Wer pflegt uns, wenn wir alt sind?

Personalmangel und eine zunehmend alternde Gesellschaft werden den Pflegesektor in den nächsten Jahren vor immer größere Herausforderungen stellen. Bei einer Diskussionsrunde im CHL haben Akteur*innen aus dem Bereich zurück- und nach vorne geblickt.

© Mohamed Hassan / pixabay

Welche Anforderungen stellen sich heutzutage an Pflegepersonal? Welche Herausforderungen kommen in den nächsten Jahrzehnten auf diese Berufsgruppe zu? Diese Fragen standen am Montag im Rahmen eines Rundtischgesprächs im CHL im Fokus.

Zu den geladenen Gästen gehörten Monique Birkel, Direktorin der Pflege im CHL, Catherine Gapenne, Direktorin des Service des aides et soins der Croix-Rouge, Adele Fiorucci, Präsidentin der Association luxembourgeoise des aides-soignantes (Alas), Carlo Gudenbourg, Vize-Direktor des LTPS und Sonia Marzona, Verantwortliche des Service social et coordination der Association Luxembourg Alzheimer (Ala).

Zur Einführung lieferte Michèle Wolter stellvertretend für den Gesundheitsminister Zahlen zum Pflegesektor. Demzufolge handelte es sich 2018 bei 25 Prozent des medizinischen Personals um „Aides-soignant-e-s“. Es wird prognostiziert, dass bis zum Jahr 2034 davon 38 Prozent in Rente gegangen sein werden.

Das ist besonders deshalb besorgniserregend, weil immer weniger junge Menschen an diesem Berufsfeld interessiert sind. Wie Carlo Gudenburg beschreibt, ist die Anzahl an Ausbildungsanfänger*innen in den letzten vier Jahren von 600 auf 400 gesunken. Statt wie früher 20 Klassen gäbe es deren mittlerweile nur noch 13. Gudenburg zeigte mit konkreten Ideen auf, wie der Beruf wieder attraktiver gemacht werden könne: „Jungen Menschen müssen Perspektiven geboten werden, sie müssen die Möglichkeit haben, sich weiterzubilden und Karriere zu machen“. Es bedürfe zudem einer Evaluation, ob die momentane Ausbildung noch den Ansprüchen der Berufspraxis gerecht werde.

Andere Diskussionsteilnehmer*innen appellierten vor allem an die Eigeninitiative angehender „Aide-soignant-e-s“. So rief Sonia Marzona dazu auf, nicht vor einem Studium im Ausland, wo immerhin ein breiteres Angebot bestehe als hierzulande, zurückzuschrecken. Adele Fiorucci rief dazu auf, sich aktiv nach Weiterbildungsmöglichkeiten umzusehen und den Kontakt zu anderen medizinischen Berufsgruppen zu suchen. „Le bonheur est en vous“ lautete die Botschaft von Monique Birkel an das größtenteils aus angehenden Pflegepersonen bestehende Publikum. Es sei wichtig, sich zu mobilisieren und Angebote nicht passiv abzuwarten. Artikel zu verfassen und die Berufssparte auf Konferenzen zu vertreten gehöre ebenfalls dazu.

Als am Ende der Diskussion Fragen aus dem Publikum angenommen wurden, stand die politische Verantwortung wieder im Fokus. Eine Person wollte wissen, weshalb vonseiten des Gesundheitsministeriums keine Rekrutierungs-Kampagne gestartet werde, wie es etwa bei der Armee regelmäßig passiere. Michèle Wolter erklärte, dass bereits ein Budget für eine großangelegte Kampagne vorgesehen sei, die jungen Menschen auf unterschiedlichste Berufssparten hinweisen soll. Momentan liefen dafür die Vorbereitungen in Zusammenarbeit mit Akteur*innen vom Feld. Eine andere Person wies darauf hin, dass Praktika in der „Aide-soignant-e-s“-Ausbildung zurzeit unbezahlt seien – ebenfalls ein Faktor, der sich auf potenziell Interessierte abschreckend auswirke. Wie Gudenburg unterstrich, ist eine Bezahlung gesetzlich möglich, dies müsse aber noch in die Praxis umgesetzt werden.

Was bei der Diskussion interessanterweise nicht zur Sprache kam, war der Umstand, dass hauptsächlich Frauen im Pflegesektor arbeiten und es demnach nötig wäre, gezielt Jungen und Männer für die Berufssparte zu gewinnen. Bezeichnenderweise sprachen alle Diskussionsteilnehmer*innen ausschließlich von „Aides-soignates“ und „Infirmières“.

Nicht zu kurz kam dafür die Begeisterung für den Beruf. Die Diskussionsteilnehmer*innen waren sich eins, dass es sich zwar um eine herausfordernde, dafür aber auch ausgesprochen bereichernde Tätigkeit handele. Es stimme nicht, dass es bei der Pflege hauptsächlich darum ginge, Menschen zu waschen und mit Essen zu versorgen. Der wichtigste Teil sei der humane, zwischenmenschliche – auch wenn das in der Alltagspraxis oft zu kurz komme. Birkel drückte ihr Bedauern darüber aus, dass die Rolle, die Pfegepersonen für die Genesung und das physische und psychische Wohlbefinden der Patient*innen und Kund*innen spielen, generell zu wenig geschätzt werde.


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