen Krise. Die zurzeit vorgesehenen Unterstützungsmaßnahmen reichen kaum, um das auszugleichen.

© Mohamed Mahmoud Hassan / publicdomainpictures.net

Hätten wir vor einem Jahr von dieser Krise gewusst, hätten wir im Budjet 2020 ausreichend Mittel vorgesehen und würden jetzt über die nötige Ausstattung verfügen, um jedem Schüler ein geeignetes Gerät mit nach Hause zu geben“, versicherte Bildungsminister Claude Meisch in einer Pressekonferenz zum weiteren Verlauf des Schuljahrs am vergangenen Donnerstag.

Es gibt unzählige Erklärungen dafür, weshalb zurzeit nicht alle Schüler*innen mit einem Laptop ausgestattet sind und über eine stabile Internetverbindung verfügen. Hätte Meisch geantwortet, dass zurzeit nicht ausreichend Geräte zur Verfügung stehen oder die Bemühungen, um jedem Kind einen Internetzugang zu garantieren, auf Hochtouren laufen, wäre dies eine durchaus nachvollziehbare Antwort gewesen. Dass sich Bildungsminister Claude Meisch am Donnerstag alllerdings stattdessen darauf hinwies, dass die Krise nicht vorhersehbar gewesen sei, macht dann schon etwas stutzig, konnten doch in anderen Bereichen trotz aller Unvorhersehbarkeit durchaus hohe Geldsummen locker gemacht werden.

Wir sind mitten in einer Krise und Perfektion zu erwarten, würde uns alle überfordern. Wir können nur verlangen, dass jeder sich bemüht, das Beste aus der aktuellen Situation zu machen“, erklärte Meisch weiter. Von Perfektion hat allerdings niemand gesprochen. Es geht schlichtweg darum, weniger priviligierten Schüler*innen das Homeschooling zu erleichtern

Dabei hatten vorangehende Aussagen des Ministers darauf hingedeutet, dass er sich der unterschiedlichen Voraussetzungen, mit denen die einzelne Schüler*innen in der aktuellen Homeschooling-Phase zu kämpfen haben, durchaus bewusst ist und entsprechend darauf zu reagieren gedenkt. So sollen Schüler*innen, die zuhause nicht über die für den Heimunterricht notwendigen Bedingungen verfügen, zusätzliche Unterstützung erhalten. In besonderen Fällen erhalten Schüler*innen sogar Zugang zu Schulgebäuden und können etwa von den dortigen PCs Gebrauch machen. Umso überraschender, dass der Minister als es um technische Geräte und Internetzugang ging, plötzlich in die Defensive ging.

Was die Ausführungen des Ministers zudem vermissen ließen war eine Kenntnisnahme der psychischen Belastung, die die aktuelle Situation für viele Kinder bedeutet. Es ist nun mal nicht so, dass Schüler*innen sich lediglich auf digitales Lernen umstellen müssen. Dass Klassendynamik und Lehrer*innenpräsenz wegfallen, und gegebenenfalls neue technische Kompetenzen erworben werden müssen, ist nur ein kleiner Teil dessen, womit Kinder und Jugendliche zurzeit zurecht kommen müssen. Sie dürfen keinen Realkontakt mit ihren Freund*innen haben, dürfen manchen ihrer Hobbies nicht mehr nachgehen, manche sind einem psychisch oder physisch gewalttätigen Elternteil ausgesetzt und auch die Ungewissheit, wie lange der Lockdown noch anhalten wird, dürfte sich zusätzlich belastend auswirken. Ebenfalls zu wenig bedacht wird, dass manche Schüler*innen nicht nur materiell benachteiligt sind und wenig bis keine schulische Unterstützung von ihren Eltern erhalten: Manche verfügen darüber hinaus über eine unzureichende psychologische und emotionale Betreuung.

Viele dieser Problematiken existierten bereits vor Corona, manifestieren sich nun jedoch in verstärkt. In einem Schreiben warnt die Caritas vor der emotionalen Vernachlässigung, die manchen Kindern aktuell droht. Es ist die Rede von der zusätzlichen Belastung, die durch „Schoul doheem und Vakanz doheem (…) Schaffen doheeem, Chômage doheem, Angscht vor dem Virus doheem“ entsteht. Caritas warnt zudem vor einer Über-Virtualisierung und der erhöhten Gefahr für Opfer sexualisierten, physischen oder psychischen Missbrauchs zu werden.

In Anbetracht dessen, ruft die NGO unter anderem die Gemeinden dazu auf, sozio-ökonomisch benachteiligte Familien zu unterstützen, indem bedürftigen Schüler*innen Hardware und Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt werden. Caritas fordert zudem Beratungsstellen aufzustocken und zusätzliches Personal mit der Identifizierung und Betreuung von Missbrauchsopfern zu beauftragen.

Die aktuellen Bemühungen des Ministeriums gehen in die richtige Richtung, defensive Verweise auf die Plötzlichkeit der Krise helfen jedoch niemandem. Ein Anspruch auf Perfektion besteht zurzeit keineswegs. Auf die nötigsten Bedinungen für diejenigen, die am meisten Schutz bedürfen, aber durchaus.


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