Was treibt Sie an?: Erfahrungen greifbarer machen

Kunst und Politik gehen für manche nicht gut zusammen. Nicht aber so für Schauspielerin und Autorin Larisa Faber. Auftakt unserer Interviewreihe mit Menschen, die sich für gesellschaftlichen Wandel einsetzen.

© Roxanne Peguet

woxx: Wie sind Sie dazu gekommen, eine künstlerische Karriere anzustreben?


Larisa Faber: Dass meine beiden Eltern kunstbegeistert sind, hatte sicherlich einen starken Einfluss auf mich. Dank ihnen hatte ich stets Zugang zu einer Bandbreite an Kunstformen. Als wir noch in Rumänien lebten, habe ich meine Mutter ins Theater begleitet, nachdem wir nach Luxemburg ausgewandert waren, habe ich angefangen, Geigen- und Ballettunterricht zu nehmen. Auch Museums- und Opernbesuche waren von klein auf ein selbstverständlicher Teil meines Lebens. Mein Interesse an Kunst äußert sich in erster Linie in einer Vorliebe fürs Geschichtenerzählen und diese wiederum hatte vor allem etwas mit dem Bedürfnis zu tun, die Welt um mich herum zu verstehen.

Würden Sie also sagen, dass Sie vor allem durch Ihren familiären Hintergrund geprägt wurden?


Auf jeden Fall. Einerseits durch meine Herkunft aus Rumänien und meine Immigrationsgeschichte. Andererseits durch die Scheidung meiner Eltern. Meine Mutter repräsentierte für mich die Welt, aus der ich herkam, und mein luxemburgischer Adoptivvater die Welt, in die wir ausgewandert sind und zu der ich anfangs glaubte, dazuzugehören. Ich wurde schon in der Kinderstube politisiert, dadurch dass innerhalb meiner Familie unerlässlich über Politik gesprochen wurde: Über den Einzug der russischen Armee in Rumänien, der damit einhergehende Jobverlust meines Urgroßvaters, die Enteignung meiner Urgroßeltern, dass meine Großmutter nicht studieren durfte – solche Gespräche gehörten zu meinem Alltag. Auch über unsere Integration in die Luxemburger Gesellschaft haben wir viel gesprochen. Meine Mutter sagte immer: Wenn du dich benimmst und hart arbeitest, stehen dir alle Türen offen. Ich habe mich darum bemüht, dieses Ideal so gut es ging zu erfüllen. Mein Hauptziel war die Assimilation. Vor der Einwanderung nach Luxemburg idealisierte meine Mutter den Westen und jetzt im Nachhinein ist mir bewusst geworden, dass ich dies als Kind auch tat. Ich hielt Luxemburg für ein perfektes Land und wollte einfach nur dazugehören. Als sich meine Eltern dann haben scheiden lassen, musste ich schlagartig feststellen, dass wir in den Augen meiner Adoptivfamilie immer Ausländerinnen bleiben würden, egal wie sehr wir uns bemühen. Ab diesem Moment habe ich angefangen, Luxemburg anders wahrzunehmen.

„Mir ist unverständlich, wie man Zivilcourage und politisches Engagement von der Bevölkerung fordern kann, sie dann aber ablehnt, sobald es ungemütlich wird.“

Ich bin immer noch der Meinung, dass es uns hier sehr gut geht, unser Leben hier ist ohne Zweifel besser, als es das in Rumänien war. Aber mir ist bewusst geworden, dass auch hier vieles zerbrechlich ist, und damit war auch die Angst vor der Autorität weg. Sich ständig zu Dankbarkeit verpflichtet zu fühlen, ist kontraproduktiv, weil ich dadurch das Gefühl hatte, nicht richtig dazuzugehören. Was mich auch sehr geprägt hat, war der Wechsel von meinem rumänischen Nachnamen hin zu dem meines Adoptivvaters. Du hast ein anderes Leben in Luxemburg, wenn du Faber heißt.

© Roxanne Peguet

Was treibt Sie an?


Die Antwort darauf fällt anders aus, je nachdem ob ich über die Schauspielerei oder das Schreiben spreche. Ersteres ist der Beruf, den ich gelernt habe. Letzteres habe ich nebenbei erlernt und es ist mir im Laufe der Jahre immer wichtiger geworden. Ich habe mich damals für ein Schauspielstudium entschieden, weil ich mir nichts vorstellen konnte, worin ich meine Lebenszeit und Energie lieber investieren mochte. Ich wollte mein Leben mit etwas füllen, das mir Spaß macht und das ich als sinnvoll empfinde. Was das Schreiben angeht, haben sich mir in den letzten Jahren manche Geschichten immer stärker aufgedrängt. Es waren Dinge, die entweder mir selbst oder Menschen, die ich kenne, passiert sind. Erlebnisse oder Situationen, die mir aus einem bestimmten Grund unverständlich oder ungerecht erschienen und die ein Gefühl der Empörung in mir auslösten. Durchs Schreiben versuche ich, diese Erfahrungen greifbarer zu machen. Was mich also vor allem motiviert, sind Geschichten, sie sind ein zentraler Aspekt davon, wie wir Menschen unsere Existenz konstruieren. Ich glaube ganz stark an die Fähigkeit der Kunst, Dinge zu ändern. Wie könnte es anders sein, wenn doch immer wieder versucht wurde und wird, sie zu zensieren. Vor der Pandemie war meine Arbeit mein Leben. Ich habe vor Kurzem etwas über Angstzustände gelesen und in vielen der Symptome konnte ich mich wiedererkennen: rigoroses Planen, totales Kontrollbedürfnis, mentale Vorbereitung auf Worst-Case-Szenarien. Unabhängig davon, ob ich mich aus einem unbewussten Angstgefühl heraus so verhalte oder nicht: Harte Arbeit ist ein wesentlicher Aspekt meines Lebens, weil sie das Einzige ist, das für mich von Relevanz ist.

Fällt es Ihnen schwer, sich von einem Text zu trennen?


Es ist schlimmer, wenn ein Text zerrissen wird, als wenn jemand sagt, dass ich schlecht gespielt habe. Ich bin unsicherer bezüglich des Schreibens, weil ich es nicht studiert habe.

Im März 2021 wird Larisa Faber im Neimënster in der Wiederaufnahme ihres selbstgeschriebenen Stücks „stark bollock naked“ zu sehen sein. (Foto: Lynn Theisen)

Würden Sie es auch in Erwägung ziehen, über Problematiken zu schreiben, zu denen Sie keinen persönlichen Bezug haben?


Bisher habe ich ausschließlich über Dinge geschrieben, die mich zumindest vom Thema her direkt betreffen. Ein Theaterstück, das ich zurzeit entwickele, beruht zwar nicht auf meiner persönlichen Erfahrung, ich kenne jedoch die Person, der das widerfahren ist, und ich empfinde eine starke Empathie ihr gegenüber. Die Produktion handelt von den sogenannten School-Leaks im Jahr 2015. Da hat mich die Zivilcourage der angeklagten Lehrkräfte inspiriert und die negativen Auswirkungen, die diese auf ihr Leben hatten. Dabei wollten sie durch ihr Handeln nur einen Missstand aufdecken. Sie haben gehandelt in einer Situation, in der es darauf ankam, weil systemische Probleme vorlagen. Der Preis, den sie dafür zahlen mussten, war enorm hoch. Mir ist unverständlich, wie man Zivilcourage und politisches Engagement von der Bevölkerung fordern kann, sie dann aber ablehnt, sobald es ungemütlich wird. Die Problematiken, über die ich schreibe, müssen also auf jeden Fall etwas in mir auslösen. Rezent habe ich aber eine unerwartet bereichernde Erfahrung gemacht beim Schreiben eines bestellten Theaterstücks. Das Thema, Pädophilie, hatte keinerlei Bezug zu meinem Leben. Die Hauptfigur war männlich, was ebenfalls etwas Neues für mich war. Ich habe dann aber schnell gemerkt, dass meine Angst zu versagen, mich lächerlich zu machen nicht gerechtfertigt war.

Haben Sie das Gefühl, in der Luxemburger Theaterwelt alles machen zu können, was Ihnen vorschwebt?


Mittlerweile ja. Als Freelancer bin ich darauf angewiesen, dass andere mich unterstützen und in mich investieren wollen. Hat man erst einmal solche Institutionen gefunden, dann genießt man hierzulande sehr viele Freiheiten. Eine Institution, die mir mehr als irgendeine andere ermöglichte, in Luxemburg Fuß zu fassen, ist Maskénada. Menschen wie Claude Mangen und Serge Tonnar haben mich unheimlich ermutigt und gefördert. Ich bin mir natürlich auch bewusst, dass ich sehr privilegiert bin: Ich bin weiß, bin in jungen Jahren nach Luxemburg gekommen, konnte mich hier problemlos assimilieren, in der Schule war ich nicht benachteiligt, finanziell ging es meiner Familie und mir immer sehr gut. Es gab in meinem Leben nur einen Moment, in dem ich existenzielle Angst verspürte: Kurz vor der Premiere meines Stücks „Disko Dementia“ hat das Familienministerium Maskénada aufgrund einer Polemik die Finanzierung verweigert. Da ist mir zum ersten Mal so richtig bewusst geworden, dass die Autoritäten, die eigentlich da sind, um die Bevölkerung zu schützen, Kunstfreiheit zu schützen, dieser Aufgabe nicht immer nachkommen.

Zur Person

Larisa Faber kam 1986 in Rumänien zur Welt und wanderte im Alter von vier Jahren mit ihrer Mutter nach Luxemburg aus. Seit 2010 ist sie als Theater- und Filmschauspielerin tätig. In den letzten Jahren war sie unter anderem in der Fernsehserie „Bad Banks“, dem Kinofilm „Angelo“ und dem von ihr geschriebenen Theaterstück „Disko Dementia“ zu sehen.
Im Rahmen der Reihe „Was treibt Sie an?“ präsentieren wir einmal im Monat ein Interview mit einer Person, die sich außerhalb einer politischen oder aktivistischen Laufbahn für eine gerechtere Welt einsetzt.

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