Über das Altern: In der Schattenwelt


Dem Thema Demenz widmet sich der niederländische Autor J. J. Voskuil in seinem Roman „Die Mutter von Nicolien”. Dabei geht er geradezu dokumentarisch vor und skizziert über einen Zeitraum von 30 Jahren das langsame Abdriften einer älteren Dame in ihre eigene Schattenwelt.

Gilt in den Niederlanden als Kultautor: der Schriftsteller J. J. Voskuil. (Foto: privat)

Die Schwiegermutter von Maarten Koning wird langsam vergesslich. Es beginnt ganz unauffällig. Zuerst bringt sie Verabredungen und Namen durcheinander. Maarten und seine Frau denken sich nichts dabei, sind abwechselnd verärgert und amüsiert über dieses Verhalten. Dann wird es für die ältere Dame immer schwieriger, ihren Alltag alleine zu meistern, und letztlich erweist sich der Umzug in ein Pflegeheim als unvermeidlich.

J. J. Voskuil dokumentiert den Verlauf der Krankheit und ihren Einfluss auf die Familie, Maarten und seine Frau Nicolien. Die stets wenige Seiten umfassenden Kapitel sind datiert, also verfasst wie Tagebuchnotizen: Die Aufzeichnungen beginnen im Jahr 1957, als es der Schwiegermutter noch gut geht und reichen bis zum April 1985, als sie im Alter von mehr als 90 Jahren stirbt. Das Buch besteht hauptsächlich aus Dialogen zwischen Maarten, Nicolien und der Schwiegermutter.

Der Verlag vergleicht Voskuils Ausführungen im Pressetext mit einem Super-8-Film. Es gibt keine Geschichte im klassischen Sinne, weder Handlung noch Spannungsbogen, die Figuren werden nicht eingeführt oder beschrieben. Die Demenz dient nicht als Aufhänger oder Vorwand, um ein Familiendrama zu entspinnen.

Auf diese Art des Erzählens muss man sich einlassen und es ist Voskuils großer Kunstfertigkeit geschuldet, dass die Welt, die er mit spärlichen Mitteln entwirft, trotzdem greifbar wird. Als die Schwiegermutter ihr Haus verlassen muss, um ins Pflegeheim zu ziehen, sagt sie zum Abschied: „Tschüss, Häuschen”, und diese schlichte Formulierung sagt alles aus über das Wesen der Protagonistin, aber auch über die ineinander verwobenen Gefühle, ohne dass der Autor viele Worte verlieren muss.

In seiner Heimat, den Niederlanden, avancierte der 1926 geborene J. J. Voskuil mit seinem Mammutwerk „Das Büro” (1996 bis 2000) zum Kultautor. Darin beschreibt er den eintönigen Alltag des Volkskundlers Maarten Koning, und das in immerhin sieben Bänden. Bei „Die Mutter von Nicolien”, das bereits 1999 im Original erschienen ist und nun erstmals auf Deutsch übersetzt wurde, handelt es sich um ein sogenanntes Spin-Off, in dem er die gleichen Figuren auftreten lässt. Bei den Büchern des Autors handelt es sich oft um sogenannte Schlüsselromane, in denen er biografische Bezüge durchscheinen lässt. Nicolien ist zum Beispiel angelehnt an Voskuils Frau Lousje Haspers. Ihrer Mutter ist das Buch gewidmet.

Es ist Voskuils großer Kunstfertigkeit geschuldet, dass die Welt, die er mit spärlichen Mitteln entwirft, trotzdem greifbar wird.

Dem Schriftsteller gelingt es, die richtige Distanz zu finden und die alte Dame niemals bloß zu stellen. Er behandelt sie stets mit liebevollem Respekt. Das ist kein kleines Kunststück, denn immerhin macht er eine Frau zum Objekt seiner Erzählung, der die Gestaltung ihres eigenen Lebens immer mehr entgleitet. Gleichzeitig zeichnet er ein realistisches Bild dessen, was es bedeutet, den Alltag mit einer an Demenz erkrankten Person zu bestreiten. Er beschreibt die sich wiederholenden Rituale, die Besuche und Ausflüge, die Ingwertörtchen, Eisbecher und Eierliköre. Die Mühsal, die immer gleichen Gespräche zu führen. Und wie auch dem Paar ein Stück Eigenständigkeit verloren geht: „Ich frage mich, ob wir wohl überhaupt noch in Urlaub fahren können”, fragt sich Nicolien und Maarten antwortet: „So schlimm wird es wohl nicht kommen.”

Liebe ist gleichbedeutend mit Verantwortung und auch damit, für einen nahestehenden Menschen gegebenenfalls die eigene Freiheit und Unabhängigkeit teilweise aufzugeben. Geduld ist das Schlüsselwort. „Es fiel ihm erneut auf, was für eine Engelsgeduld sie im zurückliegenden Jahr entwickelt hatte”, sagt Maarten über seine Frau und sieht darin gleichzeitig ein gutes Omen, falls er selbst eines Tages dement werden sollte. Ein bisschen geduldig müssen auch die Leser*innen sein, aber Voskuils feiner Humor, seine nur scheinbar nebensächlichen Beobachtungen und lakonischen Betrachtungen bringen einen dazu, Seite um Seite weiterzublättern.

J. J. Voskuil wurde übrigens erst nach seinem Eintritt in den Ruhestand als Schriftsteller erfolgreich. Mit seiner Frau engagierte er sich für Umwelt- und Tierschutz und ließ seine persönlichen Überzeugungen oftmals in seine Texte einfließen. Nachdem er im Alter ernsthaft erkrankte, entschied er sich 2008, mit 86 Jahren, für die Euthanasie.

J. J. Voskuil: Die Mutter von Nicolien. Ins Deutsche übersetzt von Gerd Busse. Wagenbach Verlag, 251 Seiten.

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