Suizide in der Arktis: Das heimatlose Grönland-Herz

von | 07.08.2025

Als erste Grönländerin hat Niviaq Korneliussen mit ihrem Werk „Das Tal der Blumen“ den Literaturpreis des Nordischen Rates gewonnen. Ein Buch über die Situation junger Grönländer*innen, die zwischen Tradition und Moderne keine Heimat finden.

(© btb-Verlag)

Ein schwarzer Rabe blitzt zwischen den Schulterblättern der Schriftstellerin Niviaq Korneliussen durch das schwarz-durchsichtige Chiffon-Oberteil hervor, als sie am 2. November 2021 die Bühne betritt, um den Literaturpreis des Nordischen Rates entgegenzunehmen. Die damals 31-jährige ist die erste Grönländerin, die die Auszeichnung für in einer der nordischen Sprachen verfasste Literatur erhält. Zu Beginn ist sie sichtlich nervös, doch dann schüttelt sie den Kopf und liefert eine Rede, die wie ihr Roman „Das Tal der Blumen“ selbst politischen Brennstoff enthält. Dabei richtet sie sich nicht an die Politiker*innen ihres Landes, sondern direkt an diejenigen, die sie in ihren beiden veröffentlichen Romanen „Nuuk Filter“ aus 2014 und „Das Tal der Blumen“ 2020 porträtiert: die jungen Menschen Grönlands, unter denen seit der „Dekolonialisierung“ und Eingliederung ins Dänische Königreich eine hohe Suizidrate herrscht.

„Dieser Preis ist für euch, die ihr die Kraft findet, einen weiteren Tag zu leben, weil ihr hofft, dass der morgige Tag besser wird und dass diesmal vielleicht jemand da ist, der sich um euch kümmert. Für euch, an die Ärzt*innen, Polizist*innen, Lehrer*innen, Politiker*innen nicht mehr glauben.“ Jedes Jahr sterben in Grönland zwischen 40 und 60 Personen an Suizid, dies bei einer Bevölkerung von nur knapp 57.000 Menschen. Das wäre in etwa so, als würden hierzulande jährlich 400 bis 500 Menschen Suizid begehen, statt der 80, die offiziell angegeben werden, wobei die Dunkelziffer in diesem Bereich höher liegt. Hier wie dort sind es gerade die Jüngeren die stark betroffen sind (woxx1823). Niviaq Korneliussen widmet ihren Preis auch jenen, die den Kampf um den Lebenswillen nicht geschafft haben: „Für euch, die wir verloren haben und über die wir nicht mehr sprechen. Wir haben ein System, das euch immer wieder im Stich lässt, gerade dann, wenn ihr am meisten Hilfe braucht“. „Das Tal der Blumen“ bricht mit dem Tabu über Suizide und einem System, das seine junge Bevölkerung im Stich lässt.

„Wir haben ein System, das euch immer wieder im Stich lässt, gerade dann, wenn ihr am meisten Hilfe braucht.“

Das Buch beginnt, wie die Preisverleihung, mit einem schwarzen Raben. Dieses Mal beobachtet der Vogel die Ich-Erzählerin vom Eingang eines Friedhofs – es bleibt unklar, ob er über sie wacht oder Unheil verkündet. Das Bild des Raben taucht im Roman nicht nur am Anfang und Ende, sondern auch in den sporadisch eingestreuten poetischen Passagen immer wieder auf. So beschreibt die Ich-Erzählerin die Beziehung zu ihrer Freundin Maliina: „Wir fliegen dicht aneinander vorbei, wie zwei Raben, die im Sturm spielen. Wir fliegen in einem brennenden Chaos, das durch die schwarzen Vorhänge hereinzudringen versucht, aber wir sind geschützt, wir sind unantastbar.“

Mit dem Umzug nach Dänemark und den Beginn eines Studiums, in das sich die Protagonistin nicht einfügen kann, beginnt eine Abwärtsspirale, die durch Rassismus, selbstzerstörerischem Verhalten und emotionalen Abwehrmechanismen geprägt ist. Hier zeigt sich, dass die Autorin Korneliussen Psychologie an der Universität Aarhus in Dänemark studiert hat.

Der Roman ist in drei Teile – „Sie“, „Du“ und „Ich“ – geteilt. Auf zwei Ebenen wird die Geschichte einer jungen namenlosen, queeren Protagonistin erzählt, die für ihr Anthropologie-Studium von Grönland nach Dänemark zieht. Während die erste Ebene eine gängige Ich-Erzählung ist, startet die andere einen Countdown mit 45 Kurztexten: Rückwärts gezählt, erzählen kleine Ausschnitte die Geschichten von Menschen, die Suizid begangen haben und deren Umfeld – 45 ist dabei nicht willkürlich gewählt, sondern entspricht der Anzahl an Suiziden in Grönland im Jahr 2019. Handelt der erste Teil des Romans von den Toden Fremder oder entfernt bekannter Personen, behandelt der zweite Teil die Nachwirkungen des Suizids des besten Freundes der Protagonistin, bevor im letzten die immer düsteren werdenden Innenansichten ihrer selbst im Fokus stehen.

Niviaq Korneliussen. (Foto: EPA-Martin-Sylvest-DENMARK-OUT)

„Das Tal der Blumen“ ist das Porträt eines Heimatsverlusts, der viel tiefer geht als ein Umzug aufs Festland. Die Protagonistin fühlt sich weder bei ihrer Familie noch in Dänemark zuhause. Die einzige Person, die zu Beginn einen Hauch von Heimat suggeriert, ist ihre verstorbene Oma. Das Suizid-Thema zieht sich durch alle Erzähl-Ebenen, so bleibt keine*r der Protagonist*innen davon verschont, auch wenn niemand darüber sprechen will. Trauriger Realismus: „Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass in Grönland jede*r jemanden kennt, der sich das Leben genommen hat“, heißt es in einem Artikel vom „npr“ aus dem Jahr 2016, der sich nach der Lektüre wie ein Recherchestück zum Roman liest. Freilich hat Korneliussen die Erfahrungen aus ihrer eigenen Biografie sammeln können, ist sie doch in Nanortalik, einer kleinen Stadt im Süden Grönlands aufgewachsen, und kennt als queere Person auch das Gefühl, Außenseiterin zu sein, wie sie in einem Gespräch mit dem „New Yorker“ nach dem Erfolg ihres ersten Romans „Nuuk Filter“ berichtet. Maliina, die Freundin der Protagonistin, verliert im Verlauf der Geschichte eine minderjährige Cousine durch Suizid, ein trauriger Anlass, der jedoch zu einem der wenigen Lichtblicke des Romans führt. Die Erzählerin verlässt Dänemark, um ihrer Freundin beizustehen und ihrem eigenen Versagen als Studentin in Dänemark zu entfliehen. Sie findet im ostgrönländischen Tasiilaq eine Art Ersatzfamilie, ein Zustand, der für die selbstzerstörerische Protagonistin nicht von Dauer sein kann.

In Tasiilaq befindet sich auch der Namensgeber des Romans: „Naasuliardarpi“, wie er im Grönländischen heißt, ist ein im Sommer blumenbedeckter Ort, und dessen einzige Blumen im Winter, wenn die Erzählerin dort ist, aus Plastikblumen auf dem kleinen mit weißen Holzkreuzen übersäten Friedhof bestehen. Nach grönländischer Tradition sind die Gräber nicht mit Namen oder Daten, sondern bloß mit Nummern beschrieben. Hierin liegt dann vielleicht auch der Kunstgriff, der der Erzählerin den Namen verwehrt und darauf hindeutet, was passiert, wenn der Countdown der zweiten Ebene bei 1 ankommt. „Ich trete ein paar Schritte zurück und schaue zu ihr, dann hoch, hoch, hoch zu den Bergen, wo die echten Blumen, die dem Tal seinen Namen gegeben haben, im Sommer erblühen. Wie heiße ich? Ich habe keinen Namen, ich bin bloß eine Nummer.“

„Wie heiße ich? Ich habe keinen Namen, ich bin bloß eine Nummer.“

„Das Tal der Blumen“ ist ein kurzweiliger Roman, der viele Aspekte, Traditionen und Problemen eines Volkes beleuchtet, die außerhalb von Grönland und Dänemark wenig bekannt sind. Schon allein deshalb lohnt sich die Lektüre. Hinzukommt, dass Niviaq Korneliussen scheinbar aus ihren schriftstellerischen Fehlern der Vergangenheit gelernt hat – ihr erster Roman hatte wegen mangelnder Erzählstruktur und Charakterentwicklung auch Kritik einstecken müssen –, ohne aber ihre einzigartige Stimme einzubüßen. So entsteht eine Erzählung, die so zwiegespalten ist, wie die Hauptprotagonistin selbst, und wie diese zwischen Vulgarität und Poetik hin und her pendelt. Das kann man mögen oder nicht, unleugbar ist aber, dass es sich hierbei um einen Roman mit politischem Gewicht handelt.

„Das Tal der Blumen“ von Niviaq Korneliussen. Aus dem Dänischen übersetzt von Franziska Hüther. btb-Verlag, 288 Seiten.

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