Serien-Empfehlung: Eine Hochzeit mit Folgen

Der britische Regisseur Colin Nutley rückt in seiner Miniserie „Eine Hochzeit mit Folgen“ eine fünfzigjährige Schwangere in den Mittelpunkt der Erzählung. Stilistisch hat die Produktion was von Telenovelas aus den Neunzigern. Inhaltlich wirft sie interessante Fragen zu Elternschaft und Liebesbeziehungen auf.

Grace muss sich mit Anfang fünfzig nochmal die Frage stellen, ob sie dem Kinderkriegen gewachsen ist. (Bildquelle: arte.tv/screenshot)

Carl-Axel kommt zu spät: Seine Tochter Meja gibt ihrer Partnerin Sunny das Jawort und er quetscht sich verschwitzt während der Zeremonie auf die Kirchenbank. Seine Ehefrau Grace hat ihm zu dem Zeitpunkt bereits telefonisch den Kopf gewaschen. Sie sitzt Schulter an Schulter mit Samuel, Sunnys Vater. Der Regisseur Colin Nutley macht mit diesen ersten Szenen und mit dem Titel seiner Miniserie „Eine Hochzeit mit Folgen“ deutlich, dass die Eheschließung nur der Anfang einer emotionalen Achterbahnfahrt sein wird.

Grace rekonstruiert die Geschehnisse in Monologen und in Nahaufnahmen. Damit ist gleich zu Beginn klar, wer im Mittelpunkt der Handlung stehen wird – nicht das Brautpaar, sondern die fünfzigjährige Grace. Warum? Das klärt sich am Ende der ersten Folge. Grace ist schwanger und Carl-Axel ist nicht der Vater. Sie hat ihren Ehemann in der Hochzeitsnacht ihrer Tochter betrogen – im Bad, ein Stockwerk über den feiernden Familienmitgliedern. Kurz nachdem Grace von der Schwangerschaft erfährt und das zunächst nur dem Vater des Ungeborenen und ihrem Bruder Valentin anvertraut, geben Meja und Sunny bekannt, dass sie per Samenspende eine Familie gründen wollen.

Nutleys Gegenüberstellung der Schicksale zeigt Lebensrealitäten und Frauenfiguren auf, die unterschiedlicher nicht sein könnten, auch wenn das Kinderkriegen im Mittelpunkt steht. Die Darstellung von Mejas und Sunnys Geschichte beschränkt sich auf Gespräche mit ihren Eltern und Verwandten, die ihrer Familienplanung kritisch gegenüberstehen. Die Gegenargumente sind nicht homo-, dafür aber jugendfeindlich: Meja und Sunny werden als zu jung und finanziell instabil bezeichnet. Sunnys Stiefmutter Michelle eröffnet in dem Zusammenhang auch, dass sie ihre eigene Unfruchtbarkeit nie akzeptieren konnte. Sie gesteht ihrem Ehemann Samuel, dass sie dem Paar das Kinderkriegen nicht gönnt, obwohl sie diesen Gedanken gemein findet. Als Grace bei einer Beerdigung eine Treppe hinunterstürzt und ihr Bruder Valentin sich vor versammelter Gemeinschaft verplappert, bietet ihr Michelle dennoch zunächst ihre Unterstützung während der Schwangerschaft an. Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich eine enge Beziehung, die an Tragik kaum zu überbieten ist. Wo diese Tragik herkommt, wird an dieser Stelle nicht verraten, um nicht vorzugreifen.

Stilistisch wirkt die Serie, die in Schweden bereits 2019 herauskam und dort um eine zweite Staffel verlängert werden soll, stellenweise wie eine der Fernsehtelenovelas aus den Neunzigern, wie sie nachmittags im öffentlich-rechtlichen Fernsehen laufen. Inhaltlich hebt sie sich durch interessante Charaktere und die spannende Herangehensweise an die zentralen Themen – Schwangerschaft, Ehe, Alter – jedoch davon ab. Auch die Auseinandersetzung mit dem Priester*innentum erweist sich als spannend.

Der Pfarrer und Onkel, Valentin, ist alkoholkrank, wofür er sich ständig vor seiner Mutter rechtfertigen muss. Er wird nicht als unfehlbarer, weiser Priester dargestellt, sondern als Mensch. Er kann kaum ein Geheimnis für sich behalten und sorgt damit für Aufregung. Das lässt sich als Parodie des Priesterberufs lesen oder aber als nuancierte Darstellung der Menschen hinter dem Berufsstand. Interessant ist auch, dass Valentin das lesbische Paar in der Kirche traut und das nicht problematisiert wird – unabhängig davon, was man von Religion und kirchlicher Trauung hält. Nutley spielt damit vermutlich auch auf die Tatsache an, dass gleichgeschlechtliche Paare in Schweden seit 2009 kirchlich heiraten können. Was bei all den eher positiven Aspekten einen bitteren Beigeschmack hat: Valentin kritisiert den Seitensprung seiner Schwester zwar nicht, rät ihr aber vehement von einem Schwangerschaftsabbruch ab. Das erinnert an den Diskurs vieler Kirchengemeinden, die sich gegen Schwangerschaftsabbrüche einsetzen und ein Recht auf Leben einfordern.

Die vierteilige Serie nimmt ohne Frage ein stark romantisiertes Ende, doch der Weg dahin ist vielseitig und hält Überraschungen bereit, die sich unter anderem auf die Charakterentwicklung beziehen. So entpuppt sich beispielsweise Carl-Axel, der sich mit seiner Verspätung und seinem aggressiven Tonfall zu Beginn unsympathisch macht, am Ende als loyales Familienmitglied – und Michelle, die zwischendurch mit Blumen nach Grace schlägt, als starke und selbstlose Persönlichkeit. Alles in allem ist die Serie auf ihre ganz eigene Art sehenswert.

In der der Mediathek von Arte und 
ab dem 17. Dezember auch im Fernsehen.

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