September 2025: Willis Tipps

von | 19.09.2025

Libanesische Emotionen

Zahlreiche Musiker*innen im Libanon verbinden schon lange arabische Formen mit westlichen Elementen. Die berühmteste libanesische Sängerin Fairuz hat dies bereits in den 1950er-Jahren populär gemacht. Ganz aktuell kann man dies bei Tania Saleh erleben, die ihr neues Album Fragile genannt hat. Ihre erste Platte erschien bereits 1997, aber erst seit 2014 wird sie im Westen wahrgenommen. Schon auf der Platte „Intersection“ von 2017 hat sie sich mit der schwierigen Situation in ihrem Heimatland beschäftigt. Gesellschaftlich zerrissen, inkompetent regiert und zudem unter dem Einfluss ausländischer Mächte sind die Lebensbedingungen für die Menschen dort äußerst kompliziert. Das hat dazu geführt, dass Tania Saleh ihre Heimat nun verlassen hat. Dies verarbeitet sie in den zehn Liedern auf der neuen Scheibe, die sie alle selbst geschrieben hat, in denen es um Verlorenheit und Ausgeliefertsein geht. Der Titel „Fragile“ ist dabei Programm und führt zu emotionalen, aber nicht depressiven Stücken. Begleitet wird sie von Klarinette, Perkussion, Ud und Kanun, sowie von Piano und Electronics. Ein berührendes und schönes Album einer beeindruckenden Sängerin.

Tania Saleh – Fragile – Tantune

Mähren avantgardistisch

Wie man alte Lieder in eine avantgardistische, freie Form überführt, ohne die musikalische Bodenhaftung zu verlieren, kann man bei Júlia Úlehla and Dálava erleben. Úlehla ist in den USA geboren, hat mährische Wurzeln (Mähren ist eines der drei historischen Länder Tschechiens) und lebt heute in Kanada. Sie ist ausgebildete Opernsängerin und promovierte Musikethnologin. Hinter Dálava verbirgt sich vor allem ihr Ehemann Aram Bajakian, ein außergewöhnlicher US-amerikanischer Gitarrenvirtuose, der schon mit John Zorn, Lou Reed und Diana Krall gearbeitet hat. Auf dem dritten Album des Ensembles, Understories, ist er für Bass, Perkussion, Piano und Synthesizer zuständig. In einigen Stücken sind zudem eine Cellistin und ein Geiger zu hören. Die elf Titel des Albums, die Úlehla und Bajakian komponiert haben, basieren auf den Überlieferungen von Úlehlas Urgroßmutter Marta und ihrem Urgroßvater Vladimír Úlehla, der Lieder aus Südmähren erforscht und dokumentiert hat. Sie bewegen sich zwischen klaren Strukturen und atmosphärischen Experimenten mit tiefem Hall, in denen Úlehlas Stimme und die Instrumente miteinander verschmelzen. In ganz positivem Sinne abenteuerlich!

Júlia Úlehla and Dálava – Understories – PI Recordings

Mazedonisch-anatolische Verbindungen

Nordmazedonien ist musikalisch schon vor vielen Jahren durch die mittlerweile verstorbene Roma-Sängerin Esma Redzepova bekannt geworden. Dass sich in dem Land noch viel mehr tut, beweist die Sängerin Elena Baklava alias Elena Hristova aus Skopje auf ihrer CD Yörüklük. Eine Zeit lang sang sie bei der Istanbuler psychedelischen Band „Baba Zula“ und dann in der mazedonischen Gruppe „Baklava“, die vor zwei Jahren ein Album auch in Westeuropa herausgebracht hat. Nun hat Hristova allein mit der aktuellen Platte Yörüklük den ersten Teil einer geplanten Trilogie veröffentlicht. Hristova, die jetzt in Istanbul lebt, hat sich auf die Spuren der Yörük begeben, einer nomadischen Volksgruppe, die im Zusammenhang der Ausdehnung der osmanischen Herrschaft unter anderem das Gebiet des heutigen Mazedoniens besiedelte. Hristova hat mit Nachkommen der Yörük Kontakt aufgenommen, ihre musikalischen Formen erkundet und dies auf ihrer aktuellen Platte verarbeitet. Was man hier hört, sind anatolisch geprägte Melodien und ungerade Rhythmen mit Gitarre, Bass, Synthesizer, traditioneller Perkussion, oft auch mit Klarinette, anatolischem Dudelsack und Kanun-Hackbrett. Das alles ziemlich laut und mit starker Stimme!

Elena Baklava – Yörüklük – CPL Music

Maloya pur

Der Maloya ist neben dem Séga der dominante Musikstil auf der Insel La Réunion, die östlich von Madagaskar im Indischen Ozean zu finden ist. Frankreich kolonisierte die Insel im 17. Jahrhundert und verschleppte aus Kontinentalafrika und Madagaskar Sklav*innen dorthin. Heute ist sie ein Überseedepartement Frankreichs. Der Maloya galt den Franzosen in den 1960er- und 1970er-Jahren als subversiv und wurde verboten, erlebte aber – wieder legalisiert – in den 1980er-Jahren ein Revival. Die Gruppe Votia praktiziert den Maloya, dessen Hauptmerkmal der „call and response“-Gesang ist, der von Perkussionsinstrumenten begleitet wird. Hier lassen sich vor allem madagassische Wurzeln finden, aber auch indische Arbeitsmigrant*innen haben Spuren hinterlassen. Als eine Maloya-Ikone gilt der 2004 verstorbene Granmoun Lélé, dessen Tochter Marie-Claude Lambert-Philéas nun die Gruppe Votia als Solistin mit einer Altstimme leitet und zudem fast alle der kreolischen Lieder geschrieben hat. Von drei Stücken mit Melodieinstrumenten abgesehen, reichen auf dem Album Vié Kaz kraftvoller Wechselgesang und drückende, polyrhythmische Perkussion aus, um zu glänzen.

Votia – Vié Kaz – Ajabu!

World Music Charts Europe: September Top 20

  1. Hawa & Kasse Mady Diabaté – Toumaro – One World Records
  2. Tania Saleh – Fragile – Tantune
  3. Brighde Chaimbeul – Sunwise – Glitterbeat
  4. Neha! – Svetu – Zvukopriestor
  5. Stefano Saletti – Mediterranima – Materiali Sonori
  6. Elena Baklava – Yorukluk – CPL Music
  7. Söndörgö – XXX – Ground Up
  8. Igor Božanić – ŽEGA – Pop Depresija
  9. Mandé Sila – Live at Levon Helm Studios – Contre-Jour
  10. The Good Ones – Rwanda sings with Strings – Glitterbeat
  11. Estaca Zero – As aventuras do guitarrinho no pais das possibilidades – Estaca Zero
  12. Duo Ruut – Ilmateade – Duo Ruut Music
  13. Sally Nyolo – Madiya – Akaman
  14. Ammar 808 – Club Tounsi – Glitterbeat
  15. Lina_ & Jules Maxwell – Terra Mae – Atlantic Curve
  16. Nina Rosa – Joy – Nina Rosa
  17. Entre Ilhas – Macaronesia Vol. 1 – Entre Ilhas
  18. Mustafa Said & Asil Ensemble – Maqam Pilgrims – Mapamundi Musica
  19. Ahmed Mukhtar & Ignacio Lusardi Monteverde – Al-Hambra – ARC Music
  20. Natalia Lafourcade – Cancionera – Sony
Die WMCE TOP 20/40 bei: www.wmce.de, und Facebook „Mondophon auf Radio ARA“

 

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