Von Verlust und ärztlichem Versagen: Totenstillschweigstummheit

Die Illustratorin Melanie Garanin hatte ein ziemlich perfektes Leben. Dann erkrankte ihr jüngster Sohn an Leukämie. In der Graphic Novel „Nils. Von Tod und Wut. Und von Mut” erzählt sie davon, wie er krank wurde, wie er am Ende durch einen vermeidbaren Behandlungsfehler starb – und wie niemand dafür Verantwortung übernehmen wollte.

Nils wurde nach dem Helden aus Selma Lagerlöfs „Nils Holgersson” benannt. Da müssen wir gut aufpassen, dass dich die Wildgänse nicht mitnehmen, sagt seine Mutter. „Geht doch gar nicht”, meint Nils. Mit dieser Szene steigt Melanie Garanin in die Geschichte ein, die ihre eigene ist und die ihrer Familie.

Nils’ Leukämie kündigt sich an mit Fieber und Müdigkeit, die Diagnose platzt in den fröhlichen, manchmal chaotischen Alltag der Familie, das „sprudelnde, sonnige, schillernde Sein”. Bereits bevor ihr Sohn krank wurde, hatte es sich Garanin zur Gewohnheit gemacht, diesen Alltag in Bildern festzuhalten. Und die humorvollen und farbenfrohen Zeichnungen geben einen Einblick in das Leben davor, vor der Krankheit. „Es fällt mir nicht leicht, heute Sachen von früher zu zeichnen”, schreibt die Autorin.

Zuerst scheint es, als habe Nils großes Glück. Der erste Schub wird durch körpereigenes Cortisol geheilt und Nils kann entlassen werden. Wenige Monate später erleidet er jedoch einen Rückfall, muss zurück ins Krankenhaus und klagt gleichzeitig über immer wiederkehrende, schlimme Bauchschmerzen. Diese werden von mehreren Mediziner*innen jedoch nicht ernst genommen, Untersuchungsergebnisse gehen verloren, Medikamentenunverträglichkeiten werden nicht überprüft. Und so verstirbt der dreijährige Junge am Morgen des 5. Juli 2015.

Gegen den Willen der Eltern setzen die Ärztinnen und Ärzte eine Obduktion durch, nehmen den Geschwistern damit die Möglichkeit, sich von dem toten Bruder zu verabschieden. Der Bestatter lässt der Familie die Information zukommen, die sie eigentlich nicht erfahren sollten. Dass Nils an einer Bauchspeicheldrüsenentzündung gestorben ist. Nach und nach verstehen sie, dass Nils nicht hätte sterben müssen, nicht an der Leukämie, die er eigentlich fast überstanden hatte, und auch nicht an der Pankreatitis, wenn das Ärzteteam diese gewissenhaft behandelt hätte. „Hätte, hätte steht ganz oben auf der Liste der verbotenen Wörter”, schreibt Garanin. Zu der Trauer über den verstorbenen Sohn kommt die Wut über das Verhalten der Ärzteschaft, die sich nicht ihrer Verantwortung stellt. Die Pfleger*innen folgen der Einladung zu Nils’ Beerdigung, die Ärztinnen und Ärzte nicht.

Melanie Garanin findet Worte und Bilder für ihre Trauer und ihre Wut. Ihr Buch ist poetisch, oft sogar lustig. Als Illustratorin von Kinderbüchern lassen ihre Zeichnungen auch hier in der Tat oft an ein Kinderbuch denken, mit zahlreichen fantasievollen Details, wie zum Beispiel der Schreibtischlampe, die immer mal wieder als unerbittliche Inquisitorin auftritt. Oder wenn sich die Vögel am Tag, als Nils stirbt, zuflüstern: „Keiner zwitschert heute. Weitersagen.”

Es ist bewundernswert, wie sie die Kraft aufbringt, diese unglaublich schmerzhafte Erfahrung mit so viel Humor und Liebe zum Detail auf Papier zu bannen. „Die Bilder schaffen es, den Leser aus dem Loch zu ziehen, das der Text gebuddelt hat”, so formuliert es Garanin selbst. Nur wenige Bücher erzählen vom Tod des eigenen Kindes und wenn, dann „so tragisch, dass es keiner lesen mag“. Eben dies wollte die Illustratorin vermeiden.

Ihr gelingt es, den Trauerprozess in seiner Vielschichtigkeit darzustellen, mit allen Lichtblicken und Rückschlägen. Mit allen absurd-schmerzhaften Situationen, die gemeistert werden müssen. Auch bildlich ist die Graphic Novel sehr abwechslungsreich gestaltet, manchmal ist die Erzählung linear, wie in einem Comic, manchmal hält Garanin Stimmungen in großen, sehr schönen Aquarellzeichnungen fest.

Nur wenige Bücher erzählen vom Tod des eigenen Kindes und wenn, dann „so tragisch, dass es keiner lesen mag“ – eben dies wollte die Illustratorin vermeiden.

Der Tod eines Kindes könnte sprachlos machen, aber die Autorin möchte sich mitteilen, da das Buch die einzige Möglichkeit ist, ihre Version der Geschichte zu erzählen. Als Garanin und ihr Mann sich dazu entschließen, zivilrechtliche Klage wegen fahrlässiger Tötung gegen die behandelnden Ärztinnen und Ärzte einzureichen, führt eine ärztliche Expertise schließlich dazu, dass die Klage abgewiesen wird. Der Verdacht eines Gefälligkeitsgutachtens steht im Raum.

Melanie Garanins Arbeit soll für Gerechtigkeit sorgen, „immerhin auf Papier”. 2017 versuchte sie, die Presse auf ihren Fall aufmerksam zu machen – erfolglos. Eine Freundin riet ihr schließlich: „Du wirst wahrscheinlich niemanden finden, der es macht, wie du es willst.” Und: „Mach es selber. Schreib ein Buch. Eines, das alles erzählt.”

Das Buch erscheint zu einem Moment, da der Fokus angesichts der Coronapandemie nicht zuletzt auf der wichtigen Rolle liegt, die Ärzteschaft und Pfleger*innen erfüllen. Doch es schmälert nicht den Respekt vor den Leistungen des medizinischen Personals, wenn auch auf Probleme hingewiesen wird, von denen fast jede Person berichten kann, die selbst längere Zeit medizinisch betreut werden musste. Garanins Mann ist ebenfalls Arzt, aber in ihrem Buch kommen die Mediziner*innen nicht gut weg: Sie tragen Namen wie Frau Antibiotika-Aber und Dr. Flachbart und erhalten am Ende ihre gerechte Strafe, so wie es im Märchen passiert, im echten Leben leider nur selten. Nils liebte es, mit seinem Holzschwert imaginäre Kämpfe auszufechten, und so tut es ihm seine Mutter gleich und zieht für ihren Sohn in die Schlacht.

Fehler können passieren, doch wenn Mediziner*innen sich irren, ist die Fallhöhe für beide Parteien sehr hoch: Die Patient*innen riskieren ihre Gesundheit und im schlimmsten Fall ihr Leben, die Ärzte und Ärztinnen ihre Existenz. Fehler kann man erklären, vielleicht entschuldigen und verzeihen. Feigheit nicht.

Melanie Garanin: 
Nils. Von Tod und Wut. Und von Mut. Carlsen Verlag 2020, 200 Seiten.

Der Blog der Autorin findet sich unter melaniegaranin.com

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