Die Debatte über die fehlende Transparenz des „Projekt Alpha“ verdeckt, dass man auch über die Auswahl der Sprache diskutieren könnte.

Welche Sprachen sind am Besten für die Alphabetisierung von Kindern in Luxemburg geeignet – Deutsch und Französich oder vielleicht doch Luxemburgisch und Portugiesisch? (Foto: Cayambe, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)
Künftig werden Schüler*innen in Luxemburgs öffentlichen Grundschulen nicht nur auf Deutsch, sondern wahlweise auch auf Französisch alphabetisiert. Damit will die Regierung die seit Jahrzehnten bestehende und kritisierte Segregation im Bildungssystem aufbrechen. Denn die Luxemburger Schulen waren stets auf luxemburgische Kinder und deren Erstsprache ausgerichtet. Das führt dazu, dass nur rund ein Fünftel der Schüler*innen im „Classique“ Nicht-Luxemburger*innen sind – eine Zahl, die sich in den vergangenen Jahren kaum verändert hat (woxx 1806: „Ungleichheiten im Bildungswesen: Die Blackbox“).
Das Mittel dagegen ist nun eine wahlweise Alphabetisierung auf Französisch, die sich besonders an Kinder richtet, deren Erstsprache eine romanische wie Portugiesisch oder Französisch ist. Nachdem das Programm bisher als Pilotprojekt lief, startet es nach den Sommerferien flächendeckend. In den letzten Tagen gab es, im Parlament und in den Medien, heftige Diskussionen darüber, wie die wissenschaftliche Evaluierung gelaufen ist: Patrick Remakel, Präsident der Lehrer*innengewerkschaft SNE, sprach bei „RTL“ davon, dass es ein „Embargo“ auf den Studienergebnissen gab. Im Interview mit „Radio 100,7“ konnte Sonja Ugen, Direktorin des „Luxembourg Centre for Educational Testing“ (Lucet) nicht schlüssig erklären, ob das Zurückhalten der Studie nun aufgrund politischer Einflussnahme passierte oder nicht.
Der Verdacht, Bildungsminister Claude Meisch (DP) wolle das Projekt mordikus vor dem Ende der Legislaturperiode auf die Schiene bringen, um einen Erfolg feiern zu können, liegt nahe. Immerhin sind die Ergebnisse der Lucet-Untersuchung nicht so positiv wie erhofft: Im Vergleich mit der Kontrollgruppe zeigen sie nicht unbedingt eine Verbesserung der schulischen Leistungen der auf französisch alphabetisierten Schüler*innen. Das entspricht wohl kaum den Erwartungen des Ministeriums – und sollte eigentlich die Umsetzung des Projektes im ganzen Bildungssystem in Frage stellen.
Es profitiert nur ein knappes Viertel der Schüler*innen von der Alphabetisierung auf Französisch – und auch nur, wenn Meischs Theorie hält.
Das „Projekt Alpha“ bezieht sich explizit auf das Prinzip der „mother tongue-based multilingual education“, das von der Unesco propagiert wird. Mehrsprachigkeit gelingt demnach am Besten, wenn Kinder das Lesen und Schreiben in ihrer Erstsprache lernen. Genau an diesem Punkt müsste einmal innegehalten werden: Laut den aktuellsten Statistiken des Bildungsministeriums ist die Erstsprache von 32 Prozent der Grundschulkinder Luxemburgisch, von 14,5 Prozent Portugiesisch und von 9 Prozent Französisch. Die zweigrößte Gruppe mit 12 Prozent sind „andere“. Arabisch ist übrigens mit 2,3 Prozent knapp vor Englisch (2,1 Prozent).
Demzufolge würde nur ein knappes Viertel der Schüler*innen von der Alphabetisierung auf Französisch profitieren – und auch nur, wenn die Theorie hält, dass die Alphabetisierungssprache lediglich „nahe“ an der Erstsprache sein muss. Genau das ist der Knackpunkt: Die Unterschiede zwischen Luxemburgisch und Deutsch sind klein genug, damit das funktioniert, aber wie gut das im Luxemburger Kontext mit Portugiesisch und Französisch funktioniert, ist noch nicht geklärt.
Es stellen sich also viele Fragen: Hätte man nicht auch eine Alphabetisierung auf Portugiesisch erproben sollen? Und vielleicht sogar eine auf Luxemburgisch? Es gibt auch Versuche, bei denen die Alphabetisierung parallel funktioniert, zum Beispiel auf Deutsch und Türkisch gleichzeitig – wäre so etwas nicht auch eine Idee für Luxemburg? Und was ist mit dem immer größer werdenden Anteil an Kindern, deren Erstsprache so gar nicht auf dem Radar unseres Bildungssystems zu sein scheint?
In Anbetracht dieser komplexen Situation wirkt die Alphabetisierung auf Französisch wie eine gute Idee, die viel zu spät kommt. Sie versucht eher, die Probleme von vor 20 Jahren zu beseitigen, statt auf die aktuelle Situation einzugehen. Von einem Bildungsminister, der neue Wege gehen will, kann man neben mehr Transparenz auch mehr Mut erwarten.

