Spielzeit 2024/25: Aufbegehrende Frauen und eine gerechtere Welt

Das Escher Theater hat vor Kurzem sein Programm für die Saison 2024/25 veröffentlicht. Auffällig ist die sozialkritische Dimension vieler Bühnenwerke.

Die Produktion „Feste“ wurde 2021 in Berlin uraufgeführt. (Foto: Simon Wachter)

Engagiert, gegenwartsnah und versetzt mit einem kräftigen Schuss Humor – diese Qualitäten sind für Intendantin Carole Lorang zwar nicht unentbehrlich, aber dennoch wesentlich, wenn es um die darstellende Kunst geht. Ihr sei wichtig, dass Theater auch politische und soziale Themen aufgreife, sagt die Direktorin des Escher Theaters im Gespräch mit der woxx. Vor Kurzem hat das Haus im Süden des Landes seinen Spielplan für die Saison 2024/25 veröffentlicht: Geplant sind 45 Spektakel, 80 öffentliche Aufführungen und 58 Schulvorführungen, acht Eigenkreationen und sieben Koproduktionen. 17 Kreativworkshops runden das Angebot ab. Laut Pressedossier befassen sich ungefähr 20 Bühnenstücke mit Sujets, die eine gesellschaftliche Relevanz haben. Sie stellen Fragen zur Funktionsweise des demokratischen Raumes und umkreisen Konzepte wie Integration und Geschlechtergleichheit, „prise de parole“, Gerechtigkeit und Kollektiv. „Wir sind ja nicht losgelöst von der Realität“, betont Lorang. Als Programmgestalterin wähle sie deswegen Themen, welche die Gesellschaft im Augenblick in Atem hielten.

Armut thematisieren

Für die kommende Spielzeit legt das Escher Theater deswegen einen Schwerpunkt auf kapitalismuskritische Themen wie Armut und soziale Gerechtigkeit. In dem Kindertheaterstück „Dominique toute seule“ zum Beispiel verliert die Hauptfigur Dominique zuerst ihre Arbeit, dann ihr Haus. In ihrer größten Not, obdachlos und zurückgezogen in der Natur, findet Dominique aber schließlich Freunde, die ihre Neugier wecken und ihr in ihrer misslichen Lage weiterhelfen. In „L’odeur de la guerre“ wiederum steht eine junge Frau im Mittelpunkt, die aus einem sozial schwachen Milieu stammt und über den Boxsport Selbstvertrauen findet – im wahrsten Sinne des Wortes boxt sich die Sportlerin trotz aller Schwierigkeiten durch und findet so ihren Weg. Diese Geschichten sollen Lorang zufolge vor allem jüngeren Theaterbesucher*innen Mut machen. Auf die Frage, ob sie nicht zu nah an das neoliberale Narrativ eines*r sich durchbeißenden Einzelkämpfer*in anlehnten, antwortet Lorang: „Das sehe ich nicht so. Es geht darum, den Zuschauern Hoffnung zu machen und ihnen zu zeigen, dass man in schwierigen Lagen innere Kraft finden kann.“

Ein anderes Kernthema der nächsten Saison ist die persönliche und kollektive Revolte. Besonders oft sind es Frauenfiguren, die sich gegen die von ihren Vätern geschaffene Gesellschaft auflehnen, ihrer eigenen Stimme Gehör verschaffen und die politische Macht der Männer infrage stellen – so auch zum Beispiel die klassische Theaterfigur Antigone, deren Geschichte in einer neuen Adaption auf die Bühne gebracht wird. Auch das gemeinschaftsstiftende Moment der Revolte kommt in den geplanten Aufführungen zum Tragen. „In dieser Saison feiern Tänzer*innen und Zirkusartist*innen die Gruppe, den Sinn des Teilens und das gemeinsame Loslassen“, schreibt das Escher Theater. „Ima“ und „One Shot“ sind zum Beispiel Performances, welche die kollektive und auch weibliche Rebellion zelebrieren.

Theater für Kinder und Jugendliche

(Foto: Nadine-Kryzanski)

Das Programm des Hauses ist gleich auf doppelte Weise durchmischt, es zeichnet sich aus durch die Heterogenität von Genres und Sprachen. Geplant seien Darbietungen aus den Bereichen Theater, Tanz und Zirkus, daneben gebe es auch multidisziplinäre Formen wie Musik- oder Tanztheater, erzählt Lorang. „Ich versuche immer [bei der Zusammenstellung des Spielplans], mich in die Zuschauer*innen hineinzuversetzen und dann zu überlegen, in welcher Sparte noch etwas fehlen könnte.“ Neben genrespezifischer Vielfalt spielt auch die sprachliche Diversität eine große Rolle für die Theaterdirektorin. „In Esch haben wir eine hochkomplexe Sprachrealität“, unterstreicht sie. Deswegen gibt es Spektakel auf Luxemburgisch, Französisch, Deutsch und auch manchmal Englisch – aber nicht nur. „Ich versuche immer auch Stücke ins Programm zu integrieren, bei denen die Sprache eben kein Hindernis ist, also Stücke ohne Sprache.“ Denn wenn die Sprache kein Hindernis darstelle, finde ein verschiedenartiges Publikum zueinander, dann würden Deutsch- und Französischsprachige in einem Saal zusammensitzen. So kommt die für 2025 geplante Produktion „Feste“, die laut Kurzbeschreibung ein soziales Panorama der heutigen Zeit entfaltet, zum Beispiel ganz ohne Dialoge aus.

„Ein weiterer wichtiger Pfeiler unserer Programmierung ist das Kinder- und Jugendtheater“, sagt Lorang, die für die Gestaltung des Spielplans mit zwei Theaterpädagog*innen zusammenarbeitet. Für die verschiedenen Lernzyklen bietet das Theater auch unterschiedliche Bühnenwerke an. Insgesamt richten sich in der Saison 2024/25 ganze elf Spektakel an ein junges Publikum, dazu gesellen sich noch sieben Schauspiele „tout public“, die auch bei Aufführungen, die für Schüler*innen reserviert sind, gezeigt werden. „Schulvorführungen sind für mich die wertvollsten Vorführungen überhaupt“, betont Lorang. „Nicht jedes Kind hat die Chance, während des Wochenendes mit seinen Eltern ein Konzert oder eine Theatervorstellung zu besuchen – umso wichtiger ist es deshalb, dass Kinder über die Schule mit der Theaterwelt in Kontakt kommen.“ Die Nachfrage ist auf jeden Fall gegeben. Die Schulvorführungen seien fast immer ausverkauft, bemerkt Lorang.

Schon die nächste Saison im Blick

Im Jahr 2022 ist die vom Kulturministerium publizierte Ethik-Charta für Kultureinrichtungen in Kraft getreten – Institutionen, die staatlich gefördert werden, müssen sich im Austausch an eine Reihe von Regeln und Werten halten. In der Charta wird die faire Bezahlung von Künstler*innen und Arbeitskräften aus der Branche genauso thematisiert wie die kulturelle Diversität und die Chancen- und Geschlechtergleichheit. Die Frage, ob die Achtung der Charta das Escher Theater bei der Programmgestaltung vor spezifische Herausforderungen stelle, verneint Lorang. „Wir achten darauf, Mitarbeiter*innen und Kunstschaffende ganz gerecht zu bezahlen.“ Das Escher Theater halte sich an die Tarifempfehlungen der „Association luxembourgeoise des professionnels du spectacle vivant“ (Aspro). „Zudem versuche ich, ein vielfältiges Programm zu entwerfen, in dem auch nicht-männliche und nicht-weiße Personen einen Platz haben“, sagt Lorang.

Die Intendantin feilt übrigens jetzt schon am Spielplan für die Saison 2025/26. „Ich brauche immer anderthalb bis zwei Jahre Vorlauf, um ein Programm auf die Beine zu stellen.“ Theaterbesucher*innen erwartet dann wahrscheinlich wieder eine bunte Mischung an Spektakeln, denn: „Es entspricht unserer grundlegenden Ausrichtung, so vielseitig wie möglich zu sein.“

 


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