Was treibt Sie an? Die Begegnung mit dem Anderen

In Zeiten sich wöchentlich ändernder Hygienevorschriften haben Künstler*innen, die mit digitalen Medien arbeiten, die Möglichkeit, flexibler zu reagieren. Eine von ihnen ist Valerie Reding. Wir haben mit der Tänzerin und Performerin darüber gesprochen, wie die Pandemie ihre Arbeit beeinflusst und wie sie es vermeidet, mit ihrer Kunst nur elitäre Kreise zu erreichen.

Fotos © Valerie Reding

woxx: Sie haben sich rezent künstlerisch mit der Gesichtsmaske auseinandergesetzt. Ich nehme an, was Sie daran interessiert, hat nur marginal etwas mit Corona zu tun?

Valerie Reding: Im letzten Frühling hat mich das Schweizer Magazin 360 gebeten, eine dekorative Mundschutzmaske sowie das Cover für ihre Juni-Ausgabe zu erstellen – so habe ich das Projekt „la vie d’après“ kreiert. Masken haben mich schon immer fasziniert – nicht weil sie etwas verbergen, sondern weil sie tatsächlich extrem viel über ihre*n Träger*in offenbaren. Ich glaube nicht an Nacktheit als eine Form von „natürlicher“ Authentizität. Sobald wir mit anderen Menschen interagieren, tragen wir verschiedene Masken und spielen diverse Rollen. Einige sind klar sichtbar, andere weniger. Das bedeutet nicht, dass wir uns hinter diesen Masken verstecken. Diese Artefakte offenbaren die vielen Facetten, die unsere Identitäten ausmachen. Wir sind fließende, multiple, widersprüchliche Wesen – immer in Bewegung und im Wandel. Die aktuelle Pandemie hat einen großen Einfluss auf unsere Beziehungen und unsere Intimität. Die Hygienemasken trennen uns voneinander, indem sie den intimsten Teil unseres Gesichts, den Mund, verstecken. Aus diesem Grund habe ich mich dazu entschieden, eine Maske zu kreieren, deren einzelne Oberflächen sehr ästhetisierte Nahaufnahmen von intimen Körperstellen zeigen. Darüber hinaus leben wir im Kontext von Covid-19 mit der Allgegenwärtigkeit von Krankheit, Tod und dem Zusammenbruch unserer Systeme. Gleichzeitig gibt es Hoffnung auf Erneuerung, Revolution und Solidarität. Die Figur der Ophelia evoziert diese beiden scheinbar widersprüchlichen Aspekte – die im Wasser verwesende Leiche wird wieder zu fruchtbarem Boden und Quelle des Lebens – und diente mir somit als Inspiration für das Coverbild der Zeitschrift.

Würden Sie sagen, dass Rollen und Transformation Dinge sind, die sie generell in Ihrer Kunst behandeln?

Ja, das stimmt. Daneben stehen vor allem der Körper, der Mensch und unsere zwischenmenschlichen Beziehungen im Mittelpunkt meiner Arbeiten.

Was genau thematisieren Sie daran?

Der Körper ist für mich zunächst ein Ausgangsmaterial, mit dem ich in vielen meiner Projekte arbeite. Als Tänzerin und Performerin ist es auch ein emotionales Ausdrucksmittel und ein Medium, um dem*r Anderen zu begegnen – insbesondere in Momenten der geteilten Verletzlichkeit. Und schließlich interessiert mich der Körper auch als Projektionsfläche und Schlachtfeld von diversen gesellschaftlichen Machtstrukturen und Zuschreibungen.

Für die Juni-Ausgabe des Magazins 360 arbeitete Reding das Projekt 
„la vie d’après“ aus.

Sie setzen sich in Ihren Arbeiten viel mit Gender und Sexualität auseinander. Wieso?

Ich bin queer und da viele meiner Projekte von persönlichen Erfahrungen genährt werden, spiegelt sich das auch in meiner Arbeit wider. Ich habe mich schon immer in Menschen unterschiedlichster Geschlechter verliebt, gleichzeitig bin ich asexuell und spüre nur sehr selten sexuelles Begehren gegenüber anderen Menschen. Als ich an der Zürcher Hochschule der Künste politisiert wurde, habe ich angefangen, mich mit Konzepten wie Queerness und Feminismus auseinanderzusetzen. Was mich mehr als alles andere antreibt, ist Ungerechtigkeit. Neben den diversen diskriminierenden Machtstrukturen in unserer Gesellschaft wie beispielsweise solche, die auf Hautfarben oder Klassen basieren, bringt mich die Gewalt gegen Menschen, die nicht den arbiträren heteronormativen Kategorien von Gender und Sexualität entsprechen, in Rage. All diese Faktoren treiben mich dazu an, mich mit der Konstruktion von Gender und Sexualität auseinanderzusetzen.

Gehen Sie in Ihren Projekten immer von Ihren eigenen Erfahrungen aus? Würden Sie auch Lebensrealitäten thematisieren, die Sie nicht am eigenen Leib erfahren haben?


Ich würde es mir nicht anmaßen, über etwas zu sprechen, das ich nicht selbst erlebt habe. Aktuell bin ich dabei, das Fotoprojekt „HVNGRY for more“ auf die Beine zu stellen, eine Porträtserie über verschiedenste Ausdrücke von Gender und Identität. Der Zufall und mein persönliches Umfeld haben dazu geführt, dass die Menschen, die ich für dieses Projekt porträtieren werde, fast alle nicht-binär und trans Personen, sowie People of Color sind. Mein Anliegen ist es, Fotos zu schaffen, die ihnen bestmöglich entsprechen und Raum lassen, um ihre Lebensrealitäten zum Vorschein kommen zu lassen. Aber das ist immer eine Gratwanderung und ich versuche, so rücksichtsvoll und feinfühlig wie möglich zu sein.

„Mich interessiert der Körper als Projektionsfläche und Schlachtfeld von diversen gesellschaftlichen Machtstrukturen und Zuschreibungen.“

Thematisieren Sie Ihre eigenen Privilegien in Ihren Arbeiten?


Ich bin mir meiner Privilegien als weiße Frau sehr bewusst. Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass Künstler*innen in ihren Arbeiten berücksichtigen, von welcher Position und Perspektive aus sie sprechen, in welchem Kontext ihre Arbeiten gezeigt werden und wer diese sehen wird.

Wie äußert sich diese Rücksicht bei Ihnen?


In meiner Praxis achte ich darauf, in diversen Kontexten zu arbeiten und die unterschiedlichsten Menschen zu erreichen, zu berühren, zum Nachdenken anzuregen. Das kann auf einer Party bei einem Drag-Auftritt passieren, auf einer Theaterbühne, bei einer Performance in einem kleinen Off-Space, bei einer Vorlesung, im Rahmen einer Fotoausstellung. Meine Arbeiten sind zwar oft sehr politisch, sie sollen aber zugleich auch ästhetisch und emotional ansprechend sein. Ich bin der Ansicht, dass man in allen Kontexten Menschen erreichen kann, auch solche außerhalb gebildeter, elitärer Kreise. Wenn unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungshintergründe aufeinanderstoßen, können wir am meisten voneinander lernen und gemeinsam wachsen.

Für das Projekt HVNGRY setzt Reding nicht-binäre und trans Menschen wie Hazbi in Szene.

Sind Sie ein Mensch, der sich immer voller Motivation in die Arbeit stürzt?

Das gesellschaftliche Bild des*r Künstlers*in ist sehr romantisiert. In der Realität ist es so, dass 90 Prozent meiner Zeit in Administrations- und Produktionsarbeit fließt. Es steckt ein ganzes Business dahinter – insbesondere, wenn man versuchen möchte, bei künstlerischen Projekten alle darin involvierten Personen korrekt zu entlohnen. Ich selbst werde immer wieder ausgebeutet und will das auf keinen Fall reproduzieren. Oft möchten insbesondere die großen Institutionen kreative Menschen nur durch „Visibilität“ bezahlen. Oder es besteht die Haltung „Wir sind doch befreundet, da kommt es nicht auf die Bezahlung an“. Ich denke aber: Gerade wenn man befreundet ist, ist es umso wichtiger, Arbeit fair zu entlohnen. Bei dem bürokratischen Aufwand, der damit einhergeht, stößt meine Motivation zugegebenermaßen oft an ihre Grenzen. Die unheimlich bereichernde Zeit im Studio mit meinem Team sowie die Auftritte geben mir dafür den notwendigen Antrieb. Zudem habe ich auch einen hohen Grad an Disziplin – die ich wohl meiner jahrelangen Ballettausbildung zu verdanken habe. Und als letzte Strategie versuche ich zu verstehen, warum es mir gerade nicht gut geht. Ist das Problem gelöst, komme ich dann auch schnell wieder da raus. Ich habe mittlerweile keine Angst mehr, tief zu fallen, weil das mir hilft, Dinge zum Besseren zu verändern.

Fühlen Sie sich durch die Pandemie in Ihrem Schaffen eingeschränkt?

Durch die Pandemie sind die Prozesse viel arbeitsreicher geworden, weil man ständig einen Plan B, C etc. in petto haben muss und weil die durch die Pandemie bedingten Arbeitsausfälle einen großen administrativen Mehraufwand mit sich bringen – durch die ständigen Verschiebungen von Produktionen, aber auch da ich als Leiterin meiner Kompanie und Arbeitgeberin dafür verantwortlich bin, Entschädigungen für meine Teams zu organisieren. Trotz der vielen Absagen und Verschiebungen bin ich jedoch sehr dankbar, dass am 3. November mein Stück „m.a.d.“ Premiere feiern konnte. Zudem habe ich das Glück, interdisziplinär zu arbeiten. Ich habe immer schon mit Videos und Fotografie gearbeitet, sodass ich flexibel auf die aktuelle Situation reagieren kann. In den letzten Monaten habe ich mich intensiver damit befasst, wie digitale Plattformen bestmöglich eingesetzt werden können. Bei einer Aufführung, die als Live-Vorstellung geplant ist und ihren ganzen Wert aus der direkten Begegnung zwischen Künstler*innen und Publikum schöpft, bringt es nichts, nur eine Kamera aufzustellen und das Ganze zu streamen. Stattdessen können die spezifisch digitalen Eigenschaften – die Unmittelbarkeit, die Interaktivität, die Kombination unterschiedlicher Kameraperspektiven, Online-Kultur, etc. – genutzt werden, um Auftritte auf eine Weise zu zeigen, wie das niemals innerhalb eines Theaters möglich wäre. Trotzdem wird aktuell viel Energie, Zeit und Geld verpulvert, weil sich die Situation immer wieder ändert. Wir alle brauchen im Moment einen langen Atem und viel Durchhaltevermögen.

Valerie Reding wurde in Luxemburg geboren und arbeitet seit 2015 an der Schnittstelle von Performance, Tanz, Fotografie, Video, Installation und Drag. Am 3. Februar ist im Rahmen des „1+1 au 3 Online“ des TROIS C-L ihre Performance „m.a.d. – about you“ zu sehen. Am 1. März kann ihre Zusammenarbeit mit Melting Pol am KUK Live 6 um 19:00 Uhr gestreamt werden. Ein Teil von Redings Foto- und Videoarbeiten sind auf www.valeriereding.com zu sehen.

Im Rahmen der Reihe „Was treibt Sie an?“ präsentieren wir einmal im Monat ein Interview mit einer Person, die sich außerhalb einer politischen oder aktivistischen Laufbahn für eine gerechtere Welt einsetzt.

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