USA: Trump, der Rächer

Es war vor allem der Mittelstand, den Donald Trump für sich gewann. Doch längst nicht nur in den USA setzen Teile dieses Milieus Abstiegsangst um in das Gefühl, betrogen worden zu sein.

1397kommentartrump

(Foto: © Gage Skidmore/ flickr)

Falls wir dieser Tage die Entstehung einer Diktatur erleben, dann nicht in den USA, sondern in der Türkei. Man sollte die teils hysterischen Reaktionen in Europa nach der Wahl Trumps daher nicht zuletzt daran messen, wie sich die Betreffenden in den vergangenen Wochen zur Türkei geäußert haben.

Das politische System der USA hingegen ist eines, in dem das System der Gewaltenteilung vorbildlich geworden ist. Auch Trump wird das nicht über Nacht ändern. Eine Mehrheit in Kongress und Senat verschafft ihm allerdings eine Gestaltungsfreiheit, von der Obama nur träumen konnte.

Mag sein, dass Hillary Clinton in den Geschichtsbüchern einst dazu befragt werden wird, wie sie es schaffen konnte, die Wahlen gegen einen wie Donald Trump zu verlieren. Doch um das politische Personal in Europa ist es keinen Deut besser bestellt. „Die Wahl in den USA muss einen Schock auslösen“, meinte etwa der belgische Außenminister Didier Reynders. Als hätte es in den vergangenen Monaten hierzulande nicht täglich Gründe für solche Schocks gegeben.

Reynders fügte hinzu, man müsse den Menschen Perspektiven geben. Diese an sich vernünftige Erkenntnis steht jedoch nur bedingt in Zusammenhang mit dem, was derzeit in Europa und den USA passiert. Denn gewählt wurde Trump am allerwenigsten von den Perspektivlosen und den Geringverdienenden; unter denen mit 20.000 Dollar und weniger Jahreseinkommen lag die Zustimmungsrate bei nur 25 Prozent. Am stärksten wurde er von den mittleren Einkommensklassen unterstützt.

Es ist diese soziale Schicht, die den Populismus in den USA und Europa maßgeblich trägt. Eine Schicht, die Angst vor dem Verlust des bescheidenen Wohlstands hat. Das mag nicht komplett unberechtigt sein; die mit der Krise einhergehende Verarmung hat dies jüngst in den USA scharf vor Augen geführt. Dennoch ist es realitätsfern, wie manche Linke es tun, angesichts der Wahl von Trump triumphierend zu verkünden, der Kapitalismus sei schuld. Das ist eine Binsenweisheit, die nicht erklärt, weshalb Menschen angesichts wirtschaftlicher und seelischer Verheerungen immer wieder, statt Partei für ihre eigenen Interessen, die ausgestreckte Hand eines Handlungsreisenden für Hetzpropaganda ergreifen.

Die US-amerikanischen Wähler Trumps gelten hier nur pars pro toto, und natürlich haben sie Trump aus einer Vielzahl von Gründen gewählt. Auch die Latino-Frau mit Job und US-Pass in der Tasche widersteht bisweilen der Verlockung nicht, sich weitere Konkurrenz aus Mexiko vom Leibe zu halten.

Trump hat seine Pöbeleien als Akt der Befreiung angepriesen.

Die Trump-Wähler eint, dass sie schlichtweg nicht interessiert hat, was ein ums andere Mal als Trumps „Genickbruch“ beurteilt worden ist: Sein Gepöbel gegen Hispanics, sein widerwärtiger Sexismus, sein delirierendes Geschwätz, das von einer Armee von „fact-checkern“ wieder und wieder als unwahr widerlegt worden ist.

(© Wikimedia)

(© Wikimedia)

Teile des Mittelstands der USA und Europas, man denke nur an den Dresdner Pegida-Pöbel, setzen ihre Abstiegsangst überdies um in das Gefühl, betrogen worden zu sein. Sie wollen, dass jemand dafür büßen muss, weisen eine psychische Verfassung auf, in welcher Trumps politischer Amoklauf als Verheißung erschien.

Nicht nur versprach er, ihr Rächer zu sein. Vielmehr hat Trump ein Verhalten sanktioniert, das schon im Akt des Pöbelns und der verbalen Gewalt befreiende Wirkung verspricht. Statt sich der Mühsal politischen Handelns zu stellen, darf man die rassistische und frauenfeindliche Sau rauslassen.

Clinton sprach von Anstand. Trump hat die Lektion erteilt, dass wer heute die Befreiung von Konventionen der Selbstbeherrschung auskosten will, sich besser nicht um die Konsequenzen von morgen schert. Das ist die Rezeptur von Trumps exemplarischer Demagogie, eine wichtige Zutat ist seine abgrundtiefe Misogynie.

Der Firnis der Zivilisation war zu dünn, konstatierte Sigmund Freud angesichts des Ersten Weltkriegs. Auch heute sind wieder bedenkliche Risse zu sehen.


Cet article vous a plu ?
Nous offrons gratuitement nos articles avec leur regard résolument écologique, féministe et progressif sur le monde. Sans pub ni offre premium ou paywall. Nous avons en effet la conviction que l’accès à l’information doit rester libre. Afin de pouvoir garantir qu’à l’avenir nos articles seront accessibles à quiconque s’y intéresse, nous avons besoin de votre soutien – à travers un abonnement ou un don : woxx.lu/support.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Wir stellen unsere Artikel mit unserem einzigartigen, ökologischen, feministischen, gesellschaftskritischen und linkem Blick auf die Welt allen kostenlos zur Verfügung – ohne Werbung, ohne „Plus“-, „Premium“-Angebot oder eine Paywall. Denn wir sind der Meinung, dass der Zugang zu Informationen frei sein sollte. Um das auch in Zukunft gewährleisten zu können, benötigen wir Ihre Unterstützung; mit einem Abonnement oder einer Spende: woxx.lu/support.
Tagged .Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Kommentare sind geschlossen.