Science-Fiction/Thriller: Beforeigners

Die norwegische Serie „Beforeigners“ lässt gerade den deutschen Feuilleton-Blätterwald ordentlich rauschen. Grund genug für die woxx, die sechs Folgen der ersten Staffel auch zu bingen.

Wenn Steinzeit und 19. Jahrhundert aufeinandertreffen ergeben sich interessante Perspektiven … (© FR_tmbd)

Im Fjord vor der Osloer Oper gehen seltsame Dinge vor sich: Nach heftigen Blitzgewittern unter Wasser tauchen auf einmal Menschen auf, die nicht nur wie Wikinger aussehen, sondern auch offensichtlich welche sind. So viel verrät der Trailer zu „Beforeigners“, deren richtige Handlung erst einige Jahre später anfängt. Inzwischen sind die Ankömmlinge aus der Vergangenheit ein weltweites Phänomen geworden, täglich kommen Hunderte an und das nicht nur aus dem 9. Jahrhundert, sondern zusätzlich noch aus der Steinzeit und aus dem 19. Jahrhundert.

Dies bringt natürlich Integrationsprobleme mit sich. Wie soll man Steinzeitmenschen verbieten, in den Parks nach Tieren zu jagen, wie den christlichen Wikingern Multikulti beibringen oder den Männern aus dem 19. die Züchtigung von Frauen und Kindern austreiben? Im Kontext der sehr offenen Gesellschaftspolitik der Skandinavier*innen sprießen bei diesem Gedankenexperiment ein paar urkomische Triebe. Die Wikinger betreiben eine Menge Bars und Clubs, in denen Met gesoffen wird, und haben die Technomusik, versetzt mit nordischen Klängen, für sich entdeckt. Ansonsten arbeiten sie als Handwerker*innen oder für Fahrradlieferdienste. Die Paläos aus der Steinzeit sind meistens Sozialhilfeempfänger*innen, schlagen sich aber auch als Drogendealer*innen nicht schlecht. Und die 19. Jahrhundertler*innen gründen eigene Kolonien in den Städten, arbeiten teilweise als Lehrer*innen oder Journalist*innen. Und natürlich schleppen die Zeitmigrant*innen eigene, längst vergangene Konflikte mit sich – und werden von den Jetztzeitler*innen angefeindet.

So ergibt es durchaus Sinn, dass die Polizei sich bemüht, sie in ihren Dienst zu integrieren. Die Serie verfolgt die ersten Arbeitstage der Wikinger-Migrantin Alfhildr Enginnsdòttir (was so viel heißt wie „Niemandstochter“) im Dienst. Ihr Partner ist der ziemlich ausgebrannte Kommissar Lars Haaland – zusammen müssen sie den Mord an einer vermeintlichen Steinzeitfrau aufklären. Der Fall entwickelt sich dann aber zu einer hochkomplexen Affäre, die, Serienlogik verpflichtet, am Ende der Staffel in einem spektakulären Cliffhanger endet.

Steinzeit, Wikinger und Dandys

Das Spannende an „Beforeigners“ ist die Migrationsmetapher: Wie reagieren die Menschen der Jetztzeit, wenn ihre eigenen Vorfahren wieder auftauchen? Das birgt natürlich gesellschaftlichen Sprengstoff, der hier clever in die Kriminalgeschichte verwoben wurde. Der Zusammenstoß der Zeitebenen hat nämlich auch ungeahnte Konsequenzen für die Nicht-Migrant*innen. Einige schließen sich zu sogenannten „Transtemporalen Communities“ zusammen, wo jede*r sich als aus der Epoche stammend ausgeben kann, die er tief in sich fühlt. Und es ist erstaunlich, wie viele sich so tief im Einklang mit der Natur wähnen, dass sie bereit sind, zu Steinzeitmenschen zu werden. Auch Technikfeindlichkeit und neue Terrorgruppen entstehen, mit Mitgliedern aus verschiedenen Zeiten.

Die Serie lebt auch von ihren komplexen Charakteren. So hat Kommissar Haaland ein Drogenproblem, eine geschiedene Frau, die mit einem Mann aus dem 19. Jahrhundert das große Glück gefunden hat, und eine rebellische Teenagertochter. Ebenso ist Alfhildr bei Weitem nicht die integrationswillige Zeitmigrantin, als die sie die Polizei der Presse verkaufen will, sondern trägt ein paar ziemlich dunkle Geheimnisse mit sich – was sie auf die Anfeindungen mancher Kolleg*innen noch harscher reagieren lässt. Konfliktlösung in der Wikingerzeit kannte eben andere Komponenten und Methoden.

Auch die Besetzung rundet die Serie ideal ab. Nicolai Cleve Broch, der vor allem im skandinavischen Raum als Theater- und Filmschauspieler bekannt, ist perfekt in seiner Rolle des leicht vertrottelten, liebenswürdigen, aber auch schwer seelisch verwundeten Kommissars. Sein Konterpart Alfhildr, gespielt von der finnischen Schauspielerin Krista Krosonen – die für die Rolle norwegisch und altnordisch lernen musste – glänzt als zwielichtige Newcomerin, die eine viel tiefere Vergangenheit mit sich rumschleppt, als auf den ersten Blick erkennbar ist. Und auch die Selbstverständlichkeit, mit der sie Themen wie Sexualität oder Gewalt anspricht, zeigen Kontraste auf, deren Komik erst mal die Prüderie unseres Jahrhunderts überdeckt. Auch die Performance der isländischen Schauspielerin und Sängerin Ágústa Eva Erlendsdóttir als in der Jetztzeit verlorene Schildmaid, die versucht ihre alte Wikinger-Crew wieder zusammenzubringen, ist bemerkenswert.

Alles in allem macht das „Beforeigners“ zu einem sehr kurzweiligen Spektakel, das zum Nachdenken anregt – und bei den nordischen Temperaturen, die gerade vorherrschen, wohl zum idealen Serienfutter.

In der ARD Mediathek (bis zum 12.4., 
nur mit vpn), auf HBO oder Salto 
(auf französisch).

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